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Sieg mit Emotionen und Hindernissen

Die Volleyball-Frauen des Dresdner SC gewinnen das erste Halbfinale in Stuttgart, personell wird die Lage aber prekär.

02.04.2017
Von Daniel Klein, Stuttgart

Emotionen und Hindernissen
Die Damen des Dresdner SC sind auf einem guten Weg, um das Finale um die deutsche Meisterschaft zu erreichen.

© Archiv: Robert Michael

Nebenan in der größeren Halle sang Philipp Poisel seinen Hit „Zünde alle Feuer“ – als hätte er geahnt, was sich nur wenige Meter entfernt beim ersten Halbfinale zwischen dem MTV Stuttgart und dem Dresdner SC abspielte. Das Duell war sportlich packend, emotional aufgeladen und akustisch ohrenbetäubend. Ein Volleyball-Krimi im Tollhaus.

Dass der mit einem 3:2-Erfolg für den DSC endete, war nicht unbedingt zu erwarten. Viermal hatten sich beide Mannschaften in dieser Saison bis dahin getroffen, dreimal hieß der Sieger Stuttgart. Erschwerend kam aus Dresdner Sicht „die personell nicht unbedingt beste Ausgangslage“ hinzu, wie es Zuspielerin Mareen Apitz formulierte. Auf der Mittelblocker-Position fehlt Brittnee Cooper wegen einer Handgelenksverletzung schon länger, nun erwischte es noch Erin Johnson. Sie bekam beim Training einen Ball vors Auge, wurde operiert und fällt auf unbestimmte Zeit aus.

Nach alter DSC-Tradition fiel das unter höchste Geheimhaltungsstufe. Katharina Schwabe plagte sich mit einer Entzündung im Halswirbelbereich herum, kam nur sporadisch zum Einsatz. Im ersten Satz knickte auch noch Jocelynn Birks um. Die US-Amerikanerin spielte nach einer Behandlung zunächst weiter, musste dann aber doch aufgeben. „Ich bin unheimlich stolz auf die Mannschaft“, sagte Myrthe Schoot.

Die Holländerin meinte damit nicht nur das Ergebnis, sondern vor allem, wie es zustande kam. Der DSC sah bereits wie der sichere Verlierer aus, bei 1:2-Satzrückstand und einem zwischenzeitlichen 22:24 hatten die Dresdnerinnen zwei Matchbälle gegen sich. Am Ende konnten sie nicht nur ausgleichen, sondern gewannen auch den Tiebreak. „All denen, die vorher behauptet hatten, wir seien keine Mannschaft, konnten wir geil kontern“, meinte Apitz. „Heute hat das ganze Team funktioniert.“

Die Kritik war womöglich auch deshalb aufgekommen, weil der Vorjahresmeister bei einigen wichtigen Spielen Nerven gezeigt hatte: der Supercup ging verloren, und im DVV-Pokal war auch vorzeitig Schluss – beide Male scheiterte der DSC an Stuttgart, der beide Titel holte und nun das Triple als Ziel formuliert hat. Das jedoch wird nach der Heimniederlage schwer.

Am Samstag kann Dresden bereits den Finaleinzug perfekt machen – dank des abgespeckten Programms. Vor der Saison hatte der Verband fürs Halbfinale den Best-of-5-Modus beschlossen, wurde jetzt aber davon überrascht, dass Schwerin noch im Europapokal spielt und es deshalb zu Terminkollisionen kommen könnte. Nicht nur der DSC, der als Hauptrunden-Dritter in einem möglichen Entscheidungsspiel gegen Stuttgart erneut auswärts antreten müsste, hatte die kurzfristige Änderung des Reglements scharf kritisiert. Nun jedoch könnte er sogar davon profitieren.

Waibl sieht Gelb

„Der neue Modus ist jetzt zumindest kein Nachteil mehr“, bestätigte Trainer Alexander Waibl. Bei einer Niederlage in Stuttgart wäre die Lage dagegen kompliziert gewesen. „Wenn man mit dem Rücken zur Wand steht, ist es immer schwierig“, erklärte Schoot.

Wohl auch deshalb hatten die beiden Trainer ihre Emotionen nicht immer im Griff. Bei einer umstrittenen Schiedsrichterentscheidung am Ende des zweiten Satzes wurde Waibl verwarnt, konnte sich trotzdem nicht beruhigen und erntete in seiner Heimatstadt Pfiffe und Buh-Rufe. Im vierten Satz sah dann auch sein Gegenüber Guillermo Hernandez die Gelbe Karte. Zuletzt hatten sich die Finalgegner von 2015 und 2016 bereits einige Scharmützel geleistet. Im Vorjahr etwa machte sich Stuttgart über die Jubelpose der Dresdnerinnen, die nach Punktgewinnen einen Flieger imitierten, lustig. Was beim DSC wiederum gar nicht gut ankam.

Am Samstag war die Stimmung während der 129 dramatischen Minuten grandios, sie drohte nur danach kurz zu kippen. Stuttgart wollte den Kapitän stilvoll verabschieden, die Zeremonie wurde jedoch von Sprechchören Dresdner Anhänger gestört.

Rund 50 schwarz-gelbe Fans waren am Vorabend von Dynamos Gastspiel beim VfB Stuttgart zum blau-roten Volleyball-Duell gekommen. Zum Schluss feierten einige von ihnen mit freiem Oberkörper und entzündeten vor der Halle ein Leuchtfeuer. Dass dies eine Anspielung auf das Lied von Philipp Poisel war – davon ist allerdings nicht auszugehen.