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Samstag, 07.03.2015

Sehnsucht nach Damaskus

Ihre Arbeit führte die Restauratorin Anke Scharrahs nach Syrien. Von dort bringt sie eine weite Sicht auf die Welt mit.

Von Nadja Laske

Das Dresdner Damaskuszimmer blieb fast 100 Jahre unbeachtet. Seit 1997 befreien Anke Scharrahs und ihr Team die reich verzierte Holzvertäfelung Quadratzentimeter für Quadratzentimeter von Schmutz und Übermalung. Die Einheimischen in Damaskus nennen solche Einrichtungen Ajami-Zimmer.
Das Dresdner Damaskuszimmer blieb fast 100 Jahre unbeachtet. Seit 1997 befreien Anke Scharrahs und ihr Team die reich verzierte Holzvertäfelung Quadratzentimeter für Quadratzentimeter von Schmutz und Übermalung. Die Einheimischen in Damaskus nennen solche Einrichtungen Ajami-Zimmer.

© André Wirsig

Von ihrem besonderen Schlafplatz erzählt Anke Scharrahs gern. Den hat ihre syrische Gastfamilie extra für sie frei gehalten: eine Matratze direkt neben dem Kühlschrank. Nur für den Fall, dass sie nachts Hunger bekommt. Dann soll der Weg zum Essen möglichst kurz sein. „Das ist ein Ausdruck von Gastfreundschaft“, sagt die Restauratorin. Von der Freundlichkeit der Menschen in Syriens Hauptstadt kann sie viel berichten. Unzählige Male ist sie in Damaskus gewesen und hat dort über drei Jahre lang einem historischen, holzvertäfelten Zimmer zu alter Schönheit verholfen – einem sogenannten Damaskuszimmer, wie auch das Museum für Völkerkunde Dresden eines besitzt.

Noch nicht ganz so prunkvoll ist das hiesige Exponat. Und zurzeit verdient das in Einzelteile zerlegte Relikt diese Bezeichnung auch kaum. Anke Scharrahs und ihre Kolleginnen sind noch etliche Tausend Pinselstriche von der Vollendung ihrer aktuellen Arbeit entfernt. Seit 1997 analysieren und restaurieren sie die verzierte Verkleidung eines 22 Quadratmeter großen Raumes. Im Ostflügel des Japanischen Palais lagern bereits fertiggestellte Teile des orientalischen Wandschmuckes, korrekt ausgerichtet, auf dem Boden. Einzelne Bretter liegen auf Böcken fixiert. Darüber gebeugt sitzen Restauratorinnen und ergänzen Farben, wo die originale Bemalung nicht erhalten ist. Zuvor haben sie mit filigranen Werkzeugen und speziellen Lösungsmitteln alte, bröckelnde Farbschichten vom Holz gehoben. Die sind viel jünger als die originalen Applikationen und verdecken, was Kunsthandwerker Anfang des 19. Jahrhunderts gemalt haben: florale Muster, Gebäude, Landschaften und Schriftzeichen. Vor allem aus Letzteren schließt Anke Scharrahs, wem es einst gehört haben könnte. Der genaue Besitzer ist zwar nicht bekannt, doch die Auswahl der Verse an den Wänden deutet darauf hin, dass in dem ehemaligen Empfangsraum ein Damaszener Kaufmann seine Gäste und Geschäftspartner begrüßt und bewirtet hat.

„Es dürfte ein aufgeklärter, liberaler Mensch gewesen sein“, vermutet Anke Scharrahs. In der poetischen, philosophischen Dichtung, die in arabischen Schriftzeichen auf die Vertäfelung geschrieben ist, werde Gott zwar angerufen, aber der Prophet Mohammed nicht beim Namen genannt. „Wenn der Hausherr im Handel tätig war, hatte er ganz sicher Kontakt zu Menschen aller möglichen Religionen und wollte sie in neutraler Atmosphäre empfangen.“ Zimmer wie dieses waren einst die wichtigsten Räume im Haus. Mit ihrer Ausstattung präsentierten die Besitzer ihre Bildung, ihren Berufsstand und Glauben.

Schmerzvoller Abschied

In Damaskus’ Altstadt gibt es noch etliche historische Häuser, deren Wände mit Holz verkleidet wurden, wie in Europa mit wertvollen Stofftapeten. Diese Altstadt hat es Anke Scharrahs angetan. „Wenn ich meine Familie nicht hier hätte, wäre ich dort hingezogen“, sagt sie. Ein Jahr lang hat sie im Metropolitan Museum of Art in New York gearbeitet. Das war die erste Probe eines Lebens mit Trennung auf Zeit. „Mein Sohn war fünf Jahre alt, meine Tochter 12. Als ich das Angebot bekam, haben wir beratschlagt und ausprobiert, wie die Kinder, mein Mann und ich es aushalten, wenn ich wochenlang weg bin.“ Schließlich plante Anke Scharrahs ihre Reisen nie für länger als drei Wochen am Stück und dazwischen genug Zeit daheim. In viele Länder und Städte hat ihr Beruf sie geführt. Doch zu Damaskus fühlt sie eine besondere Verbindung. Schon als Teenager sei sie vom Orient und der maurischen Baukunst fasziniert gewesen. Kurz nach dem Studium an der Hochschule für Bildende Künste Dresden erhielt sie den Auftrag, sich als Expertin für die Restaurierung von bemaltem Holz um den Erhalt des Dresdner Damaskuszimmers zu kümmern. Fortan war die islamische Kunst ihr Thema. Dabei sei der Begriff „islamische Kunst“ nicht richtig treffend, sagt sie. Er werde für alle Regionen angewendet, in denen der Islam einmal gewirkt hat. Auch wenn er heute dort keine Rolle mehr spielt. Inzwischen gilt Anke Scharrahs als führend in der Erforschung der Damaskuszimmer.

Umso bitterer für die 45-Jährige, dass sie seit drei Jahren die geliebten Orte nicht mehr aufsuchen, langjährige Freunde und Kollegen nicht mehr treffen und das Projekt, an dem sie bis März 2012 selbst mitgearbeitet hat, nicht mehr begleiten kann. Als sie fortging, ließ sie ihre Werkzeuge da. „Ich habe es nicht übers Herz gebracht, ganz und gar zu gehen und lange gehofft, bald wiederzukommen.“ Mit ihren Freunden aus der Zweitheimat bleibt Anke Scharrahs in Kontakt. Christen, Muslime, Juden sind darunter. Durch sie und ihre Familien hat sie Einblick in syrische Gepflogenheiten mit all ihren Facetten bekommen. Sie erlebt, wie Familien ihren Alltag organisieren, die Kinder erziehen, ihren Glauben leben, politische Entwicklungen bewerten und sich selbst engagieren. Für nichts davon, sagt Anke Scharrahs, gibt es irgendeine Allgemeingültigkeit. Viele der Frauen, mit denen sie in Damaskus zu tun hatte, gingen unverschleiert, wie auch Anke Scharrahs selbst. Wenige haben Verständnis für die Entwicklung der dogmatisch verhüllenden Kleiderordnung. Es gebe in Syrien viel mehr „tolle Frauen in Führungspositionen“ als in Deutschland, erzählt sie. „Einer meiner muslimischen Freunde hat sich zeitweise von seiner Frau getrennt, weil sie zur Erziehung den gemeinsamen Kindern auf Hände und Po schlug.“ Dabei manifestiert sich hierzulande das Bild des Muslims, der alle züchtigt: Kinder und Ehefrau. Immer wieder ist Anke Scharrahs ratlos darüber, welch verkürztes Bild die meisten Menschen hier von anderen Kulturen haben. Mit ihrer Arbeit macht sie einen Teil des Reichtums sichtbar. Alte Farb- und Schmutzschichten hebt sie beim Restaurieren des Damaskuszimmers von der ursprünglichen Bemalung und hofft, dass sich damit auch verkrustete Ansichten lockern lassen und der Blick auf das Wirkliche frei wird.

Zu Gast bei Fremden

Hin und wieder führt sie Schulklassen durch die Atelierräume im Japanischen Palais. Dann schreibt sie die Namen der Kinder in arabischen Schriftzeichen. Viele staunen und fragen. Mit jeder Antwort lernen sie etwas über die Welt dazu, von der die Restauratorin erzählt. Wie vom Schlafplatz am Kühlschrank oder der Art, als Besucher eine Bleibe zu finden. Meistens kam Anke Scharrahs mit dem Flieger zwei Uhr nachts in Damaskus an. Viel Zeit, bis sie morgens ihr Quartier beziehen konnte. „Oft saß ich während des stundenlangen Fluges neben syrischen Geschäftsmännern, die mich in ihre Familie einluden“, sagt sie. Mit der größten Selbstverständlichkeit baten sie die Fremde bis zum Tagesanbruch in ihr Haus. Ein Zettel an die schlafende Ehefrau genügte. Darauf stand: Wir haben einen Gast, wenn er erwacht, bitte bereite ihm ein Frühstück zu.