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Retter für Oelsaer Freigut gefunden

Das riesige Gehöft ist total verfallen – und somit die richtige Herausforderung für einen Dresdner und seine Familie.

06.10.2017
Von Annett Heyse

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r Oelsaer Freigut gefunden
Martin Mönch und seine Freundin Jennifer Barczyk sind jung, dynamisch und voller Tatendrang. Sie wollen das Freigut Zielke in Oelsa retten. Ende Oktober sollen die Bauvorbereitungen beginnen. Das Wohn- und Wirtschaftsgebäude im Hintergrund wird saniert, die im Sommer abgebrannte Scheune abgerissen. An ihre Stelle kommt ein Wohnhaus.

© Karl-Ludwig Oberthür

Oelsa. Martin Mönch schließt das Tor auf. „Achtung, Grundstück wird videoüberwacht!“ und „Nicht betreten!“ warnen Schilder ungebetene Besucher. „Sie kommen trotzdem und stöbern herum“, sagt der Dresdner. Dabei stimme das mit den Kameras und er könne jeden Besucher, sogar den Fuchs, der nächtens herumstreift, übers Handy beobachten. Ohnehin gibt es hier nichts mehr zu holen. Das ehemalige Freigut Zielke am Ortsrand von Oelsa ist eine Ruine mit Müllhalde. Somit ist es genau das, was Martin Mönch gesucht hat.

Der 40-jährige Bauingenieur lebt von alten Häusern. Seit 25 Jahren beschäftigt er sich mit der Wiederbelebung von Stadtvillen, Fachwerkgehöften, Umgebindehäusern und Brandruinen. „Ich traue mich an die Sachen heran, bei denen andere nur noch abwinken und abreißen wollen“, sagt er. Zunächst privat, dann nach dem Studium als Geschäftsführer einer Hochbaufirma und jetzt als Projektentwickler für Investoren und Privateigentümer hat er in Dresden und Umgebung viele alte Gebäude gerettet. „Alles Vorhaben, die viele als hoffnungslos oder als total verrückt bezeichneten“, berichtet Martin Mönch.

Das Freigut Zielke passt gut in die Aufzählung hinein. Auf dem 19 000 Quadratmeter großen Grundstück nahe dem Götzenbusch steht ein riesiger Dreiseithof, der hinter all den Birken, Ahornbäumen, hüfthohem Unkraut und Brombeerhecken nur noch schwer zu erkennen ist. Dabei war das Freigut einst ein Vorzeigeobjekt, und Martin Mönch bescheinigt dem Erbauer modernes Denken und eine gute Materialauswahl.

Das Freigut wurde um 1906 auf die grüne Wiese gesetzt. Gegenüber der Zufahrt entstand eine riesige Scheune. Zu beiden Seiten wurden zwei spiegelgleiche Gebäude errichtet, in denen Wohnungen für den Besitzer, Arbeiter und Gesinde sowie Ställe, Schlachterei, Fleisch- und Milchverarbeitung, vermutlich auch Lager und Werkstatt untergebracht waren. Ab 1928 gehörte der Hof einem Emil Zielke. Damals versorgte das Freigut die Bevölkerung, betrieb Ackerbau und Viehzucht. Anfang der Sechzigerjahre wurde das Freigut Teil der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft. Die LPG richtete eine Schweinemast ein, dafür entstand ein riesiger Anbau an die Scheune. Nach der Wende wohnten noch Familien im Freigut, die letzten verließen Anfang der 2000er-Jahre die Wohnungen.

Der Verfall setzte umgehend ein. Aus Sicht mancher Experten müsste nun der Abriss-Bagger kommen. Doch es kam der Dresdner Bauingenieur. Er erfuhr von dem Freigut über einen Makler. „Ich hatte den Mann angesprochen und gesagt, wenn er etwas findet, was sich keiner zutraut, soll er mich anrufen.“ Im März 2017 klingelte das Telefon.

Martin Mönch führt in eines der Wohn- und Wirtschaftsgebäude. Altes Stroh liegt herum, dazwischen Glasscherben, Ziegelbruch, abgefallener Putz. Weiter geht es zum LPG-Schweinestall, der einer Müllhalde gleicht: Autoreifen, ausrangierte Computerbildschirme und Möbel liegen wild durcheinandergeworfen neben Garten-stühlen, alten Klamotten, aussortierten Sofas. Die Scheune wiederum ist ein riesiger Schuttberg, der der Jugend Oelsas einige Zeit lang offensichtlich als Treffpunkt diente. Nun liegt verkohltes Gebälk kreuz und quer herum: In den frühen Morgenstunden des 11. Juni brannte der Bau lichterloh. Die Polizei ermittelte wegen Brandstiftung, Täter konnten aber bisher nicht gefasst werden. „Für uns war der Brand ganz schlecht. Der Dachstuhl bestand aus gutem Holz, jetzt ist es nur noch Sondermüll“, sagt Martin Mönch.

Er will die Scheune abreißen und in ähnlicher Größe und Kubatur ein Wohnhaus für sich und seine Familie errichten. Es soll sich optisch in das Areal einfügen, also wie ein Gutshaus wirken. „Ich habe schon genau vor Augen, wie es mal aussehen wird.“ Die anderen Gebäude möchte Martin Mönch entkernen. Weil das Zielke-Gut im Außenbereich liegt, verbietet sich rein rechtlich die Umwandlung in ein großes Wohnobjekt. Deshalb will der neue Eigentümer, der nur wenige Wochen nach dem Scheunenbrand den Kaufvertrag unterschrieb, die zwei Seitenflügel entkernen und äußerlich sanieren. An den Kopfenden werden wie früher schon Wohnungen für Familienmitglieder eingebaut.

Auch der LPG-Stall, der sich im hinteren Teil des Grundstücks erstreckt, soll eine Zukunft haben. Er wird als Erstes angepackt. Denn Bauingenieur Mönch hat eine zweite Firma, die sich mit regenerativer Energie und deren Speichermöglichkeiten beschäftigt. Das Unternehmen soll in die riesige Halle einziehen und dort Anlagen und Technik aufbauen.

Starten soll die Freigut-Rettung so schnell wie möglich. Mönch: „Der Zustand wird von Monat zu Monat kritischer. Eigentlich ist es schon fünf nach zwölf.“ Die Baustellen-Einrichtung wird Ende Oktober stehen, ab November finden Holzfäll- und Grünschnittarbeiten statt, um überhaupt erst einmal an die Gebäude heranzukommen. Dann wird der LPG-Stall entrümpelt und entkernt. „Das sind etliche Kubikmeter Asbest, die wir entsorgen müssen“, sagt der Bauherr. Er will sich dafür aus dem Tagesgeschäft seiner Firma öfters ausklinken, um im Freigut die Arbeit zu organisieren und anzupacken. Freunde, die ebenfalls in der Baubranche tätig sind, wollen ihn mit Technik und Tatkraft unterstützen.

Bis dahin schlummert das Freigut noch einige letzte Wochen seinen Dornröschenschlaf. Nur ab und zu kommen Gäste, ungebetene wie auch eingeladene: Die Hundestaffel der Sächsischen Polizei nutzt das Freigut derzeit als Trainingsgelände. Mönch: „Die kennen jede Fährte und kommen zu unterschiedlichen Tag- und Nachtzeiten, um mal zu schnuppern, was sich hier so tut.“ Selbst der Fuchs ist also nicht mehr sicher.