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Samstag, 01.10.2016

Sachsens Schulen sind auf dem Weg zur Inklusion

Kinder und Jugendliche mit Behinderung wissen, wie schwer es ist, anders zu sein als andere. Sie spüren und erfahren fast täglich, dass nicht immer alles reibungslos läuft.

Interview , Brunhild Kurth, Kultusministerium Sachsen | Foto: Kairospress (Thomas Kretschel)
Interview , Brunhild Kurth, Kultusministerium Sachsen | Foto: Kairospress (Thomas Kretschel)

Menschen mit Behinderung wollen mehr Normalität erleben und wünschen sich, dass für ihre Lebenssituation und ihre vielfältigen Fähigkeiten ein Bewusstsein in der breiten Öffentlichkeit entwickelt wird. Diese Ziele sind wichtig und richtig. Es geht schließlich um das Menschenrecht nach gleichwertiger Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.

Deshalb sind die Erwartungen groß, dass mit der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention Barrieren abgebaut werden. Die Behindertenrechtskonvention setzt auf das gemeinsame Leben von Menschen mit und ohne Behinderungen. Damit wird die Umsetzung zu einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe, muss der Gedanke der Inklusion die Köpfe und vor allem die Herzen auch der Menschen ohne Behinderung erreichen. Jeder wird sich fragen müssen, stimmt meine Haltung noch? Muss ich meine Einstellung ändern, möglicherweise Vorbehalte im Denken und Handeln überwinden?

Für die Schule heißt das, dass alle beteiligten Schüler, Lehrer, Eltern, Verbände, Vereine sowie verantwortliche Behörden und Institutionen einbezogen und mitgenommen werden müssen. Denn Inklusion ist keine alleinige Aufgabe der Schulen. Sie lässt sich auch nicht im Alleingang bewältigen und schon gar nicht verordnen.

Das Ziel einer inklusiven Schule ist richtig, doch als Weg kann Inklusion auch falsch sein. Inklusion ist dann falsch, wenn sie um jeden Preis in den Schulen durchgesetzt werden soll und dem Kind schadet. Inklusion kann dagegen sehr gut sein, wenn sie dem Kind nützt. Maßstab, ob ein Kind mit sonderpädagogischem Förderbedarf an einer Regelschule oder Förderschule unterrichtet wird, muss immer das Kindeswohl sein. Das kann nur im Einzelfall entschieden werden. So unterschiedlich die Art der Behinderung ausfallen kann, so vielfältig müssen die schulischen Förderorte sein. Deshalb darf es keinen Automatismus geben - weder bei der Zuordnung in eine Förderschule noch bei der Überweisung in eine Regelschule. Die Unterrichtung eines Kindes mit geistiger Einschränkung in einer spezialisierten Förderschule bietet die Chance, die Entwicklung des Kindes ganz gezielt und intensiv zu fördern. In vielen anderen Fällen führt erst der Besuch in einer Regelschule zu der Normalität und gesellschaftlichen Teilhabe, die Kinder und Jugendliche mit Handicap wünschen.

Doch nicht allein das Kindeswohl, sondern auch das Wohl der Lehrer darf auf dem Weg zur inklusiven Schule nicht aus dem Blick geraten. Lehrer haben bereits ohne Inklusion in den Klassenzimmern eine überaus anspruchsvolle Arbeit zu leisten. Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft der Schüler werden heterogener, Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern immer häufiger. Auch Lehrkräfte bedürfen Unterstützung und Fortbildung auf dem Weg zur inklusiven Schule. Und es bedarf vor allem Lehrer mit sonderpädagogischer Ausbildung (www.lehrer-werden-in-sachsen.de).

Die Komplexität der Probleme macht deutlich, wie steinig und schwer der Weg ist. Jeder ist gut beraten, die UN-Behindertenrechtskonvention schrittweise und mit Augenmaß umzusetzen. Sachsen hat dafür einen Aktions- und Maßnahmenplan (www.schule.sachsen.de/14308.htm) erarbeitet. Der Anteil an integrativ unterrichteten Schülern mit sonderpädagogischem Förderbedarf liegt im Schuljahr 2014/15 bei mehr als 30 Prozent und damit fast im Durchschnitt aller Bundesländer.

In Modellregionen will das Land Erfahrungen zur Inklusion sammeln. So wurde ein Schulversuch in den Modellregionen Bobritzsch-Hilbersdorf, Oelsnitz/Vogtland, Radebeul/Moritzburg/Coswig und Leipzig gestartet. Ziel des Schulversuchs ist es, lernzieldifferente Bildungsangebote im gemeinsamen Unterricht an allgemeinen Schulen in allen Altersstufen - insbesondere in der Sekundarstufe I - zu erproben und regionale Kooperationsstrukturen von Bildungs-, Beratungs- und Unterstützungseinrichtungen aufzubauen. Darüber hinaus sollen Lehrkräfte bezüglich der Anforderungen an eine Bildung und Erziehung, die dem gemeinsamen Lernen behinderter und nicht behinderter Kinder gerecht wird, qualifiziert werden. Die Erfahrungen, die dabei gemacht werden, sollen helfen, die Inklusion in den nächsten Jahren schrittweise in ganz Sachsen Wirklichkeit werden zu lassen.

Brunhild Kurth

Brunhild Kurth leitete das sächsische Kultusministerium.