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Schweres Gerät im Wald

In Kurort Hartha sitzt der größte Holzspediteur der Region. Chef Tilo Meißner verrät, warum der Job so spannend ist.

08.10.2017
Von Franz Werfel

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Gerät im Wald
Holzstämme aufsammeln und verladen ist das Kerngeschäft der Firma Holztransporte Meißner aus Kurort Hartha. Die meisten Fahrer müssen auch den Kran bedienen können. Sie sind unter anderem im Tharandter Wald, im Osterzgebirge und in der Sächsischen Schweiz unterwegs. Von hier aus wird das Holz in ganz Deutschland verteilt.

© Karl-Ludwig Oberthür

Kurort Hartha. Als der große Brummi in den Tharandter Wald einbiegt, gucken die Pilzsammler, die hier am Vormittag unterwegs sind, nicht schlecht. Dabei sieht der 14 Meter lange Truck unbeladen nicht halb so imposant aus, wie wenn er voll wäre. 25 Tonnen Holz will Fahrer Jens Ehrlich auf einen Schlag aus dem Wald holen, irgendwo zwischen Grillenburg und Hetzdorf. Dafür muss er erst mal wenden. „14 Meter Anhänger rückwärts um die Kurve, ohne zu stocken. Das muss er bringen. Und das bringt er“, freut sich Tilo Meißner. Der 58-Jährige hat seine Firma in der Wendezeit aufgebaut. Dass er Erfolg haben würde, konnte er 1989 noch nicht wissen.

Meißner, ein gebürtiger Harthaer, hat Baufacharbeiter gelernt. Eigentlich wollte er Autoschlosser werden. Technik und Brummis, das hat ihn schon immer interessiert. „Aber im Kreis Freital gab es dafür pro Jahr nur eine Azubi-Stelle“, sagt Meißner. Die wurde unter der Hand vergeben – er hatte keine Chance. Nach seiner Ausbildung fuhr er zehn Jahre lang Holz aus dem Wald. Als Mitarbeiter des Staatlichen Forstwirtschaftsbetriebs Tharandt in Dippoldiswalde. Er belieferte das Sägewerk Räntzsch in Hartha. Das war in der DDR enteignet worden, hieß VEB Sägewerk Kurort Hartha.

So viel Freude der Job auch machte – immer im Wald, immer zu zweit auf einem Lkw –, rosig waren die Zeiten nicht. „Auch unser Betrieb bekam nur begrenzt Diesel. War der aufgebraucht, ging nichts mehr“, erzählt Tilo Meißner. Bei den Reifen das gleiche Problem: Waren die runtergefahren, standen die Autos still. So lange, bis Nachschub kam. „Das hat mich extrem frustriert. Ich war ein junger Kerl, ich wollte was schaffen.“ In den 80er-Jahren stellt Tilo Meißner beim Rat des Kreises in Freital den Antrag auf Selbstständigkeit. „Ich war aber nicht in der Partei. Der Antrag wurde abgelehnt.“ Am 1. Mai 1989, dem Tag der Arbeit, wird seinem Wunsch stattgegeben.

Nach der Wende, der staatliche Forstbetrieb war längst abgewickelt, hatte das Sägewerk Räntzsch in Hartha ein Problem: Wie sollte das Holz nun vom Wald ins Werk kommen? Tilo Meißner sieht seine Chance. Für fast 200 000 D-Mark kauft er im Sauerland seinen ersten Brummi. Einen weißen Scania. Wie konnte er sich das leisten? „Der Autobauer sagte zu mir: ,Dort drüben ist die Bank. Nimm einen Kredit auf.‘ So einfach war das damals.“

Meißner geht seine ersten Schritte in der freien Marktwirtschaft. Er beliefert mehrere Sägewerke in der Region. Und er macht Fehler. An einem Kipper, den er durch die ganze Republik jagt, hält er mehrere Jahre fest, obwohl sich das Fahrzeug nicht rentiert. Dann, auf Druck seiner Frau Regina, die als Buchhalterin die Firma entscheidend mitgestaltet, verkauft er.

Heute hat seine Firma elf Mitarbeiter und elf Fahrzeuge. Der Umsatz belief sich im vergangenen Jahr auf 1,8 Millionen Euro. „Aber die Maschinen kosten viel“, sagt Meißner. Für den Kran, mit dem Sohn Stephan im Wald die Lkws belädt, hat er 320 000 Euro bezahlt. Diese und alle anderen Trucks der Firma glänzen wie aus dem Ei gepellt. Man würde nicht vermuten, dass die Autos bei jedem Wetter im Wald unterwegs sind. Penibelste Sauberkeit ist dem Chef wichtig. Jedes Wochenende werden die Autos geputzt, auch er packt mit an. „Dann fühlen sich die Fahrer wohl. Und ich bekomme nach sechs Jahren und 600 000 gefahrenen Kilometern mehr Geld raus.“

Die Brummi-Fahrer von Holztransporte Meißner können ihre Jungsträume ausleben. „Sie sind montags bis freitags unterwegs, vor allem in Ostdeutschland.“ Ein normaler Montag beginnt in Kurort Hartha mit einem voll beladenen Lkw. Dann geht das Holz ins Sägewerk von Lampertswalde. In Ottendorf wartet schon die nächste Ladung. Die wird nach Baruth/Mark gefahren. In Lübben im Spreewald kommt wieder Holz auf den Laster. So geht es alle Tage. Auch Güterwaggons befüllt die Firma. „Die Bahn lohnt sich meist ab 200 Kilometern“, sagt Meißner. Welches Holz wann wohin gefahren wird, bestimmen die Sägewerke. Die Stämme werden zu Möbeln, Spanplatten, Parkett, Laminat und Papier verarbeitet. Meißner sieht sich als Spediteur.

„Wir Holztransporteure sind eine besondere Art Brummi-Fahrer“, sagt er. Die Nähe zur Natur, die Ruhe, das will er auch an seine Mitarbeiter weitergeben. Bei allen Anforderungen, die der Job mit sich bringt. „Beim Holz ist der Druck nicht ganz so hoch wie bei anderen Spediteuren.“ Stress auf der Autobahn, unfreundliche Fahrer und unfaire Kontrollen kann er nicht leiden. „Wenn einer am Freitagabend in Kesselsdorf ankommt und seine neun Stunden Fahrzeit rum sind, dürfte er nicht mehr die Viertelstunde nach Hause fahren. Das ist doch irre.“ Und ihn ärgert, dass noch immer so viele Leute auf Lkw-Fahrer schimpfen. „Wenn wir mal alle geschlossen streiken, gibt’s im Supermarkt kein Bier mehr, keine Milch und auch sonst nichts.“

Damit der Spaß an der Arbeit bleibt, ist dem Chef Zusammenhalt wichtig. Da wird etwa spontan am Freitagabend gegrillt. Oder das Team besucht gemeinsam in Schweden die größte Holzmesse der Welt. „Und als unser David sich eine Trucker-Hochzeit gewünscht hat, sind wir mit all unseren Fahrzeugen seiner Einladung gern gefolgt. Das war mal ein Korso …“