Donnerstag, 22.11.2012
Sex mit Skelett
Eine nekrophil veranlagte Frau steht in Göteborg vor Gericht. In ihrer Wohnung fand die Polizei sechs Schädel, viele Knochen sowie Leichenteile. Aber keine Antwort auf die Sammelleidenschaft.
Von Korrespondent André Anwar, Stockholm
Friedhof und Kuscheltier im Schlafzimmer der angeklagten Frau. Laut Anklage teilte die Dame nicht nur das Bett mit einem Skelett, sondern soll sich mit dem auch unter der Decke vergnügt haben. Foto: dapd
Diese Geschichte aus Schweden ist so skurril, dass einem die meisten der so beliebten, weil brutalen Krimis aus Skandinavien geradezu langweilig vorkommen:
Handelt es sich um Mord? War es Grabschändung? Oder ist es inzwischen tatsächlich möglich, Hunderte von menschlichen Leichenteilen für die eigenen vier Wände über Internetversandhäuser zu beziehen? Letzteres behauptet zumindest eine 37-jährige Frau, gegen die gestern am Amtsgericht von Göteborg Anklage erhoben wurde.
Am 5. September hatte die Göteborger Polizei in der Wohnung der nun als „Skelettfrau“ titulierten Helena L. ein Lager mit Hunderten von Leichenteilen sichergestellt. Die Toten sollen ihren Ursprung teils in Skandinavien, in Nordamerika, aber auch im Nahen Osten haben. Einige Leichenteile stammten noch aus den 50er-Jahren.
Zufall und Leichtsinnigkeit sind es anzurechnen, dass die Polizei Anfang September auf die Frau aufmerksam geworden war. Die hatte versucht, im Hof spielende Kinder einzuschüchtern. Sie rief ihnen zu, dass sie Schusswaffen, Messer und tote Menschen bei sich hätte.
„Ich habe Menschen ermordet. Alles ist voller Blut bei mir da drinnen“, erinnern sich Zeugen an die Worte der Angeklagten. Als die Kinder sie auslachten, schoss sie mehrmals in ihrer Wohnung. Daraufhin alarmierten Nachbarn die Polizei.
Laut Staatsanwaltschaft handelt es sich bei der Angeklagten um eine Schwedin mit sexueller Neigung für Leichen, auch Nekrophilie genannt. Laut sichergestellten Beweisen wie Foto-CDs und Filmen soll die Angeklagte die Skelettteile für sexuelle Aktivitäten genutzt und teils im Gefrierfach aufbewahrt haben. Im Computer hatte sie Leichenbilder von Unfalltoten gespeichert, Fotos aus Leichenhallen und Motive, auf denen die Frau mit ihren Skelettteilen posiert.
Darüber hinaus soll Helena L. laut Staatsanwaltschaft auch Teil eines Netzwerkes sexuell Gleichgesinnter sein und über einen längeren Zeitraum mit Leichenteilen gehandelt haben.
Nekrophilie in Schweden okay
Die Staatsanwaltschaft bezweifelte die Aussage der Angeklagten, sie habe sämtliche Leichenteile über Internetversandhäuser bezogen. In ihrer Wohnung hatte die Polizei auch einschlägige Gebrauchsanleitungen und Ausrüstungsgegenstände zum Ausgraben von Toten auf Friedhöfen gefunden als auch Leichensäcke. „Verletzung des Grabfriedens“ lautet nun die Anklage. Im Gegensatz zu Deutschland ist die Nekrophilie in Schweden an sich nicht strafbar. Sie wird auch nicht als sexuelle Krankheit, sondern als sexuelle Abweichung von den Normen definiert. Es gehe dabei normalerweise nicht um den direkten Beischlaf mit Toten, wie es die im Volksmund verbreitete Auffassung besage. Es gehe eher um die Gegenwart von Symbolen des Todes beim Beischlaf mit anderen Menschen mit den gleichen Neigungen, klärte ein schwedischer Sexualforscher zum Prozessauftakt in einer schwedischen Zeitung auf.
Denn der weltweite Handel mit Leichenteilen gilt als lukrativ. Ein Kopf kostet in Europa derzeit über 500 Euro, Oberschenkelknochen über 100 Euro. Der bekannteste Fall ereignete sich im Herbst 2009 in den USA. Ein Mann wurde zu acht Jahren Gefängnis verurteilt, weil er dabei erwischt wurde, als er 20 Totenköpfe in die USA einschiffte. In der Garage des Mannes fand die Polizei weitere 1.100 Köpfe. Der Amerikaner hatte arme chinesische Bauern dafür bezahlt, Gräber in ihrer Heimat zu plündern. Pro Kopf erhielten sie 10 Euro.