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Samstag, 05.03.2016

Sehr besondere Umstände

Rund 20 Hebammen geben schwangeren Flüchtlingsfrauen das, was sie am meisten entbehren: ein Gefühl der Sicherheit und Anteilnahme.

Von Nadja Laske

Die Hebammen Heike Höhle (Mitte) und Constanze Hubricht versorgen im Erstaufnahmecamp an der Gutzkowstraße eine Schwangere. Die meisten Frauen, die in ihre Sprechstunde kommen, sind körperlich gesund. Doch der seelische Stress der Flucht lastet auf ihnen.
Die Hebammen Heike Höhle (Mitte) und Constanze Hubricht versorgen im Erstaufnahmecamp an der Gutzkowstraße eine Schwangere. Die meisten Frauen, die in ihre Sprechstunde kommen, sind körperlich gesund. Doch der seelische Stress der Flucht lastet auf ihnen.

© DRK LV Sachsen e.V.

Wiege oder Stubenwagen? Silikon- oder Kautschukschnuller? Und welchen Autokindersitz empfiehlt uns Stiftung Warentest? Entscheidende Fragen, denen sich werdende Eltern zuwenden, sobald sie wissen: Wir sind schwanger.

Die Frauen, die zu Constanze Hubricht kommen, haben andere Sorgen. Ihnen schmerzt der Rücken, nachts, auf dem Feldbett im Camp. Sie müssen häufig auf die Toilette, doch der Weg zur Sanitäreinrichtung ist weit. Monatelang haben sie keinen Arzt gesehen, und wie sie künftig mit ihrem Baby leben werden, das wissen sie nicht. Auch ihre Männer haben noch keinen Plan vom neuen Familienglück. Sie sind froh, nach wochenlanger Flucht in Sicherheit zu sein.

Constanze Hubricht ist Hebamme. Im Spätsommer des vergangenen Jahres erreichte sie und ihre Kollegin Heike Höhle ein Notruf des Deutschen Roten Kreuzes. Der Wohlfahrtsverein hatte mit der Versorgung Tausender Flüchtlinge in den Erstaufnahmeeinrichtungen auch deren medizinische Versorgung zu organisieren. Werdende Mütter brauchten dringend Ansprechpartner. „Bei einer gesunden Schwangeren muss das ja nicht nur der Gynäkologe sein“, sagt Constanze Hubricht. Schwangerenberatung, Geburtsvorbereitung, Wochenbettbetreuung, all das sind Aufgabenfelder der Hebammen. Außerdem haben Schwangere Bedürfnisse, die sie in ihrer aktuellen Lebenslage als Asylsuchende entbehren müssen, sagt die 37-Jährige.

Schwangerschaft und Flucht sind eine fatale Kombination, weiß auch Heike Höhle. „In dieser Zeit brauchen Frauen Beständigkeit und Anteilnahme“, sagt die 47-Jährige. „Sie müssen in ihrer ungewohnten Situation jemanden haben, mit dem sie reden können und der sie bestärkt.“ Wenn die Frauen der Familie, Mütter, Schwiegermütter, Schwestern und Freundinnen, nicht in der Nähe sind, kann nur eine Hebamme diese Zuwendung geben. „In der Schwangerschaft stehen alle Signale auf Nestbau. Genau das aber können Flüchtlingsfrauen eben gerade nicht tun.“

Nachdem das DRK zunächst Kontakt zum Geburtshaus Dresden aufgenommen hatte, erklärten sich auch zahlreiche Hebammen anderer Praxen und Selbstständige bereit zu helfen. Rund 20 von ihnen bieten in verschiedenen Erstaufnahmeeinrichtungen Sprechstunden an, viele ehrenamtlich und alle freiwillig. „Wir treffen uns regelmäßig, um die Einsatzpläne zu klären und uns auszutauschen“, sagt Constanze Hubricht. Das Ergebnis sind einheitliche Öffnungszeiten, jeden Donnerstag von 10 bis 14 Uhr. Jede Woche nehmen jeweils acht bis zehn Schwangere die Sprechzeiten in den Camps war. Frauen kurz vor der Geburt sind darunter, ebenso wie sogenannte Frühschwangere, die auf der Flucht oder erst hier in Deutschland schwanger geworden sind. „Wir hören sehr traurige und dramatische Geschichten, in denen auch Vergewaltigungen vorkommen“, sagt Constanze Hubricht. Wenn zu den besonderen Umständen noch Traumata hinzukommen, ist doppelte Zuwendung nötig.

Auch Schwierigkeiten in der Verständigung erschweren die Arbeit. Zwar haben die Geburtspflegerinnen in aller Regel einen Dolmetscher zur Seite. Der jedoch nimmt auf Wunsch der Frauen oder auch deren Ehemänner oft hinter einer spanischen Wand Platz. Manchmal legt die Kommunikation noch weitere Wege zurück. Nämlich dann, wenn die Frau nur über ihren Mann mit dem Dolmetscher sprechen darf – kulturelle Unterschiede, die den Hebammen bei ihrer Arbeit begegnen, und die sie, wenn möglich, mit den Frauen besprechen: In Deutschland ist das anders.

„Wir lernen ganz viel bei dieser Arbeit“, sagt Constanze Hubricht. Zum Beispiel, wie in anderen Ländern, Kulturen, Religionen mit werdenden Müttern und Wöchnerinnen umgegangen wird. „Für viele sind die Schwangerschaft und die Wochen nach der Geburt eine Zeit der absoluten Ruhe.“ Während sich die Frauen normalerweise fast allein um Haushalt und Kinder kümmern, werden sie im Wochenbett umsorgt und gepflegt. „Dafür sind meistens die Mütter und Schwiegermütter zuständig.“ Das findet Heike Höhle der besonderen Phase völlig angemessen. „Man muss sich mal vorstellen: Eine Schwangerschaft ist, als habe man Pubertät und Wechseljahre zusammen“, sagt sie. Der Körper müsse unentwegt mit seinen Veränderungen klar- kommen. Ist das Baby auf der Welt, sehe die Natur vor, dass Mutter und Kind sich ungestört aufeinander einstellen. „In unserer gestressten Gesellschaft gönnt sich das kaum noch jemand.“

So unterschiedlich ist Stress. Die Flüchtlingsfrauen haben ihn mit ihren Lebensbedingungen und brauchen zusätzlich zur einfühlsamen Beratung mehr Rückzugsmöglichkeiten in Massenunterkünften, besseren Schlaf, Umstandskleidung und Hygieneartikel. „Und Aufklärungsmaterial rund um Schwangerschaft und Geburt in Deutschland wäre gut, am besten in den relevanten Sprachen“, sagt Constanze Hubricht. Sie als Hebamme hat ebenfalls Wünsche: „Wir geben den Schwangeren gern Magnesium und Nahrungsergänzungsmittel für Schwangere mit und haben vor Kurzem eine ganze Palette von der Firma Merck bekommen. Das war großartig!“ Auch Schwangerschaftstests, Blutabnahmeutensilien, Ultraschallgel, Schreibwaren für die Dokumentationen können sie und ihre Kollegen gut gebrauchen.

Meistens gehen sie bei solchen Anschaffungen in Vorleistung. „Wir haben einen helfenden Beruf und lieben ihn“, darin sind sich die Hebammen einig. Doch Helfer zu stärken, gibt zusätzlich Kraft. Der Weg ist schließlich noch weit.