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Dienstag, 08.05.2018

Reisen mit Hindernissen in Frankreich

Von Birgit Holzer,SZ-Korrespondentin in Paris

Ruhe beim Putzen. Ein Arbeiter reinigt den Bahnsteig am Bahnhof Gare Saint-Lazare in Paris während des Streiks. Foto: dpa
Ruhe beim Putzen. Ein Arbeiter reinigt den Bahnsteig am Bahnhof Gare Saint-Lazare in Paris während des Streiks. Foto: dpa

© dpa

Manche Franzosen denken bereits an den Urlaub auf dem Balkon oder an Kurztrips in die Region anstatt weiter entfernter Ziele. Verschieben das Wochenende am Meer auf später – auf irgendwann, wenn Reisen im Land wieder einfacher werden. Nicht nur der zermürbende Arbeitskampf bei der Staatsbahn SNCF erschwert die Planung. Er zieht sich seit Anfang April über drei Monate hin mit zwei Streiktagen pro Woche; hinzu kommt der Ausstand bei Air France, der am Montag zum 15. Mal seit Ende Februar zu Ausfällen von 15 Prozent der Flüge führte.

Beide Bewegungen haben nichts miteinander gemein, außer jeweils den Alltag für Pendler und Reisende erheblich zu erschweren. Die Eisenbahner wehren sich gegen die anstehende SNCF-Reform, die den Umbau des hoch verschuldeten Unternehmens vorsieht und es auf die von der EU vorgeschriebene Öffnung für den Wettbewerb vorbereiten soll. Dazu wird es in eine Aktiengesellschaft mit staatlichem Kapital umgewandelt – was Befürchtungen nährt, dass die SNCF künftig nach privatwirtschaftlicher Logik handelt und nicht mehr wie ein öffentlicher Dienst.

Auch beklagen die Gewerkschaften, dass der bisherige Sonderstatuts für Bahnmitarbeiter mit Vorteilen wie einer Jobgarantie und einem frühen Renteneintritt für Neueinstellungen abgeschafft wird. Bis jetzt profitieren davon mehr als 90 Prozent der knapp 150 000 SNCF-Angestellten. Bevor Premierminister Édouard Philippe am Montag die Arbeitnehmervertreter empfing, ließ sein Umfeld wissen, seine Hand sei „ausgestreckt, aber hart“: An den großen Linien werde nicht gerüttelt. Allerdings versprach die Regierung inzwischen, dass der Staat einen Teil der Schulden von SNCF-Réseau, dem Schienennetz-Betreiber, von 46,6 Milliarden Euro ab 2020 nach und nach übernehmen werde. Gewerkschaftsführer Laurent Brun erklärte jedoch, man werde „bis zum Ende gehen“. 44 Prozent der Franzosen halten den Streik für gerechtfertigt.

Die Belegschaft der Luftgesellschaft Air France-KLM, an der der französische Staat gut 14 Prozent hält, befindet sich derweil in einem erbitterten Tarifstreit mit der Unternehmensführung. Der französisch-niederländische Konzern ist in eine Führungskrise geraten: Nach nur knapp zwei Jahren an dessen Spitze trat der Vorstandsvorsitzende Jean-Marc Janaillac am Freitag zurück, nachdem 55,4 Prozent der knapp 47 000 französischen Mitarbeiter sein Kompromissangebot abgelehnt hatten. Es sah eine stufenweise Gehaltserhöhung von sieben Prozent innerhalb von vier Jahren vor, während die Gewerkschaften eine sofortige Anhebung von 5,1 Prozent forderten. Zwar konnte Air France im vergangenen Jahr seinen Gewinn kräftig steigern, blieb aber nach Worten Janaillacs „deutlich weniger rentabel“ als die großen europäischen Konkurrenten Lufthansa und British Airways. Wirtschaftsminister Bruno Le Maire mischte sich nun ein mit der Warnung, die Zukunft von Air France sei gefährdet angesichts des Ausstands, der allein im ersten Quartal 75 Millionen Euro kostete. „Wenn man weiß, dass ein Unternehmen in Gefahr ist, stellt man nicht solche hohen Forderungen“, mahnte Le Maire. Auf dem Spiel steht auch der Ruf eines Landes, das sich reformieren will – und das mehr Touristen anzieht als jedes andere. Doch für sie braucht es funktionierende Züge und Flugzeuge.

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