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Montag, 24.04.2017

Schießen oder schützen?

Landrat Michael Harig plädiert für eine Regulierung des Wolfsbestandes, Jana Endel vom Wolfsbüro ist dagegen.

Von Jana Ulbrich

Ein Wolfsangriff auf zwei Schafe ganz in Siedlungsnähe hat die Debatte um den strengen Artenschutz neu entfacht. Bautzens Landrat Michael Harig (CDU) will jetzt einen erneuten Vorstoß wagen, das betreffende Tier erschießen zu dürfen.
Ein Wolfsangriff auf zwei Schafe ganz in Siedlungsnähe hat die Debatte um den strengen Artenschutz neu entfacht. Bautzens Landrat Michael Harig (CDU) will jetzt einen erneuten Vorstoß wagen, das betreffende Tier erschießen zu dürfen.

© Symbolbild: dpa

Bautzen. Es ist eine Frage, die die Meinungen spaltet wie kaum eine andere: Genießt der Wolf seinen strengen Artenschutz noch zu Recht? Nach dem jüngsten Schafsriss im Oberguriger Ortsteil Großdöbschütz ist die Debatte neu entfacht. Weil ein Wolf sich diesmal ganz in die Nähe von Wohnhäusern gewagt hat, hat Bautzens Landrat Michael Harig (CDU) seine Forderung nach „Entnahme“-Möglichkeiten von Wölfen aus der Region öffentlich erneuert. Jana Endel vom Kontaktbüro „Wölfe in Sachen“ widerspricht. Ein Thema – zwei Sichten. Die SZ stellt sie gegenüber.

Soll der Wolf aus Großdöbschütz zum Abschuss freigegeben werden?

Ja, sagt Bautzens Landrat Michael Harig ganz eindeutig: Der betreffende Wolf habe sich dieses Mal sehr nahe an die Wohnsiedlung gewagt. Viel zu nahe: „Die Leute haben einfach Angst, egal, ob nun berechtigt oder nicht“, sagt Harig. Zudem beginne jetzt wieder die Weidesaison. Damit würden sich auch die Konflikte wieder mehren. Harig sieht sich und die Kreisverwaltung in der Pflicht, im Sinne der Tierhalter zu handeln.

Nein, sagt Jana Endel vom Kontaktbüro „Wölfe in Sachsen“: „Der Übergriff auf unzureichend geschützte Schafe in Großdöbschütz gibt keinerlei Hinweise für ein auffälliges Verhalten dieses Wolfes“, sagt die Diplom-Forstwirtin. Wenn Wölfe in der Nähe von Häusern nachts Nutztiere reißen, sei daraus kein gefährliches Verhalten gegenüber Menschen herzuleiten. Der Abschuss eines Wolfes könne nur erforderlich werden, wenn Einzeltiere ein untypisches Verhalten zeigen, das für den Menschen sicherheitsrelevant ist, oder wenn ein Wolf wiederholt empfohlene Schutzmaßnahmen überwindet.

Müsste der strenge Artenschutz-Status des Wolfs generell gelockert werden?

Ja, findet Michael Harig. Der Landrat glaubt nicht, dass die Entnahme einzelner Tiere den Wolfsbestand in der Region gefährden könnte. „Der Wolf hat keine natürlichen Feinde. Er breitet sich ungehindert und in immer größerer Zahl aus“, sagt Harig. Artenschutz funktioniert seiner Meinung nach nur, wenn es einen Interessenausgleich gibt. „Den sehe ich in diesem Fall nicht gegeben. Der Schutz der Tiere geht zulasten der Menschen.“

Nein, entgegnet Jana Endel. Aus ökologischer und biologischer Sicht bestehe keine Notwendigkeit zur Bejagung von Wölfen. „Wölfe stehen am Ende der Nahrungskette“, erklärt die Mitarbeiterin des Wolfsbüros. „Ihre Zahl wird nicht durch natürliche Feinde reguliert, sondern weitgehend durch die Verfügbarkeit ihrer Beutetiere.“ Durch die Lebensweise des Wolfes, der im familiären Gefüge eines Rudels in einem bestimmten Territorium bleibt, sei der Anzahl der Wölfe in einem Gebiet stets eine natürliche Grenze gesetzt.

Ist der Wolf tatsächlich eine Gefahr für die Kulturlandschaft?

Ja, auf jeden Fall, ist Michael Harig überzeugt. „Unsere Kulturlandschaft gerade auch in der Oberlausitz lebt von Weidetierhaltung im Großen und im Kleinen“, sagt er. „Wenn Nutztierhalter aufgeben, weil ihnen die ganzen Schutzmaßnahmen zu teuer sind oder weil sie ihre Tiere einfach nicht dieser Gefahr aussetzen wollen, dann verliert der ländliche Raum einen Teil seines ureigensten Gesichts. Dann gehen Weideflächen verloren und die Landschaft versteppt.“

Nein, widerspricht Jana Endel. „Der Wolf ist ein natürlicher Bestandteil unseres Ökosystems. Als ausgesprochen anpassungsfähiges Tier benötigt er keinen speziellen Lebensraum, wie zum Beispiel ein großes Waldgebiet. Er benötigt nur ausreichend große Wildbestände, vor allem Rehe, Rothirsche und Wildschweine, und ungestörte Ruheplätze zur Jungenaufzucht“, erklärt sie. Viele Gebiete in Deutschlands Kulturlandschaft würden diese beiden Kriterien erfüllen und als Lebensraum für den Wolf geeignet sein – auch wenn das Zusammenleben mit der Tierart Wolf in einer Kulturlandschaft nicht konfliktfrei sei.

Müsste für die Nutztierhalter mehr als bisher getan werden?

Ja, sagt der Bautzener Landrat. Zwar fördere der Freistaat Herdenschutzmaßnahmen wie die Anschaffung ausreichend hoher Elektrozäune und zusätzliches Flatterband, aber für die Nutztierhalter sei es mit der Anschaffung noch längst nicht getan. „Der Aufwand, die Zäune jedes Mal aufzubauen und wieder umzusetzen, ist riesengroß“, sagt Harig. Vor allem für Betriebe, die von der Tierhaltung leben, sei dieser Mehraufwand ein Problem.

Nein, sagt Jana Endel. Der Freistaat hat mehrere wichtige Maßnahmen zur Unterstützung der Nutztierhalter ergriffen. Dazu gehört unter anderem eine finanzielle Unterstützung in Höhe von 80 Prozent der Nettokosten zur Anschaffung von geeigneten Herdenschutzmaßnahmen wie Elektrozäunen, Herdenschutzhunden oder anderem. Zudem seien in der Region zwei Tierhalterberater im Einsatz, die ein umfangreiches Beratungs- und Unterstützungsangebot vor Ort absichern.

Gäbe es weniger Konflikte, wenn es weniger Wölfe gäbe?

Ja, ist Michael Harig überzeugt. „Ich bin auch überzeugt davon, dass der Wolf hier bei uns nicht mehr vom Aussterben bedroht ist“, sagt der Landrat. Er sei deshalb Sachsens Umweltminister Thomas Schmidt auch sehr dankbar für seinen Vorstoß, die Wolfspopulation und die Art und Weise ihres Erhaltungsstatus genau untersuchen zu lassen und auf diese Weise zu überprüfen, ob der strenge Artenschutz noch gerechtfertigt ist. Dass Tierhalter aufgeben, dass eines Tages keine Ziegen und Schafe mehr auf den Wiesen zwischen den Häusern stehen, dass dadurch Dörfern zusehends weiter „verstädtern“, dürfe nicht die Lösung des Konflikts sein, sagt Harig. Da werde er auch als Landrat nicht ruhen.

Nein, hält Wolfsexpertin Jana Endel dagegen. „Das größte Konfliktpotenzial liegt darin, dass neben wildlebenden Tieren auch Haustiere wie Schafe und Ziegen zum Beutespektrum des Wolfes gehören.“ Letztere seien, wenn unzureichend geschützt, für den Wolf auch noch viel leichter zu erbeuten als Rehe, Hirsche oder Wildschweine, deren Existenz in der Kulturlandschaft viel weniger hinterfragt werde. „Wölfe, die hier leben, müssen zwangsläufig ein gewisses Maß an Gewöhnung gegenüber Menschen an den Tag legen“, sagt Endel. „Sie müssen damit umgehen, dass es überall auch menschliche Siedlungen gibt.“ Es gäbe schon viel weniger Konflikte, wenn Schafe und Ziegen wirklich ausreichend eingezäunt oder wie Hühner über Nacht in den Stall gebracht werden.