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Mittwoch, 23.06.2010

Rote Rosen für Angela Davis

Vier Jahrzehnte nach der Protestwelle in der DDR kommt die Bürgerrechtlerin erneut nach Deutschland.

Von Steffen Reichert, Berlin

Sie kämpft sich durch. Ein Foto hier, ein Autogramm da. Und selbstverständlich hat sie rote Rosen in der Hand. Meter für Meter schiebt sich Angela Davis mühsam durch die Berliner Kulturbrauerei und schüttelt Hände: „Angela, ich habe auch eine Karte an Dich geschrieben“, ruft ihr eine Frau zu und bittet um ein Erinnerungsfoto. Kein Problem, dann macht es klick.

Sie ist der Star an diesem Nachmittag. Angela Davis, 66 Jahre alt, ist noch einmal gekommen. 40 Jahre, nachdem die Ikone der US-amerikanischen Bürgerrechtsbewegung vom FBI auf die Liste der zehn meistgesuchten Verbrecher gesetzt worden ist, ist sie noch einmal zu Gast, um sich zu bedanken. Zwar gibt es das Land nicht mehr, aus dem sie die Karten im Gefängnis erreichten, aber für die Menschen zwischen Kap Arkona und Fichtelberg ist Angela Davis noch immer ein Symbol des Kampfes gegen Rassentrennung und für soziale Gerechtigkeit.

„Eine Million Rosen für Angela“ heißt die Kampagne, die zu Beginn der siebziger Jahre in der DDR ein Selbstläufer wird, in der praktisch jedes Schulkind eine gemalte Karte in die USA schickt. „Erst waren es 30, die mich erreichten, dann 100, am nächsten Tag 500. Und schließlich brachten sie mir ganze U.S.-Post-Office-Säcke in meine Einzelzelle“, erinnert sich die Professorin an die Karten, die ihr Hoffnung gaben und die heute an der Stanford-Universität aufbewahrt werden.

Angela Davis soll der Prozess gemacht werden. Ihr, der Bürgerrechtlerin, droht die Todesstrafe. Sie ist im Alabama der Rassentrennung aufgewachsen, sie hat sich in Kalifornien, wo Ronald Reagan Gouverneur ist, an der Universität etabliert. Sie demonstriert gegen den Vietnamkrieg und für Salvador Allende, liest Habermas, Adorno, Camus und Karl Marx. Nun sind aber mit einer Waffe, die auf ihren Namen registriert ist, bei einer Schießerei in einem Gerichtssaal vier Menschen getötet worden. Sie taucht zunächst unter.

Doch nach ihrer Festnahme wird schnell klar: Die Anklage ist konstruiert. Man will die junge Frau, die sich gegen den Ku-Klux-Klan starkmacht, die sich zunächst bei den Black Panthers und dann bis zum Zusammenbruch des Ostblocks auch in der KP engagiert, zum Tode verurteilen. International kommt es zu einer Protestwelle ohnegleichen. „Free Angela“ heißt es rund um den Erdball. Angela Davis ist sich auch vier Jahrzehnte später sicher: „Es war die Kampagne, die mich freigekämpft hat.“

Berichterstatter aus Berlin

Der Mann, der für die DDR alles aus der Nähe beobachtet, heißt Klaus Steiniger. Er ist gelernter Staatsanwalt, hat im Außenministerium gearbeitet, über die USA promoviert und arbeitete damals als Redakteur beim „Neuen Deutschland“. Er kennt das Land, er kennt die Sprache. Klaus Steiniger gilt als der ideale Sonderkorrespondent. „Es war ein Präzedenzfall, dass ich ein Visum für den Prozess in San Jose erhielt, denn es gab ja damals auch noch keine diplomatischen Beziehungen“, erinnert sich der 77-Jährige. „Man wollte aber wohl demonstrieren, dass es ein fairer Prozess wird.“

Triumphfahrt durch die DDR

Steiniger darf also einreisen. Doch tatsächlich ist er viel mehr als Journalist. In Zeiten, in denen der Klassenkampf auf vollen Touren läuft, wird er zum Lautsprecher der DDR. Seine Statements füllen die Blätter der US-amerikanischen Kollegen, er ist ein Exot und damit gefragter Gesprächspartner. „Innerhalb weniger Tage erhielt ich 80 Einladungen zum Dinner“, erzählt er.

Doch so überraschend, wie er einreisen darf, muss er das Land wieder verlassen. Offizielle Begründung: Die DDR habe zwei Journalisten aus den USA nicht einreisen lassen – im Gegenzug müsse er raus. Er selber glaubt: „Es war klar, dass dieser Prozess scheitern würde. Und das wollte man nicht in meiner Anwesenheit verkünden.“ Schließlich das Urteil der Geschworenen: „Nicht schuldig.“

Natürlich kommt Angela Davis nach ihrem Freispruch in die DDR. Es ist eine Triumphfahrt für die Siegerin der Herzen. In Magdeburg sind es 60000 auf dem Marktplatz, die sie feiern, und die Menschen sind nicht hinbeordert worden. Die Stadt macht sie zum Ehrenbürger. Und natürlich wird sie jetzt, da sie für ein paar Tage in Deutschland weilt, dort noch einmal vorbeischauen: Berlin, Leipzig, Magdeburg, ein Treffen mit dem Oberbürgermeister der Elbestadt. Und natürlich eine Vorlesung zum Thema Rassismus an der Universität der Landeshauptstadt. Und sie, die sich heute vor allem auch als Feministin versteht, will dabei nicht nur werben für eine globale Bewegung der sozialen Gerechtigkeit. Die Todesstrafe und die Verhältnisse in den Gefängnissen sind das Thema, das sie umtreibt.

Es sind ganz nüchterne Zahlen, die Angela Davis präsentiert. Die USA verfügen mit einem weltweiten Bevölkerungsanteil von fünf Prozent über 23 Prozent der Gefangenen. 42 Prozent von ihnen – weit über dem Durchschnitt – sind Afroamerikaner. Sie spricht von niedrigsten Löhnen, die durch gut organisierte Unternehmen gezahlt werden und die deshalb ein Interesse an diesen Aufträgen haben. „So billig bekommt man die Waren sonst nirgendwo“, ist sie überzeugt.

Aber es gibt auch noch eine Zahl, die Angela Davis jeden Tag aufs Neue antreibt. 3200 Menschen sitzen derzeit in ihrer Heimat in der Todeszelle. Und Angela Davis weiß, was das bedeutet.