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Freitag, 06.10.2017

Schmökern in der dritten Generation

Die Neustädter Stadtbibliothek feiert Zehnjähriges. Viele Nutzer sind schon viel länger dabei. Eine von ihnen entdeckte Unerwartetes.

Von Nancy Riegel

Wie viele Bücher Bärbel Zirkler (l.) in den letzten 42 Jahren schon ausgeliehen hat? „Es müssen Hunderte sein“, sagt die 72-Jährige. Ihre Tochter Norina Kreißl hat das Bücherwurm-Gen auf jeden Fall geerbt.
Wie viele Bücher Bärbel Zirkler (l.) in den letzten 42 Jahren schon ausgeliehen hat? „Es müssen Hunderte sein“, sagt die 72-Jährige. Ihre Tochter Norina Kreißl hat das Bücherwurm-Gen auf jeden Fall geerbt.

© Steffen Unger

Neustadt. Bärbel Zirkler ist sich ihrer Sache sicher. „Seit 1968 leihe ich mir Bücher in der Bibliothek in Neustadt aus“, sagt die 72-Jährige. Natürlich nicht immer am jetzigen Standort an der Goethestraße, denn hier ist die Bücherei erst seit zehn Jahren ansässig. Aber eben auch schon in den vorherigen Gebäuden. Ein Blick ins System soll Klarheit geben. Den 5. März 1975 spuckt der Computer aus. „Dann habe ich eben schon gelesen, bevor die Nutzer registriert wurden“, lautet Bärbel Zirklers Resumee.

Eigentlich ist das Datum der Registrierung nicht so wichtig. Feststeht: Bärbel Zirkler und ihre Familie sind echte Bücherwürmer. Nicht nur ihr Mann, auch ihre Tochter Norina Kreißl und die Enkelin Lilia besitzen eine Jahreskarte. Die Familie lebt in Niederottendorf und Berthelsdorf und kommt durchschnittlich einmal im Monat in die Neustädter Stadtbibliothek. Drei bis vier Bände leiht sich dann jeder aus. Was auf dem Bücherstapel landet, ist klar definiert. „Auf gar keinen Fall pseudo-historische Romane!“, sagt die 72-Jährige bestimmt. Dann lieber echte Geschichte, und zwar die ihrer Heimat. Die „Sachsen“-Abteilung im Untergeschoss ist ihre liebste.

Dort schmökert auch Norina Kreißl gerne. Die 50-Jährige ist immer auf der Suche nach Krimis, die in der Region spielen. „Tod im Kirnitzschtal“ hat sie zum Beispiel schon gelesen. Ansonsten interessiert sie sich für Biografien von Stars wie Joe Cocker oder Tina Turner. „Meine Tochter sucht eher nach Büchern, die sie für Schulprojekte gebrauchen kann.“ Ein Bildband über Mühlen sei kürzlich sehr nützlich gewesen. Was alle in der Familie eint, ist die Spontanität bei der Bücherwahl. Reinkommen, schauen, ausleihen. Nur Bärbel Zirkler fragt manchmal gezielt nach Werken ihres Lieblingsautors Peter Scholl-Latour.

Bibliotheksleiterin Katrin Gräfe freut sich, wenn sich mehrere Generationen einer Familie anmelden. Derzeit gebe es rund 1 200 aktive Nutzer. „Die Familien kommen auch zum Spielen und verbringen den ganzen Nachmittag hier.“ Vor mehr als zehn Jahren sei das noch anders gewesen, als die Bücherei noch in den Räumen im Erdgeschoss der Mittelschule untergebracht war. „Hier an der Goethestraße ist es ein ganz anderes Ambiente, viel offener und freundlicher“, so Gräfe. Am Montag, dem 9. Oktober, wird das runde Jubiläum gefeiert. Ein Höhepunkt wird der Auftritt des Dresdner Schauspielers und Kabarettisten Peter Kube sein. Ihr persönliches Highlight erlebte Stammleserin Bärbel Zirkler schon vor Kurzem.

In einem Buch über Meißen – wieder aus ihrer Lieblingsabteilung – entdeckte sie den Namen ihres Großvaters. „Bis zu diesem Zeitpunkt wusste ich nur, dass er im Ersten Weltkrieg in einem Lazarett in Frankreich gestorben war.“ In dem Buch war sein Name einer von denen, die als Kriegsgefallene auf einer Porzellantafel verewigt wurden. Außerdem noch weitere Informationen, die der Familie bis dato unbekannt waren, wie die Art der Wunden. Die Tafel steht jetzt in der St.-Nikolai-Kirche in Meißen. Selbstverständlich fuhren die Neustädter schnellstmöglich dorthin.