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Samstag, 13.08.2016

Registriert die Politik Lesermeinungen?

In den Lesermeinungen zu Putin am vergangenen Sonnabend sehe ich mich voll bestätigt. Auch die Denkanstöße an dieser Stelle zu kontroversen Artikeln empfinde ich als richtigen Anfang. Aber das reicht nicht. Gelangen die Meinungen auch nach Berlin und führen sie zum Nachdenken über die offizielle Außenpolitik? MfG Klaus Albrecht

Sehr geehrter Herr Albrecht,

Ihre Frage bewegt Leser immer wieder: Wir schreiben Briefe, die SZ druckt sie ab - und was ändert sich? Oftmals gar nichts oder nicht viel oder nicht gerade schnell. Manche zweifeln dann sogar an der Demokratie.

Zunächst: Natürlich ruft der Chefredakteur nicht bei Herrn Steinmeier an, um ihn über die Leserbrieflage in der SZ zu Wladimir Putin zu informieren. Das ist auch gar nicht nötig. Politiker bekommen die Stimmung im Volk, wenn sie nicht zu einer besonders verbohrten Sorte gehören, sehr wohl mit. Im Bundestag, in den Abgeordnetensprechstunden, an der Parteibasis. Sie verfolgen die Medien. Die Presseämter betreiben zudem einen hohen Aufwand, um für Politiker wichtige Artikel in Zeitungen und Zeitschriften zusammenzustellen und auszuwerten. Da könnte also auch diese Seite immer mal dabei sein.

Aber Politik ändert sich nicht so rasch, selbst wenn Politiker es wollen. Es ist erklärte Absicht der Bundesregierung, vernünftige Beziehungen zu Russland wiederherzustellen. Allerdings ist in den vergangenen Jahren viel Porzellan zerschlagen worden. Wladimir Putin ist zwar gewiss nicht der einzige Elefant im Laden, aber ein besonders großer. Deshalb wird eine Seite allein nichts erreichen. Beide werden sich aufeinander zu bewegen müssen. Erste diplomatische Signale gibt es durchaus.

Politik ist leider ein langsames Geschäft. Demokratische Prozesse dauern, erst recht, wenn auch noch Abstimmungen im Bündnis nötig sind. Eine gewisse Geduld ist nötig. Politik per Dekret à la Putin oder Erdogan ist deutlich schneller, nur sollten wir uns Zustände wie in Russland oder in der Türkei nicht wünschen.

Auch wenn Leserdebatten in der SZ die Welt nicht verändern - sinnvoll sind sie allemal. Vielleicht geht es Ihnen, Herr Albrecht, wie mir: Manchmal staune ich über ein Argument, dass ich bisher nirgendwo gelesen habe. Manchmal finde ich meine Meinung bestätigt, manchmal ärgere ich mich über eine besonders verquere Auffassung. Aber genau so geht Meinungsbildung.

Ihr Olaf Kittel

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