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Sind Journalisten interessengesteuert?

Ich weigere mich, den Begriff „Lügenpresse“ zu nutzen. Zum einen entspricht er in keiner Weise meinem Niveau, zum anderen trifft er auch nicht den Kern. Dem Vorwurf „interessengesteuerter Journalismus“, gesteuert von wem auch immer, müssen Sie sich aber schon stellen. MfG Helmut Hanel

24.04.2016

Sehr geehrter Herr Hanel,

es ist gut, dass Sie den Begriff „Lügenpresse“ wie die große Mehrheit unserer Leser ablehnen. Ein solcher Vorwurf entspringt der Einstellung, dass alles, was der eigenen Meinung in diesen heißen Zeiten widerspricht, gelogen sein muss. Journalisten macht ein solcher Vorwurf fassungslos. Seit einigen Tagen übrigens finden Sie im Netz unter „Lügenpresse.de“ eine Seite, auf der Journalisten aus Sachsen in Videobotschaften ihre Meinung dazu sagen. Sie werden vielen dieser Ansichten zustimmen können.

Aber sind Journalisten „interessengesteuert“? Wer könnte denn Einfluss nehmen? Und wie soll das gehen? Ruft Sigmar Gabriel bei der SZ an, wenn ihm die SPD zu kritisch beleuchtet wird? Oder die Kanzlerin, um ihre Sicht auf Putin anzumahnen? Oder Stanislaw Tillich mit dem Wunsch, die AfD zu vermöbeln, weil sie seiner CDU in die Quere kommt? Natürlich nicht. Und selbst wenn einer ihrer Taschenträger auf die Idee kommt, der Zeitung mal ein bisschen Druck zu machen, dann gibt es bei der SZ genug verantwortliche Redakteure, die alle Tricks kennen und Einflussnahmen zurückweisen. Mehr noch, Redakteure sind so gestrickt, dass sie darauf allergisch reagieren und schon solche Versuche eher das Gegenteil bewirken. Das trifft übrigens auch auf denkbare wirtschaftliche Einflüsse zu. Schon mancher Verlagsmitarbeiter hat sich die Haare gerauft, wenn kritische Artikel ausgerechnet über einen guten Anzeigenkunden erschienen.

Sie, sehr geehrter Herr Hanel, werden jetzt fragen, wie es dann kommt, dass Pegida in der Presse fast durchweg kritisch betrachtet wird. Oder Wladimir Putin. Und warum Journalisten Merkels Flüchtlingskurs mehrheitlich eher zustimmen. Diese Haltungen sind das Gegenteil von interessengesteuert. Sie beruhen auf Grundüberzeugungen, die Journalisten auch dann nicht bereit sind aufzugeben, wenn sich Stimmungen verändern, womöglich sogar Mehrheiten. Dies ist in diesen Tagen für manche Leser unangenehm, weil diese Ansichten nicht mit den eigenen übereinstimmen. Aber es ist gut, solche Spannungen auszuhalten. Weil Meinungsbeiträge in der SZ anregen können, noch einmal über die eigene Position nachzudenken. Ob ein Leser seine Position dann korrigiert oder nicht, ist ja ganz allein seine Entscheidung. Und es ist für Leser gut zu wissen, dass da eben nicht Journalisten sitzen, die ihr Fähnchen nach dem Wind hängen.

Ihr Olaf Kittel

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