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Samstag, 08.12.2007

Reisen wie der Weihnachtsmann

Schweden. Mit dem Rentierschlitten geht es drei Tage durch die endlosen Weiten des hohen Nordens.

Von Volker Wartmann

Das Geräusch klingt wie die Brandung, die wenige Meter entfernt an die Felsen schlägt. Aber nur, wenn man die Augen schließt. Lässt man sie offen, ist es das Knirschen von Kufen auf gefrorenem Schnee. Dieser Klang ist uns nach dem ersten Tag so vertraut, dass er einen bis in den Schlaf begleitet, obwohl der Schlitten schon seit Stunden vor dem Zelt steht. Eigentlich gibt es auch gar keinen Anlass, die Augen schließen zu wollen. Denn man ist bald süchtig danach, unersättlich seine Blicke schweifen zu lassen. Es gibt nicht weniger zu sehen als die Unendlichkeit. Nicht ein Zeichen von Zivilisation zeigt sich vor dem Horizont: kein Strommast, keine Straße, kein Auto, kein Haus – nach Stunden nicht, nach Tagen nicht. Lediglich die sonnenbebrillten Mitreisenden erinnern daran, dass diese Reise auf einem Holzschlitten, gezogen von einem Rentier, einen Ausgangspunkt hatte und ein Ziel haben wird. Rentier-Safari nennt sich das Ganze und wird geleitet von dem Rentierhirten Nils Nutti. Mit seinen Geschichten von früher brachte ihn sein Vater auf die neue Geschäftsidee. Dieser hatte mit seiner Familie bis Mitte der 1960er Jahre – wie seine Vorfahren jahrhundertelang zuvor auch – als Nomade gelebt. Familie Nutti zog das gesamte Jahr mit ihrer Herde viele Hundert Kilometer durch die Weite Lapplands; im Sommer zu den Weidegründen in die norwegischen Berge, im Winter zurück ins schwedische Flachland. Speziell ausgebildete Rentiere halfen dabei, Mensch und Material zu transportieren.

Übernachtung im Zelt

Drei Jahre lang hat Nils Nutti die Tiere trainiert, die unsere Schlitten ziehen sollen. Ausgangspunkt unserer Tour ist ein Parkplatz 30 Kilometer östlich von Kiruna, etwa 200 Kilometer nördlich des Polarkreises. Dort werden die Rentiere aus dem dunklen Anhänger geführt und vor die Schlitten gespannt. Und los geht’s: In einer lang gezogenen Reihe setzt sich die Kolonne in flottem Trab in Bewegung. Unruhig ruckeln und rutschen die Schlitten auf dem schmalen welligen Waldweg hin und her. Schaut man geradewegs nach vorn, ist das kuschelige, spitz zulaufende Schwänzchen des Rentiers der Blickfang. Hinten spürt man den dampfenden Atem des nachfolgenden Rentiers. Rundherum nur Wald, Tundra und Schnee – scheinbar endlos.

Recht bald zeigt sich, dass die Lenkbarkeit der Rentiere für Anfänger keine leichte Übung ist. „Zeigt den Tieren, wer hier der Boss ist“, hatte Nutti uns vorher eingeschärft. Ein illusorisches Unterfangen, wie sich ziemlich schnell herausstellt. Unsere energischen „Hej-hej“-Rufe beeindrucken die Tiere nicht sonderlich. Eigentlich funktionieren Tempoveränderungen zuverlässig nur auf eine Art und Weise: Wenn das Leittier auf Befehl stehen bleibt, bleiben alle stehen, gibt es Schritttempo vor, gehen alle im Schritttempo. Rens sind Herdentiere – durch und durch. Das bekommt auch ein Teilnehmer deutlich zu spüren, der nach einer Pinkelpause verspätet aus den Büschen wiederkommt. Kein Problem, denkt er: Die Tiere sind gerade im Schritttempo losgelaufen. Nach einem kleinen Spurt will er lässig, von hinten kommend, auf seinen Schlitten aufspringen – was ihm nicht gelingen soll, denn Bewegung in ihrem Rücken deuten die Rentiere offensichtlich als Gefahr, die sie lieber auf sicherem Abstand halten wollen. Erst als die gesamte Gruppe stoppt, erhält der Verfolger die Möglichkeit wieder zuzusteigen. Leider neigen sich die Tage in Lappland ziemlich zeitig einem Ende zu. Die Fahrt im Schein der untergehenden Sonne versöhnt jedoch mit dem Einbruch der Dunkelheit. Die Ankunft am Nachtlager verläuft jeden Abend nach dem gleichen Ritual. Man klinkt die Deichsel aus dem Geschirr des Rentiers aus, nimmt ihm das Geschirr ab, führt es zu einem Baum in der Umgebung und bindet es dort an. Mit einem speziellen Knoten, sodass das Seil sich nicht ständig verkürzt, wenn das Rentier um den Baum kreisen möchte.

Wie richtige Rentierhirten nächtigen wir in einem original „Iavvu“, einem runden Zelt, das in seiner Bauweise auf den ersten Blick einem indianischen Tipi ähnelt. Um die Feuerstelle breiten wir unsere Rentierfelle auf der Unterlage aus Kiefernreisig aus. Nur unser Schlafsack ist nicht stilecht. Statt aus weichem Rentierkälberfell – wie früher – ist er aus dickem Polyester, was die romantische Stimmung jedoch in keiner Weise schmälert. Zum Abendessen – es gibt Rentiergulasch – wird Preiselbeersaft und Kaffee getrunken, danach verteilt Nutti Cognac in Tassen und erzählt Geschichten vom Leben als Rentierhirte. Etwa 2500 der insgesamt rund 70000 Samen leben noch von der Rentierzucht. Sie haben eine Jahrtausende alte eigene Sprache, die jedoch in Vergessenheit zu geraten droht. „Nur noch die Hälfte aller Samen kann samisch sprechen“, sagt Nutti.

Am Morgen weckt uns das Knistern des Lagerfeuers. Zum Frühstück gibt es Fladenbrot mit Margarine, Preiselbeermarmelade oder Rentierwurst. Vegetarier hätten es auf dieser Tour nicht leicht. Es gibt fast ausschließlich Rentierfleisch zu essen, in den unterschiedlichsten Varianten: geräuchert und gesalzen, als Eintopf oder Gulasch.

Zum Abschluss noch Polarlichter

Unser Ausflug in die Einsamkeit endet in dem 600 Seelen-Dorf Övre Soppero. Jeder führt „sein“ Rentier in ein Gehege, wo es sich von den Strapazen mit uns erholen kann. Danach bekommen wir ein letztes Mal Rentier serviert – in einer Gaststube. Draußen bellen die angeketteten Huskys und es tanzen ein paar Polarlichter. Schon in der ersten Nacht auf einer normalen Matratze ist das Geräusch vom Knirschen der Kufen nur noch ganz leise zu hören.