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Freitag, 08.09.2017

Sind Kommentare immer SZ-Meinung?

Sicher sind Kommentare persönliche Meinungen der Autoren. Gibt es aber Grenzen, eine „Zensur“ im Haus? Letztendlich ist es ja im weitesten Sinne die Meinung der SZ. Der Kommentar Ihrer Kollegin „Zieht doch weg, wenn es Euch zu laut ist“, ist die Vorstufe zur Anarchie. Sie will einen bunten, lauten Kiez. Wen das stört, soll wegziehen. MfG, S. Nitzsche

Sehr geehrter Herr Nitzsche,

die Kommentatorin ist eine junge Kollegin, die die gewachsene Kultur im Dresdner Kneipenviertel Neustadt verteidigt. Die soll nicht leiden, so meint sie, weil ältere Neustädter, deren Party-Bedarf womöglich gedeckt ist, früh aufstehen müssen. Aber sie sagt nicht nur, zieht weg, sondern empfiehlt das Gespräch mit Clubbetreibern, um nach Kompromissen zu suchen. Das ist eine klare Meinung, die verschiedene Schlussfolgerungen zur Diskussion stellt. Aber ist das die Meinung der SZ? Gibt es überhaupt „die“ Meinung der SZ?

Ja, aber so ausdrücklich ganz selten. Es ist schon vorgekommen, dass die Redaktion sich einen Standpunkt erarbeitet hat und den veröffentlicht. So etwas gab es zum Beispiel in den 90ern zur inneren Pressefreiheit. Aber sonst? Die SZ verzichtet sogar weitgehend auf Leitartikel, die diesen Eindruck erwecken können oder auf Wahlempfehlungen, wie sie in angelsächsischen Ländern üblich sind. Wenn der Chefredakteur einen Kommentar veröffentlicht, nimmt er sein Recht wahr, Richtungen vorzugeben. Dennoch kann später ein Redakteur durchaus eine abweichende Meinung zum gleichen Thema schreiben. Und das ist auch gut so.

Denn die Meinung der jungen Kollegin, die die Partyszene verteidigt, ist in der Zeitung wichtig. Genauso wie ein möglicher Kommentar – vielleicht folgt der noch – eines älteren Redakteurs, der die Meinung der Lärmgeplagten vertritt. Im besten Falle wird eine Diskussion ausgelöst, die zu Ergebnissen führt. Und für eine solche Diskussion ist ein breites Meinungsspektrum notwendig. Dies gilt nicht nur für lokale Themen, sondern auch für die große Politik.

Damit ist Ihre Frage beantwortet, ob es so etwas wie Zensur bei der SZ gibt. Gibt es natürlich nicht. Grenzen aber schon. Rechtsradikale, rassistische Ansichten sind selbstverständlich ausgeschlossen sowie alles, was gegen das Grundgesetz verstößt. Wie nun mit Kommentaren umgehen, die der eigenen widersprechen? Mein Tipp für mündige Zeitungsleser: Erst mal in Ruhe lesen, dann nachdenken, gern auch aufregen. Dann die eigene Meinung schärfen – so oder so.

Ihr Olaf Kittel

E-Mail an Olaf Kittel