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Schöffen hinter Gittern

Als ehrenamtliche Richter schicken sie Kriminelle ins Gefängnis. Wie es denen dort ergeht, schauten sie sich jetzt in der JVA Zeithain an – und zeigten sich erstaunt.

12.03.2012
Von Ines Witt-Klotz

Mit gemischten Gefühlen erlebten die mehr als 30 Schöffen und Schöffinnen den Rundgang durch die JVA Zeithain. Das Leben hinter Gittern kennen die meisten aus Fernsehsendungen, die Realität ist anders. „Hier muss man sich erst einmal neu orten, seinen Platz finden, streng nach festen Regeln und Vorschriften leben“, erklärt Benno Kretzschmar, Sicherheitsbeamter in der JVA.

Knapp 400 Insassen ab 21 Jahren verbüßen hier mit einer Maximaldauer von fünf Jahren ihre Haftzeit. „Wir haben die bunte Palette aller Deliktgruppen vereint, darunter auch international agierende Straftäter aller Charaktere und unterschiedlichster Intelligenz“, so Kretzschmar weiter. „Hier drin würde ich Zustände kriegen“, bemerkte Ben Weimann, Schöffe am Riesaer Amtsgericht, beim Besichtigen des besonders gesicherten Haftraumes, der letzten Instanz bei extremen Ausfällen. Der Raum ist gefliest, eine Matratze zum Schlafen, eine ebenerdige Stahlplatte mit Trittfläche und Loch ist das WC. Eine Lichtquelle hinter Panzerglas, zwei Türen für den Zugriff.

Kochen fördert Gruppenbildung

Durchaus freundlicher erleben die Besucher die Erstvollzugsstation. Hier leben 38 Gefangene in Drei- bis Vierbettzimmern. Gruppenmaßnahmen wie Dart, Tischtennis oder Badminton sind beliebte Abwechslungen im Haftalltag und sollen das Gemeinschaftsgefühl stärken. „Wir haben eine Kochgruppe auf der Station. Das gemeinsame Kochen fördert die Gruppenbildung, vermittelt Werte und Orientierung für eine straffreie Lebensführung“, sagt Stephanie Ebert, stellvertretende Anstaltsleiterin.

Wer das erst Mal in Haft ist, soll zur Einsicht und zur Änderung seines Fehlverhaltens motiviert werden. Hier sind die Aufschlusszeiten länger und die Anzahl der Gefangenen geringer als auf anderen Stationen.

Auf der Erstvollzugsstation können die Schöffen mit drei Strafgefangenen sprechen. Sie sind verurteilt wegen Körperverletzung oder Diebstahl, der dritte hat seine Bewährungsauflagen verletzt. Einer hat offensichtlich einen grünen Daumen, Artikel zur Körperpflege stehen rings um das Waschbecken, Fanartikel künden davon, dass alle drei Borussia-Dortmund-Fans sind. Sie haben einen Fernseher, eine Bleistiftzeichnung von einem Hund ist über dem Bett angepinnt.

Worauf die JVA Zeithain zu Recht stolz ist und was ihr fast ein Alleinstellungsmerkmal verschafft, ist das Kreativzentrum mit einem großen Kunstbereich. „Dieses Zentrum ist das Herzstück der Anstalt. Ein ganzer Stab von Kunsttherapeuten, Psychologen, vielen externen Kräften, auch ehrenamtliche Betreuern kümmert sich um die Strafgefangenen, um ihnen Wege aus der Kriminalität, Möglichkeiten für das Leben in Freiheit zu zeigen“, so Kretzschmar. Weit über die Region hinaus ist das Theaterprojekt bekannt. „Erst kürzlich war eine Delegation aus Polen da, um sich extra unseren Kreativbereich anzusehen. Zur letzten Theateraufführung hatten wir Amerikaner da, die absolut begeistert von der Qualität und überhaupt von der Möglichkeit für die Gefangenen waren“, erzählt Kretzschmar.

Nach dem Rundgang durch den Arbeitsbereich mit Ausbildungsstätten und dem Besuch der Sporthalle zieht Schöffe Christian Lisk Fazit: „Ich war noch nie in einer JVA, bin begeistert, wie offen man über alles spricht. Interessant waren Infos zum Täter-Opfer-Ausgleich, was mehr, schon vor einem Prozess, genutzt werden sollte.“