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Sonntag, 05.11.2006

Schlechte Noten für DDR-Aufarbeitung

Berlin - Der Aufarbeitung von DDR-Geschichte und -Unrecht in den Schulen gibt der Historiker Hubertus Knabe schlechte Noten. „Es ist alarmierend, dass die heutige Schülergeneration so gut wie gar nichts mehr über die DDR weiß“, sagte der Leiter der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen in einem dpa-Gespräch. Mit Blick auf den 17. Jahrestag des Mauerfalls am 9. November forderte Knabe eine Aufklärungsoffensive. Künftig müsse „mehr Geld in die Vermittlungsarbeit und weniger in die Verwaltung der Stasi-Akten gesteckt werden“. Sonst wachse „eine Generation historischer Analphabeten“ heran. Auch Elternhaus und Medien „nehmen ihre Aufgaben nicht richtig wahr“, sagte Knabe.

Knabe bestätigte Angaben aus einer kürzlich veröffentlichten Studie der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und des Verbandes der Geschichtslehrer. Danach wussten zum Beispiel nur 22 Prozent von rund 5600 befragten Schülern, dass Erich Honecker langjähriger SED-Parteichef war.

Die Gedenkstätte im ehemaligen Stasi-Gefängnis mache ähnliche Erfahrungen, sagte Knabe. Wenn er Schülergruppen nach Honecker frage, hielten diese ihn oft für einen früheren Bundeskanzler oder gar „für den Mann, der die Juden in Deutschland gerettet hat“. Bei Erich Mielke tippe man meist auf einen Schriftsteller. Die nach dem DDR-Volksaufstand benannte Straße des 17. Juni werde mit „dem Tag der Love Parade“ in Verbindung gebracht.

In den Schulen seien die Anstrengungen, die Wissensdefizite zu beheben, bei weitem nicht ausreichend. „Wenn nach Römern, Griechen und Nationalsozialismus irgendwann die DDR dran ist, beginnen meist die Sommerferien“, sagte Knabe. Auch in den Lehrplänen sei die SED- Diktatur nicht ausreichend präsent, sondern oft nur „als Unterpunkt vom Thema Kalter Krieg“.

Viele Lehrkräfte zeigten am Thema DDR wenig Interesse. „Für ein Fortbildungsseminar in der Gedenkstätte haben sich kürzlich ganze drei Pädagogen angemeldet“, sagte Knabe. Die Mindestzahl, damit ein Seminar stattfinden könne, betrage normalerweise 10 Teilnehmer. Er wolle sich zwar vor Pauschalisierung hüten, die Erfahrung zeige aber, „dass es nur Einzelne sind, die sich wirklich engagieren“.

Knabe forderte mehr Mittel für die Vermittlung der DDR-Geschichte. Die Gedenkstätten an den authentischen Orten müssten so ausgestattet werden, dass sie professionell arbeiten könnten. Auch in der Filmförderung könnten nach Ansicht von Knabe Akzente gesetzt werden. „Ein Film wie “Das Leben der Anderen“ hat mehr bewirkt als viele andere Maßnahmen zusammen.“ Die Politik müsse sich darüber klar werden, „dass inzwischen eine ganze Generation nachgewachsen ist, die die DDR selbst nicht mehr erlebt hat“. (dpa) (Internet: www.stiftung-hsh.de) dpa