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Donnerstag, 10.04.2014

Schottlands Unabhängigkeit ist keine Schnapsidee mehr

Nicht viel kleiner als Österreich und etwa so viele Einwohner wie Finnland - warum sollte Schottland eigentlich kein unabhängiger Staat sein? Was vor kurzem noch nach Spinnerei klang, macht heute den Rest des Vereinigten Königreichs nervös.

Von Michael Donhauser und Teresa Dapp, dpa

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Blick auf die schottische Insel Canna (Symbolfoto).
Blick auf die schottische Insel Canna (Symbolfoto).

© dpa

London. Als Angus Robertson vor drei Jahren seine Thesen für eine Unabhängigkeit Schottlands einem Häuflein Londoner Reporter vortrug, erntete er vor allem eines: Lächeln. Wer es gut mit dem Fraktionschef der schottischen Nationalpartei (SNP) im britischen Unterhaus meinte, lächelte höflich. Die anderen mitleidig bis hämisch.

Heute strotzt der 44-Jährige vor Selbstbewusstsein. „Ich bin überzeugt, dass es zu einem Ja-Ergebnis kommt“, sagt er der dpa. „Wir sind im Aufschwung, vermitteln eine sehr positive Botschaft und sind organisatorisch stark in allen Teilen Schottlands.“ Der Optimismus ist Robertsons Job, schließlich ist der redegewandte Politiker der Kopf hinter dem Wahlkampf der Schottischen Nationalpartei um ihre Galionsfigur, Ministerpräsident Alex Salmond.

Doch er hat auch Grund zur Zuversicht. Vor Salmond, Robertson und ihren Leuten zittert inzwischen ganz Westminster. Wenn Schottland am 18. September über seine Unabhängigkeit abstimmt, wird ein Sieg der Nationalisten nicht mehr völlig ausgeschlossen. Die jüngste Umfrage des Instituts Panelbase sah die Unabhängigkeitsbefürworter so nah am Ziel wie nie zuvor. 47 Prozent würden sich für ein „Ja“ auf die Frage entscheiden, ob Schottland künftig ein unabhängiges Land sein sollte. Bei allem Optimismus in der Unabhängigkeitsbewegung: Bisher hat nicht eine der zahlreichen Umfragen die „Yes“-Kampagne als Sieger gesehen.

Signalwirkung für andere Europa-Abweichler wäre fatal

Für das Vereinigte Königreich wäre eine Abspaltung des nördlichen Landesteils ein verfassungspolitisches Erdbeben, wie es das seit Jahrhunderten nicht mehr gegeben hat. Die Signalwirkung, die von der Insel für andere Abweichler in Europa - etwa Basken und Katalanen ausginge - wäre verheerend.

Großbritannien drohe in die schottische Unabhängigkeit hinein zu schlafwandeln, befürchtet Londons Schottland-Minister Alistair Carmichael. Und der schottische Expressionist Rory Bremner brachte die Stimmungslage in seiner Heimat in der „Sunday Times“ jüngst so auf den Punkt. „Es ist derzeit leichter in Schottland, sich als schwul zu outen, denn als Verfechter der Union mit Großbritannien.“

Kein Wunder also, dass die Nervosität in Westminster steigt. Premierminister David Cameron, der nach eigenem Bekunden „mit jeder Faser seines Körpers“ für den Zusammenhalt Großbritanniens streiten will, wechselte vor einiger Zeit in einem Anflug von Nervenschwäche den Schottland-Minister aus. Der bedächtige Michael Moore muste dem kantigen Carmichael weichen. Das verhinderte jedoch nicht, dass der parteiübergreifenden Kampagne gegen die Unabhängigkeit ein schwerer Fehler nach dem anderen unterläuft.

Britischer Finanzminister droht mit Pfund-Entzug

Erst drohte Finanzminister George Osborne damit, er werde Schottland das britische Pfund als Währung abnehmen, sollte es zur Unabhängigkeit kommen - hinsichtlich ihrer Wirkung auf die Wähler eine „signifikante Fehleinschätzung“, wie die „Financial Times“ inzwischen urteilt. Wenig später wisperte ein Regierungsmitglied in die Londoner Redaktionsstuben, das müsse man nicht so eng sehen. Das Pfund könnten die Schotten vielleicht behalten, wenn sie bereit wären, die britischen Atomwaffen noch ein bisschen länger zu dulden.

Der Maulwurf musste nahe an der Wahrheit liegen, so vehement war die Reaktion der Downing Street. Man werde ihn suchen „und an den nächsten Laternenmast nageln“, hieß es hinter vorgehaltener Hand. Für Angus Robertson und die SNP ein gefundenes Fressen. „Die Leute in Schottland reagieren mit einer Mischung aus Ärger und Amüsement darüber, wie durchgeknallt die Nein-Seite ist“, sagt er feixend. Das „apokalyptische Bild“, das die Gegner der Unabhängigkeit von der Zukunft eines eigenständigen Schottlands zeichneten, beweise doch nur, wie sehr sie unter Druck stünden.

In der Tat hätte die schottische Unabhängigkeit für den verbleibenden Rest Großbritanniens wohl deutlich größere Auswirkungen als für Schottland selbst. Die Briten müssten nicht nur eine vermutlich Milliarden teure Suche nach einem neuen Platz für ihre Atomabschreckung starten - sie ist derzeit komplett in Schottland stationiert. Auch weite Teile der Armee müssten reformiert werden. Massive Steuereinnahmen fielen weg - und mit dem Nordseeöl und dem schottischen Whisky zwei der wichtigsten Exportgüter. (dpa)

Leser-Kommentare

Insgesamt 3 Kommentare

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  1. Jens B.

    Die Nervosität in Rest-UK ist berechtigt: Bei genauerem Hinsehen ist die schottische Wirtschaft viel ausgeglichenere als die englische. Ich denke nur an den viel zu großen Londoner Finanzsektor. Die schottische Rohstoffsituation ist auf absehbare Zeit blendend: Nordsee-Öl und -Gas, jede Menge Wasserkraft und das neue Gezeitenkraftwerk im Pentland Firth. Berühmte Universitäten (Edinburgh, Glasgow, St. Andrews) sorgen für Nachschub an schlauen Schotten. :-) Die Industrie zwischen Edinburgh und Glasgow ist leistungsfähig und dre Handel floriert. Die Regierung und die Wirtschaft in London haben große Angst davor, wenn plötzlich die Warenflüsse gezählt werden, weil dann der Wertabfluss aus Schottland sichtbar wird. Und dass mit der Währung kriegen die auch noch hin, ganz sicher. Come on Scotland !

  2. Max

    Tja, das läuft wohl auf eine Vision hinaus, die bislang nur eine Minderheit auf dem Radar hat: Ein Europa der Regionen.

  3. Meindl Johann

    Nicht nur Schottland will die Unabhängigkeit. Neben den Schotten fordern die Katalanen, Bayern, Süd-Tiroler Unabhängigkeit und Selbstbestimmung. Die deutsche Regierung in Berlin kann die Erfahrungen der Briten nutzen, wenn sich der bayerische Freistaat in die Unabhängigkeit verabschiedet.

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