erweiterte Suche
Samstag, 02.04.2016

Sind Journalisten selbstkritisch genug?

In der vergangenen Woche haben Sie die Frage beantwortet, ob Journalisten alles ertragen müssen. Sicher müssen sie das nicht. Aber gestatten Sie eine Gegenfrage: Müssen die Leser und Fernsehzuschauer alles ertragen? Und wenn sich führende Politiker und Journalisten irren, wäre da eine selbstkritische Äußerung nicht notwendig? MfG Christine Hecker

Sehr geehrte Frau Hecker,

Sie werfen wichtige Fragen auf, die gerade viele Leser und Journalisten gleichermaßen bewegen: Sind Redakteure nah genug am Leben dran? Gehen sie selbstkritisch mit ihren Arbeiten um? Bis vor Kurzem wäre die Antwort ziemlich klar gewesen: aber ja doch. Journalisten sind schließlich Tag für Tag vor Ort unterwegs, erleben die Realität hautnah. Jeden Tag unterziehen sie sich einer Blattkritik und erhalten Mails und Briefe, in denen sich Leser mit ihren Arbeiten auseinandersetzen. Geschieht doch einmal ein sachlicher Fehler, dann berichtigt die Redaktion den in aller Regel.

Also alles gut? Die Antwort auf Ihre Frage, sehr geehrte Frau Hecker, fällt Journalisten heute schwerer denn je. Sie sind nachdenklicher geworden. Nicht nur wegen der eingehenden Hass-Mails, auf die ich in der vergangenen Woche an dieser Stelle einging. Sondern vor allem, weil langjährige Leser lange Briefe schreiben, in denen sie sich ernsthaft mit der Rolle von Journalisten auseinandersetzen. Einige fragen, ob sich Redakteure zu sehr in ihrer eigenen Welt eingerichtet haben. Andere haben sogar den Eindruck, dass irgendjemand in Berlin Journalisten die Meinung vorgibt und sich alle daran halten.

Letzteres trifft zwar nun überhaupt nicht zu, aber schon dieser weit verbreitete Eindruck irritiert. Auch deshalb ist in den Redaktionen und in Journalistenverbänden eine intensive Debatte über solche Themen entstanden. Und dabei werden gerade noch viel mehr Fragen gestellt als Antworten gegeben. Wie konnte ein solcher Eindruck entstehen? Was läuft schief? Oder wie das geht: Journalisten wollen mehrheitlich ihre Haltung gegen Fremdenfeindlichkeit zeigen, ohne als realitätsfremde Spinner zu gelten.

Diese Debatte ist noch lange nicht abgeschlossen und die Beteiligung unserer Leser daran ausdrücklich erwünscht. Dabei denkt die Redaktion der Sächsischen Zeitung gerade über neue Formen der Leserbeteiligung nach. Näheres dazu, sehr geehrte Frau Hecker, werden wir in Kürze vorstellen.

Ihr Olaf Kittel