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Freitag, 21.04.2017

Ruhig bleiben und raus gehen?

Die Grünen zählen die Tage bis zu den Landtagswahlen im Mai. Verschiedene Strategien sollen aus dem hartnäckigen Umfrage-Tief heraushelfen. Kommt die herbeigesehnte Trendwende noch rechtzeitig?

Von Teresa Dapp und Bettina Grachtrup,

Die Spitzenkandidaten der Grünen für die Bundestagswahlen 2017, Katrin Goering-Eckardt und Cem Özdemir, am 10. März 2017 in Berlin.
Die Spitzenkandidaten der Grünen für die Bundestagswahlen 2017, Katrin Goering-Eckardt und Cem Özdemir, am 10. März 2017 in Berlin.

© dpa

Berlin/Stuttgart. Die Grünen waschen ihren Wählern nicht die Füße, aber immerhin die Räder. Cem Özdemir ist diese Woche mit einer mobilen Fahrrad-Waschanlage nach Münster gereist - eine von vielen bunten Aktionen, mit denen die Ökopartei derzeit um Stimmen buhlt. Das Spitzenduo Özdemir und Katrin Göring-Eckardt ist viel unterwegs, vor Haustüren, auf Demos, in Gesprächsrunden, in Duisburg-Marxloh und beim Schwäbischen Heimatbund in Stuttgart.

Die beiden rennen an gegen Umfragewerte, mit denen kein Grüner glücklich sein kann. Bundesweit gab es diese Woche mit sechs Prozent ein neues Tief. Dazu sechs Prozent in Nordrhein-Westfalen, drei Wochen vor der „kleinen Bundestagswahl“ im bevölkerungsreichsten Bundesland. Immerhin sind es zwölf in Schleswig-Holstein, wo schon in zwei Wochen gewählt wird. Das Horrorszenario: Im Mai könnten die Grünen aus zwei Landesregierungen fliegen.

Fragt man Parteichef Özdemir danach, gibt er sich optimistisch. „Stimmungen sind keine Stimmen. Gewählt wird im September.“ Nun wolle seine Partei kämpfen. „Wir drehen das, ganz einfach.“ Ganz einfach?

Özdemir erinnert an das Wahljahr 2002. „Da lagen wir in den Umfragen bei vier Prozent. Am Ende haben wir doppelt so gut abgeschnitten. Und am Ende saßen wir in der Bundesregierung“, sagt er und lächelt triumphierend. Damals war Joschka Fischer dabei. Erst kürzlich gab der alt-grüne ehemalige Außenminister Göring-Eckardt beim Essen den Tipp: Ruhig bleiben und raus gehen.

Auch sonst fehlt es nicht an Ratschlägen. „Positiv denken und positiv reden über das, was man will“, sagt Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident Winfried Kretschmann. „Vielleicht müssen wir uns mehr trauen“, sagt Ex-Parteichef Reinhard Bütikofer dem „Tagesspiegel“. All das versuchen die Grünen - und nicht nur das. Einige Strategien:

1. FÜR RUHE SORGEN: Jürgen Trittin, Winfried Kretschmann, Boris Palmer, Simone Peter - einige Grünen-Promis pflegen gern ihre inhaltliche Fehden. Nun haben linker und realpolitischer Parteiflügel den Auftrag, ihre jeweiligen Streithähne im Zaum zu halten. Hintergrund ist die Analyse der Parteispitze, man habe sich zu viel mit sich selbst beschäftigt, etwa mit dem Streit um die Vermögensteuer. Bisher klappt es mit dem Burgfrieden ganz gut. Selbst die aufmüpfige Grüne Jugend will im Wahlkampf nicht querschießen.

2. RAN AN DIE LEUTE: Spitzenpersonal und Basis in Bund und Land ziehen emsig von Tür zu Tür, das wirke stärker als Stände in Fußgängerzonen. Ein „Wahlatlas“ zeigt an, wo es sich lohnen könnte.

3. VON DER SPD ABGRENZEN: Die Grünen sackten ab, als bei der SPD Martin Schulz übernahm. Die Parteien konkurrieren um das rot-grüne Lager. Mit Ökothemen wie Kohleausstieg, E-Mobilität und naturverträglicher Landwirtschaft wollen die Grünen ihr Profil schärfen.

4. ONLINE PRÄSENT SEIN: Neben Großplakaten wollen die Grünen im Wahlkampf vor allem im Netz die Menschen erreichen. Dass ein Video von Özdemir zum Türkei-Referendum deutlich mehr als eine Million Mal angeklickt wurde, bejubelte die Bundeszentrale.

5. PERSONAL: Nicht alle sind glücklich mit den Spitzenkandidaten, die die Basis gewählt hat. Aber es gibt öffentlich keine Debatte darüber. Die Partei will die Geschichten des erfolgreichen Sohns türkischer Gastarbeiter (Özdemir) und der ostdeutschen Wende-Aktivistin (Göring-Eckardt) verkaufen. Promis wie Kretschmann, Trittin und Robert Habeck aus Schleswig-Holstein sollen ebenfalls mitmischen.

6. KEINE KOALITIONSAUSSAGE: Anders als 2013 gibt es kein Bekenntnis zu Rot-Grün im Wahlprogramm. Wie auch auf Landesebene sei fast alles möglich, ist die Botschaft - aber nicht um jeden Preis. Özdemir nennt zum Beispiel Kohleausstieg und Ehe für alle als Bedingungen.

Bisher verfängt das nicht beim Wahlvolk, auch der Mitglieder-Rekord von 62 132 zum Ende des letzten Quartals hilft nicht weiter. Viel hängt für die Grünen davon ab, wie es mit der SPD weitergeht. Aber auch davon, ob die Kernthemen der Ökopartei die Wähler beschäftigen. Solange Martin Schulz soziale Gerechtigkeit erfolgreich pusht, wird das schwierig. Laut Forschungsgruppe Wahlen halten auf diesem Gebiet nur vier Prozent die Grünen für die kompetenteste Partei. (dpa)