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Montag, 23.03.2009

Rothenburger zeigen gemeinsam Courage

250 Bürger protestieren am Sonnabend friedlich gegen zeitgleich stattfindende NPD-Konzerte im Ortsteil Geheege. Dennoch soll es die auch künftig dort geben.

Von Anja Köhler

Wer sich am Sonnabendabend zum Friedensgebet in der Rothenburger Stadtkirche eingefunden hatte, dem sind zwei Dinge aufgefallen: sind unter anderem Mitarbeiter eines Wachdienstes im Gotteshaus aufgefallen. Diese seien aus Sicherheitsgründen engagiert worden, erklärte Bürgermeisterin Heike Böhm (SPD). Denn die Aktion für Demokratie, zu der Pfarrer Rüdiger Bernhardt gemeinsam mit Verantwortlichen der Stadt eingeladen hatte, hatte einen ernsten Hintergrund: Im Ortsteil Geheege lief bereits seit dem Nachmittag eine Wahlkampfveranstaltung der rechtsextremen NPD und der Freien Kräfte mit Konzerten einschlägig bekannter Bands. Es hatte deshalb Befürchtungen ummögliche Gewaltakte, auch von linksgerichteten Gegenkräften, gegeben.

Dennoch: Etwa 250 Bürger waren in die Kirche und zur anschließenden Bildung einer Lichterkette gekommen, um friedlich, aber bestimmt zu protestieren. „Ich freue mich vor allem über diejenigen, die sonst nicht ihren Fuß über die Schwelle der Kirche setzen“, sagte Pfarrer Bernhardt. Es sei wichtig, dem „braunen Lärm gemeinsam eine klare Absage zu erteilen“.

Solidarität von außerhalb

Reinhard Leue, Pfarrer in Ruhe, nannte die NPD „eine rückwärtsgewandte Partei, deren bedrohliche Parolen einem Angst und Bange werden lassen“. Es sei deshalb von großer Bedeutung, den friedlichen Kampf um Menschlichkeit zusammen weiter voranzutreiben.

Ähnliche Worte fand auch Bürgermeisterin Böhm: „Mit unserem Gebet distanzieren wir uns von der NPD und den Freien Kräften.“ Es sei toll, dass viele Menschen dem Aufruf zur Protestaktion gefolgt sind und „couragiert ihr Gesicht zeigen“. Böhm stellte klar, dass „wir die geplante Versammlungsstätte der NPD in Geheege nie akzeptieren werdenDenn wir stehen für bunte Vielfalt statt brauner Einfalt“. Zudem verlas sie Auszüge aus Solidaritätsbekundungen, die die Stadt in den Tagen zuvor erreicht hatten – unter anderem von Sachsens Wirtschaftsminister Thomas Jurk (SPD), vom Deutschen Gewerkschaftsbund, Region Ostsachsen vom Verein Kulturbüro Sachsen und von Markus Kiese, dem Bürgermeister der Gemeinde Mücka, die in den vergangenen Jahren ebenfalls Treffpunkt der rechten Szene gewesen ist.

Unterdessen hatte sich Steffen Hentschel, der Betreiber der Gaststätte „Zur Deutschen Eiche“, in der die NPD-Veranstaltung stattfand, über den Umgang mit ihm echauffiert. Grund ist unter anderem ein gegenüber der Gaststätte aufgehängtes Plakat gewesen, auf dem zu lesen war, „dass ein brauner Apfel eine ganze Kiste und ein brauner Nachbar ein ganzes Dorf verdirbt“. Außerdem habe er – auch durch die Berichterstattung in den Medien – Morddrohungen erhalten. Auf eine Anzeige bei der Polizei habe er jedoch verzichtet.

Am Sonnabendnachmittag gibt sich Hentschel, der während einer im Vorfeld organisierten Einwohnerversammlung die Nähe zur rechten Szene geleugnet und stattdessen erklärt hatte, er könne die Veranstaltung jederzeit absagen, kämpferisch: „Lieber stehend sterben als knieend leben“, äußert er gegenüber SZ-Mitarbeitern, denen erst nach einigem Hin und Her der Zutritt zum Konzertzelt gewährt wird – allerdings ohne Kamera.

Unterschiede bei Gästezahlen

Drinnen spielt da gerade die Band „Sturmwehr“. Das vornehmlich junge Publikum gröhlt die fragwürdigen Texte mit. Über die Zahl der Gäste gibt es unterschiedliche Meldungen. Während Hentschel von über 900 Anhängern aus dem gesamten Bundesgebiet spricht und optimistisch ist, an diesem Abend „noch die 1 000 zu knacken“, vermeldet die Polizei in ihrem Bericht vom Sonntag etwa 400 NPD-Sympathisanten. Mehrere Hundert seien im Vorfeld kontrolliert worden, wobei die Beamten vier gefährliche Gegenstände beschlagnahmten. Zwei Personen wurde ein Platzverweis erteilt.

Dass die Einwohner von Geheege Angst vor dem haben, was derzeit in ihrem Dorf passiert, streitet Hentschel ab. „Viele haben mir sogar geholfen“, sagt er. Fritz Hoffmann, der Ortschaftsratsvorsitzende, findet dafür kaum Worte: „Mir ist niemand bekannt, der das gutheißt“, sagt er empört, „im Gegenteil: Den meisten Geheegern wäre es am liebsten gewesen, die Veranstaltung wäre verboten worden.“

Wie es nun weitergeht in Geheege, darüber hat Hentschel klare Vorstellungen. „Es wird regelmäßig Veranstaltungen geben“, kündigt er an. Heute werde er besagtes Plakat „frisch gebügelt der Frau Bürgermeisterin übergeben, damit sie es bereits in zwei Wochen wieder aufhängen kann“. Dann solle der nächste Treff der Rechten sein.

Heike Böhm und Pfarrer Bernhardt haben darauf bereits reagiert und umgehend angekündigt, dass das nächste Friedensgebet ebenfalls zu diesem Zeitpunkt abgehalten wird. Auf dem Marktplatz soll dann zusätzlich eine entsprechende Kundgebung stattfinden.