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Dienstag, 23.01.2018

„Rückenschmerzen gehören zu meinem Leben“

Der Handbiker Lars Hoffmann hat sich mit dem New-York-Marathon einen Traum erfüllt. Und will zu den Paralympics in Tokio.

Von Uta Büttner

Handbiker Lars Hoffmann trainiert jeden Tag. Der Sport half dem Querschnittgelähmten, sein neues Leben nach dem Unfall anzunehmen und den Alltag zu bewältigen.
Handbiker Lars Hoffmann trainiert jeden Tag. Der Sport half dem Querschnittgelähmten, sein neues Leben nach dem Unfall anzunehmen und den Alltag zu bewältigen.

© Norbert Millauer

Weinböhla. Sport, geschweige denn Leistungssport, war nie ein Thema in seinem Leben. Doch seit seinem Motorradunfall 2004 und der damit verbundenen Querschnittslähmung ab dem sechsten/siebten Brustwirbel war alles ganz anders. „Es war ein neues Leben, das ich plötzlich meistern musste“, sagt der Weinböhlaer Handbiker Lars Hoffmann. Das war nicht einfach, auch heute manchmal noch nicht, gibt der 49-Jährige offen zu. „Zwei bis drei Jahre hat es gedauert, bis ich die Situation so annehmen konnte. Man sieht das Leben aus einem anderen Blickwinkel. Und jeder Tag ist Lebenszeit, die nicht wiederkommt.“

Rückenschmerzen gehören zu seinem Leben – jeden Tag. „Bis etwa 2008 nahm ich richtig heftige Medikamente ein“, sagt Lars Hoffmann. Doch all die Nebenwirkungen und die Schädigung der Leber – das wollte er nicht mehr. „Da habe ich einen kalten Entzug gemacht. Der dauerte bestimmt eine Woche.“ Danach habe er seinen Körper, jeden Wirbel, den er noch spüren kann, erst einmal wahrgenommen. Und das sei auch so wichtig, um diesen Sport so zu betreiben und seinen Körper damit fit zu halten. Seinen Alltag kann er bis auf wenige Ausnahmen inzwischen allein bewältigen.

Das erste Bike erhielt Lars Hoffman bereits kurz nach dem Unfall. Gemeinsame Radausflüge mit der Familie an der Elbe waren das Ziel. Doch bis 2007 blieb es fast ausschließlich in der Garage stehen. Die Leidenschaft zu diesem Sport kam erst 2008, als er an seinem ersten 20-Kilometer-Halbmarathon in Dresden teilnahm. Die vielen Leute am Straßenrand, das Anfeuern, das motivierte ihn. Auch wenn ihm alle Muskeln schmerzten, da er weit über seine Leistungsgrenze ging. Doch genau diese Grenzerfahrung wollte Lars Hoffmann von nun an nicht mehr missen. Und so nahm er bereits 2009 an seinem ersten Marathon über 42 Kilometer teil. Viele weitere Wettkämpfe folgten. Inzwischen zieren etwa 25 Medaillen und mehrere Pokale den Trainingsraum in seinem Haus.

Zweieinhalb bis dreieinhalb Stunden jeden Tag verbringt Lars Hoffmann auf dem Handbike. Entweder im Haus oder bei schönem Wetter draußen.

Das nächste Ziel heißt: Qualifikation für die Weltmeisterschaft im nächsten Jahr. Und die Paralympics 2020 in Tokio hat er auch noch nicht ganz aus den Augen verloren. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Seine Chancen schätzt er 50:50 ein. „Dieses Jahr zeigt es sich, ob ich schon zu alt bin“, sagt Lars Hoffmann. Die Ergebnisse bei den Weltcups und Deutschen Meisterschaften müssen stimmen, um in die Nationalmannschaft zu kommen.

Keine leichte Aufgabe, zumal er bis dahin alles allein finanzieren muss. So gibt es auch junge Sportler, die schon daran scheitern, bedauert Lars Hoffmann. Doch ohne Sponsoren würde auch er die Kosten nicht decken können. Allein sein Handbike ist Hightech. Entwickelt und angepasst an seinen Körper hat es der Kfz-Meister selbst. Lediglich der Rahmen und die Gabel sind Standardausführungen. „Bei etwa 100 Kilometer pro Stunde, die wir auch erreichen können, will ich wissen, dass auch jede Schraube festgezogen ist.“

Einen Traum erfüllte sich der 49-Jährige im November 2017: Er durfte an dem weltweit größten Marathon in New York starten. Dass er auf einen Podiumsplatz fuhr, krönte diesen Wettkampf. Immer wieder entfernte sich bei leichten Anstiegen die Spitzengruppe, immer wieder konnte Lars Hoffmann aufschließen. Und „bei meiner letzten Attacke habe ich dem Drittplatzierten den Zahn gezogen“.

Schmerzliche Erfahrungen in Sachen Zähne musste Hoffmann kürzlich selbst machen. Eine Zahn-OP zwang ihn zu vier Tagen Trainingspause. Nun will er mit leichtem Training wieder anfangen. „Mir kribbelt es schon wieder in den Fingern.“

Sollte das mit der Paralympics-Teilnahme nicht klappen, sei dies auch kein Problem. „Es gibt noch genügend andere Wettkämpfe und außerdem habe ich noch eine Rechnung offen.“ So möchte Lars Hoffmann den Weltrekord von 649 Kilometern in 24 Stunden knacken. Beim ersten Versuch 2017 auf dem Lausitzring war er knapp gescheitert. „Aber ich weiß, dass ich das schaffen kann.“