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Donnerstag, 14.07.2016

Sachsen darf nicht wachsen

Die Kirnitzsch brachte Landgewinn. Aber der Grenzfluss ist seiner Aufgabe enthoben. Wegen Unzuverlässigkeit.

Von Gunnar Klehm

Die Kirnitzsch gräbt hier bei Hinterhermsdorf dem Grenzstein 28/5 das Land ab. Kartograf Rolf Böhm hat das entdeckt und spekuliert über die Folgen.
Die Kirnitzsch gräbt hier bei Hinterhermsdorf dem Grenzstein 28/5 das Land ab. Kartograf Rolf Böhm hat das entdeckt und spekuliert über die Folgen.

© Norbert Millauer

Kirnitzschtal. Die Hinterdittersbacher Wiesen im Kirnitzschtal sind feucht und sumpfig. Seit Jahrhunderten trennt der Fluss hier Sachsen und Böhmen. Warum der Grenzabschnitt bei Hinterhermsdorf „nasse Grenze“ genannt wird, ist mit Blick auf den matschigen Untergrund schnell klar. Doch damit ist jetzt Schluss. Die Behörden beider Anrainerstaaten haben festgelegt, die Grenze im Kirnitzschtal als „trockene“ zu behandeln, egal, was der Fluss macht.

Zuletzt hatte die Kirnitzsch hier auf den Hinterdittersbacher Wiesen einen Mäander durchbrochen. Auf deutscher Uferseite gab es plötzlich etwa 500 Quadratmeter neues Land. Das hatte der Bad Schandauer Kartograf Rolf Böhm erst kürzlich entdeckt. Nach strenger Lesart des Grenzvertrags zwischen Deutschland und Tschechien hätte die Ständige Grenzkommission beider Staaten nun die Entscheidung treffen müssen, dass sich Deutschland vergrößert. Bei „nassen Grenzen“ ändert sich mit dem Flusslauf auch der Grenzverlauf. Doch das jährlich zusammenkommende Gremium hat eine andere Entscheidung getroffen. „Wir haben gemeinsam festgelegt, den Grenzverlauf zwischen Grenzstein 28/1 und 28/13 als trockene Grenze zu betrachten“, erklärt Werner Haupt, der Geschäftsführer des Staatsbetriebs Geobasisinformation und Vermessung Sachsen, dem früheren Landesvermessungsamt.

Tschechischer Brückenkopf

Haupt ist Vertreter Sachsens in der Kommission, die vom Auswärtigen Amt geführt wird. So entstand eine, mit zahlreichen Winkeln zu Grenzsteinen vermessene Karte, die nun den ständigen Grenzverlauf festlegt, unabhängig davon, ob die Kirnitzsch auf diesen rund 400 Metern zukünftig ihren Lauf verändert.

Für Rolf Böhm ist das eine überraschende Entwicklung. „Dann hätte Tschechien ja jetzt einen Brückenkopf auf der rechten Seite der Kirnitzsch“, sagt er und ist auch ein bisschen enttäuscht. Hatte er doch gedacht, eine weitreichende Entdeckung gemacht zu haben.

Die Grenze zu Tschechien ist in Sachsen 459 Kilometer lang. „40 Prozent davon sind nasse Grenzen“, erklärt Werner Haupt. Der Grenzvertrag besagt, dass Grenzgewässer in ihrer Lage zu erhalten sind. An der Kirnitzsch bei Hinterhermsdorf schließen sich bauliche Maßnahmen aber aus, weil das Tal zur Kernzone der Nationalparks Sächsische sowie Böhmische Schweiz gehört. Hier darf sich die Natur ungestört entfalten und die Kirnitzsch immer mal wieder neue Bögen schlagen. Ähnliche Diskussionen gibt es im Übrigen auch am Pöhlbach bei Oberwiesenthal. Mit den vielen kleinen Bächen in Tälern von der Oberlausitz bis ins Vogtland erklärt sich der hohe Prozentsatz an sogenannten nassen Grenzen.

Die deutsch-tschechische Grenze ist in Sachsen in 23 Abschnitte eingeteilt. Ein Staat übernimmt elf, der andere zwölf Abschnitte bei der Kontrolle und Instandhaltung. Auf den Hinterdittersbacher Wiesen im Kirnitzschtal kommt diese Aufgabe laut Sächsischem Vermessungsgesetz Werner Haupt und seinen Mitarbeitern zu. „Innerhalb von zehn Jahren wird die gesamte Grenze einmal komplett überprüft, jeder einzelne Grenzstein“, sagt der Chef des Staatsbetriebs.

Karten bei der UNO hinterlegt

In den Jahren 2007 und 2008 wurde der Verlauf der Kirnitzsch noch mal völlig neu vermessen. Aufgrund dieser Daten hat die gemeinsame Grenzkommission schließlich neue Karten zum linearen Grenzverlauf bestätigt, die auch bei den Vereinten Nationen hinterlegt sind.

Das erfolgt aber nur der Form halber. Eine dritte Stelle war zur Klärung von Grenzentscheidungen in den vergangenen 25 Jahren nicht notwendig. „Bisher haben wir immer eine Lösung gefunden“, sagt Werner Haupt. Auch vom tschechischen Innenministerium wurde ein möglicher Grenzkonflikt entlang der Kirnitzsch als „Humbug“ bezeichnet.