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Mittwoch, 03.01.2018

Schornstein-Abriss verschiebt sich

Eigentlich sollte der Reicker Riese schon verschwunden sein. Starker Wind hat die Pläne durchkreuzt.

Von Nora Domschke

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Geschrumpft ist der Schornstein in Reick schon. Bis zum März wird er komplett abgerissen sein.
Geschrumpft ist der Schornstein in Reick schon. Bis zum März wird er komplett abgerissen sein.

© Christian Juppe

Jahrzehnte prägte der Schornstein das Stadtbild, nicht nur im Dresdner Osten. Ob er schön ist oder hässlich, darüber sind sich die Dresdner uneinig – dass der Reicker Riese nun nach und nach verschwinden wird, daran gibt es allerdings keinen Zweifel. Wie lange es noch dauert, kann Drewag-Sprecherin Gerlind Ostmann nicht genau sagen. „Das hängt davon ab, wie stark der Wind weht“, sagt sie. Wenn es also nicht allzu stürmisch zugeht zu Beginn des neuen Jahres, wird der Reicker Riese – bislang übrigens zweithöchstes Bauwerk in der Landeshautstadt – im März von der Dresdner Bildfläche verschwunden sein.

Weil das technische Gerät, das oben am Schornstein die Windstärke misst, bei den Herbststürmen im Oktober und November immer wieder ausgeschlagen hat, mussten die Abrissexperten ihren zugigen Arbeitsplatz mehrere Male verlassen. Schon der Beginn der Bauarbeiten hatte sich aufgrund eines Sturmes von Anfang auf Mitte Oktober 2017 verschoben. Denn bläst es heftiger als 50 Stundenkilometer, darf niemand auf der Plattform arbeiten, die am oberen Ende des Schlotes als eine Art Ring angebracht ist. Viele Anrufe gingen in den vergangenen Wochen bei der SZ ein, Anwohner fragten nach, warum am Schlot nicht gearbeitet werde. Auch Gerlind Ostmann bestätigt, dass viele Interessierte bei der Drewag selbst nachgefragt hätten. Der Wind war also schuld.

Teurer wird das Projekt für die Drewag durch die Verzögerungen aber nicht, erklärt die Sprecherin. „Wir haben einen Vertrag für den Abriss.“ Wie lange der dauert, spiele keine Rolle. Wenn es gut läuft, schaffen die Männer gut zehn Meter pro Tag. Dabei kommt ein sogenannter Spinnenbagger zum Einsatz, der den XXL-Schlot von oben her „abknabbert“. Das lose Material wird in den Schornstein geworfen und unten herausgeräumt. In den Tagen vor Weihnachten konnten die Anwohner beobachten, dass sich wieder etwas tut am Schornstein. Trotz Minusgraden fuhren die Männer mit dem kleinen Aufzug zu ihrem frostigen Arbeitsplatz. Als der Schlot noch seine stattliche Höhe von 200 Metern hatte, dauerte die Fahrt im wackligen Korb gut 15 Minuten. Nun wird die Tour täglich kürzer.

Dass der Turm nach 40 Jahren im Einsatz abgerissen wird, hatten die Fachmänner der Drewag entschieden, weil die Kosten für dessen Instandhaltung mehrere Hunderttausend Euro gekostet hätte. Dazu kommt, dass der Riese viel zu riesig ist.

Stahltürme statt Stein-Esse

Das Heizkraftwerk in Reick wird nämlich nur genutzt, wenn es in Dresden richtig frostig ist und die Heizungen in den Wohnungen auf Hochtouren laufen. Die Hauptversorgung übernimmt das Heizkraftwerk an der Nossener Brücke. Sollte dann doch einmal das Heizkraftwerk in Reick zugeschaltet werden, übernehmen jetzt zwei Stahltürme den Dienst vom steinernen Nachbarn. Interessant ist, dass durch den Abriss ein Geschichtsdetail öffentlich wurde, das viele Dresdner wohl nicht kannten. Denn im unteren Teil des Schornsteins befand sich ein Luftschutzbunker – die Abgase des Heizkraftwerks wurden erst in einer Höhe von 25 Metern in die Esse eingeleitet. Darunter befanden sich auf zwei Etagen Klappliegen und Gasmasken, die noch bis zum Abriss an den Wänden hingen.

Was auch immer man davon hält, dass der Turm verschwindet: Mit ihm verliert Dresden ein markantes Industriewahrzeichen. Und nicht das Erste. 1997 hatte die Drewag eine Esse am Nossener Kraftwerk abreißen lassen. Auch dort wurde ein Spinnenbagger eingesetzt – allerdings wurde dieser Bagger damals nicht, wie heute, per Fernsteuerung bedient. Ein Mann saß direkt in der Maschine, um sie zu lenken.

Leser-Kommentare

Insgesamt 2 Kommentare

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  1. kein Fan

    Die Bunkeranlagen sind ein Relikt des kalten Krieges, deren es in unserer schönen Stadt viele gibt. Ich hätte sie mir gern vor dem Abriss angesehen und auch meinen Kindern gezeigt, als Erinnerung an eine Zeit, in der ein heisser Krieg immer auf Messers Schneide stand. Solche Bunkeranlagen, Strassensperren und ähnliches gab es in jedem Land Zentraleuropas, beidseits der Mauer. Diese Erinnerung sollte wach gehalten werden. Hier wurde eine Chance vertan, lebendig zu erinnern.

  2. Michael Würfel

    @kein Fan: Zur Besichtigung des "Bunkers" im Schornstein gab es doch jedes Jahr zum Tag der offenen Tür die Gelegenheit. Ich hatte es 2017 nochmal genutzt. Zu sehen gab es aber nicht mehr viel, weil die Räumlichkeiten als Lager verwendet wurden. Nur die typischen Stahltüren wiesen auf die Funktion als Bunker hin.

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