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Sind die Sidos Glücksritter?

Mit großem Vergnügen lese ich die Artikelserie über die syrische Familie. Es ist geradezu grandios, wie Sie das Märchen unserer Politiker von den hoch qualifizierten Flüchtlingen zerstören. Bravo, weiter so! Ungewollt liefert die SZ den Nachweis, dass die meisten Flüchtlinge wahre Glücksritter sind, die ohne irgendwelche Kenntnisse auf die gebratenen Tauben warten. MfG Günter Klaus

04.06.2016

Sehr geehrter Herr Klaus,

Familie Sido aus Syrien kenne ich nun seit einigen Monaten, sehe sie wöchentlich, begleite sie zu Ämtern, treffe mit ihnen andere Flüchtlinge und versuche zu verstehen, was sie bewegt, was sie können, was sie wollen. Dass sie und ich je drei Sprachen gelernt haben, hilft wenig - es sind nicht die gleichen. Für sie und für mich öffnen sich langsam neue Welten. Was ich jetzt aber bereits ganz sicher weiß: Glücksritter sind sie gewiss nicht.

Familie Sido ist aus Aleppo geflohen, der Stadt im Norden Syriens, auf die seit fünf Jahren Assads Fassbomben fallen, in denen verbissene Straßenkämpfe toben und sich Radikale an den Einwohnern vergehen. Die Sidos haben das jahrelang ertragen, immer in Angst. Sie sind erst gegangen, als der IS ihr Häuschen angegriffen und geplündert hatte. Sie wären viel lieber geblieben in ihrer Heimat, bei den Freunden und der Familie. Aber sie konnten nicht mehr.

Auch Ihr Sprachbild von den gebratenen Tauben, werter Herr Klaus, würde Familie Sido nicht verstehen. Ja, sie sind froh und dankbar, dass sie in Deutschland aufgenommen wurden und eine Grundsicherung erhalten. Alles andere müssen sie sich in einer fremden Welt hart erarbeiten. Diese Woche habe ich erlebt, wie sie sich im Deutschkurs bemühen und die Übungen noch in der Pause fortsetzen, um schneller voranzukommen. Ich habe Rozan Sido in der Arbeitsagentur erlebt, wo er deutlich signalisierte, dass er zwar gern wieder als Elektriker arbeiten würde, aber auch jede andere Arbeit annehmen wird. Und Mitarbeiter der Agentur bestätigten, dass die meisten Flüchtlinge unbedingt arbeiten und ihr eigenes Geld verdienen wollen. Hinter vorgehaltener Hand ist auch zu hören: Wäre schön, wenn wir das von allen unseren Kunden sagen könnten.

Heute ist nicht abzusehen, ob es Familie Sido schafft. Ihr Weg ist weit, und die Hürden sind für sie hoch. Die SZ lädt ihre Leser ein, bei dieser Reise ins Ungewisse dabei zu sein. Es wäre schön, wenn wir sie vorurteilsfrei begleiteten.

Ihr Olaf Kittel