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Dienstag, 13.02.2018

Seniorin fühlt sich von der Werbung getäuscht

Eine Rentnerin will einen Kredit für eine neue Küche. Mit den versprochenen null Prozent Zinsen wird es aber nichts.

Von Antje Steglich

Ärger mit dem Geld hatte jetzt eine Rentnerin aus Glaubitz. Sie wollte für den Kauf einer neuen Küche einen Kredit aufnehmen. Der wurde ihr allerdings verwehrt.
Ärger mit dem Geld hatte jetzt eine Rentnerin aus Glaubitz. Sie wollte für den Kauf einer neuen Küche einen Kredit aufnehmen. Der wurde ihr allerdings verwehrt.

© Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Glaubitz/Zeithain. Die alte Küche stammt noch aus DDR-Zeiten – und geht schon noch, findet zumindest Rentnerin Else F.* Die Möbel in ihrem Häuschen in Glaubitz sind alle noch intakt, haben aber schon viele Jahre auf dem Buckel. Zuletzt hatte sich die 83-Jährige eine neue Wohnstube Anfang der 1990er gegönnt. Doch als jetzt der Sohn zum wiederholten Male die Spüle reparieren soll, überredet er seine Mutter, sich doch gleich eine neue Küchenzeile zu kaufen. „Sie gönnt sich sonst nichts. Und sie soll es sich doch schön machen“, findet er. Gemeinsam studieren sie die Prospekte des nahe gelegenen Discounters Möbel Boss, der gerade mit satten Rabatten für Küchen und einer Null-Prozent-Finanzierung für 48 Monate wirbt. „Das klingt doch nicht schlecht. Wegen der Werbung sind wir überhaupt erst losgegangen“, erzählt der Sohn. Und schließlich werden die beiden auch schnell fündig.

Die Rentnerin sucht sich eine praktische kleine Küche aus – für 2 850 Euro. Und diese Summe will Else F. über eine Laufzeit von sieben Monaten finanzieren lassen. Der Kredit wird ihr allerdings nicht gewährt. Ohne Angaben von Gründen, beschwert sich nun der Sohn. „Erst wird mit zinslosen Krediten geworben, und wenn es darauf ankommt, wird nichts daraus. Das ist Beschiss“, findet er. Schließlich gibt es seiner Meinung nach keinen Grund für eine Ablehnung. Else F. erhält rund 1 400 Euro Rente, lebt mietfrei im eigenen Haus und hat keine Schulden, sagt der Sohn. Er findet, dass seine Mutter ungerecht behandelt, wenn nicht gar aufgrund ihres Alters diskriminiert wird. Er versucht deshalb, mit der Santander Consumer Bank AG als Finanzierungs-Partner von Möbel Boss persönlich Kontakt aufzunehmen. Doch eine zufriedenstellende Antwort erhält er nicht.


Und auch gegenüber der SZ bleibt die Begründung trotz Entbindung vom Bankgeheimnis für diesen Fall reichlich vage: „Letztlich hat im konkreten Fall die persönliche und finanzielle Situation der Dame zu der Einschätzung geführt, dass sie ihren Rückzahlungsverpflichtungen möglicherweise nicht nachkommen können werde“, so Unternehmenssprecherin Eva Eisemann. Der Bank ist es dabei allerdings wichtig zu betonen, dass der Glaubitzerin der Kredit nicht aufgrund ihres Alters verweigert wurde. „Diese Einschätzung ist ganz unabhängig von ihrem Alter und nicht wegen ihres Alters zustande gekommen. Die gewissenhafte Entscheidung unserer Bank ist daher weder in rechtlicher noch in moralischer Hinsicht zu kritisieren“, so die Sprecherin. Insbesondere Rentner seien nämlich keine ausgenommene Kundengruppe des Unternehmens. Die Glaubitzerin erfüllte dagegen einfach nicht die Kriterien der Bank für eine Kreditvergabe, sagt Eva Eisemann.

Bei Anfragen gehöre es zum Prozedere bei Santander, unter anderem das Haushaltseinkommen und weitere Finanzierungsverpflichtungen zu prüfen. Zudem müsse der Antragsteller volljährig sein und seinen Wohnsitz in Deutschland haben. Täglich werden bei Santander im Durchschnitt insgesamt etwa 10 000 Kredite bewilligt und gebucht, heißt es von dem Unternehmen.

Ganz aus der Luft gegriffen scheint der Vorwurf der Rentnerin aus Glaubitz allerdings nicht. „Es gab in den vergangenen Jahren immer wieder einzelne Verbraucher, die die Vermutung geäußert haben, dass sie aufgrund ihres Alters keinen Kredit bekommen haben“, erzählt Andrea Heyer von der Verbraucherzentrale Sachsen. „Einen nachgewiesenen Fall haben wir aber noch nicht auf dem Tisch gehabt. Das ist auch nicht verwunderlich, denn das wäre ein Verstoß gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz, hier konkret Altersdiskriminierung. Tatsächlich werden die Banken deshalb versuchen, eine Ablehnung offiziell immer mit der Bonität zu begründen.“ Und auch die Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat regelmäßig ähnliche Fälle auf dem Tisch, weiß Pressesprecher Sebastian Bickerich. Er empfiehlt Betroffenen, sich bei der Antidiskriminierungsstelle beraten zu lassen oder Kontakt zum Bankenombudsmann aufzunehmen – um zunächst eine gütliche Einigung zu erzielen. Ansonsten müsste im Einzelfall das Gericht entscheiden.


Laut einem aktuellen Beitrag des Online-Kreditvergleichsportals Finanzcheck.de wurden im vergangenen Jahr lediglich zwei von drei Kreditanträgen von Ruheständlern über das Portal bewilligt. Denn nach dem Eintritt in den Ruhestand sinke oftmals die Chance auf Bewilligung eines Kredits. „Bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung der Deutschen von 81 Jahren möchten Banken sichergehen, dass das geliehene Geld auch zurückgezahlt wird. Somit hat auch das Alter bei der Risikobewertung der Banken Einfluss.“ Bestünden zudem keine ausreichenden Sicherheiten und ist die monatliche Rente oder Pension zu gering, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass eine Kreditanfrage abgelehnt wird. Allerdings gibt es auch andere Beispiele: „Der älteste Antragsteller, der einen Kredit über Finanzcheck.de bewilligt bekommen hat, war 93 Jahre alt. Stimmen nämlich gewisse Voraussetzungen, klappt es auch im hohen Alter noch mit dem Kredit“, sagt Finanzcheck-Gründer Moritz Thiele.

Und Else F. aus Glaubitz? Sie kauft am Ende doch die Küche bei Möbel Boss – auch ohne Kredit. Die Anzahlung hat sie bereits geleistet, die Restsumme ist bei Lieferung fällig. „Am liebsten hätte ich das Geschäft abgebrochen“, sagt der Sohn, „aber ich wollte meine Mutter nicht noch mehr stressen. Sie soll sich ja schließlich noch über ihre neue Küche freuen.“

*Name von der Redaktion geändert.