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Dienstag, 28.07.2009

Razzia gegen Flatrate-Bordelle

Von Tatjana Bojic, Berlin

Früher kriminelle Schmuddelecke, heute schicke Sex-Paläste mit All-Inklusiv-Angeboten für Essen, Trinken und selbstverständlich Sex? Experten verzeichnen schon seit einiger Zeit, dass das Rotlichtmilieu sein Image aufpoliert. „Man ist darauf bedacht, sich nach außen einen legalen Anschein zu geben. Das Milieu ist aber dasselbe“, sagte Klaus Bayerl, Leiter der Kriminalpolizei Augsburg und Experte für Menschenhandel und Rotlichtkriminalität. Und tatsächlich: Wenn man in ein modernes Bordell kommt, zahlt man an der Kasse und erhält einen Schlüssel für den Spind, ein frisches Handtuch und Badeschlappen.

Handtücher wurden auch in den vier „Pussy-Clubs“ einer 25-jährigen Flatrate-Bordell-Betreiberin in Heidelberg und Fellbach bei Stuttgart, in Wuppertal (Nordrhein-Westfalen) und in Schönefeld bei Berlin verteilt – bis zur Razzia am Sonntagnachmittag. Nach dem Vorwurf der Steuerhinterziehung und Sozialabgaben nicht abgeführt zu haben wurden die baden-württembergischen Etablissements wegen hygienischer Mängel geschlossen. Die „Pussy-Clubs“ werben mit den Worten: „Sex mit allen Frauen, solange Du willst, so oft Du willst und wie Du willst“.

Haftbefehle gegen Führung

Gegen die Betreiberin des Bordells, Patricia F., und ein 25-jähriges Mitglied der Geschäftsführung wurden Haftbefehle erlassen. Zwei weitere wurden nach Angaben der Staatsanwaltschaft gestern geprüft. Bundesweit wurden 270 Männer und 170 Frauen kontrolliert. In Wuppertal und Schönefeld gab es keine Festnahmen. Diese Klubs haben weiter geöffnet. Ob es Hinweise auf Zuhälterei und Menschenhandel – dem eigentlichen Problem im Rotlichtmilieu – gibt, müssen die Untersuchungen noch ergeben.

Baden-Württembergs Justizminister Ulrich Goll (FDP) bezeichnete Bordelle gestern als „knallhartes Geschäft“, das „wohl von der organisierten Kriminalität gesteuert“ wird. „Es ist blauäugig zu glauben, dass Prostitution ein normaler Beruf ist“, sagte Goll. „Ich habe nichts gegen normale Bordelle, solche Flatrate-Puffs verstoßen aber gegen die Menschenwürde.“ Es gebe ausreichend rechtliche Mittel, um diesen Geschäftsmodellen einen Riegel vorzuschieben.

Dass die Flatrate-Praktiken überhaupt erst möglich wurden, ist nach Ansicht des Vereins „Solwodi“, der sich gegen Sextourismus und Menschenhandel einsetzt, die direkte Folge des 2002 in Kraft getretenen Prostituiertengesetzes. „Die entfesselte Frauenerniedrigung muss aufhören“, sagte Vereinssprecherin Cornelia Filter. Das Gesetz habe die Auswüchse von Flatrate-Puffs begünstigt. „Bislang schützt das Gesetz nicht die Prostituierten, sondern die Betreiber, Zuhälter und Kunden.“

Auch Bayerl sieht das so. Seinen Angaben nach haben sich in letzter Zeit in diversen Städten sogenannte „Großbordelle“ etabliert. Diese funktionierten alle nach einem einheitlichen Prinzip und sind untereinander vernetzt.

„Vielfach haben sie äußerlich den Charakter von Wellness-Betrieben mit Sauna und Schwimmbad. Sie sind mit großen Investitionen äußerst aufwendig und edel eingerichtet.

Unbescholtene Strohmänner

In der Regel sind als Geschäftsführer unbescholtene Strohmänner eingesetzt, während die tatsächlich Verantwortlichen, die im Hintergrund agieren, direkt aus dem Zuhälter- oder Schwerkriminellen-Milieu stammen und fast durchgängig enge Beziehungen zur organisierten Kriminalität haben“, so Bayerl. „Der monatliche Reingewinn beträgt selbst bei kleineren Häusern mindestens 100000 Euro.“ Wie viel ihres Verdienstes die Prostituierten noch an Zuhälter abführen müssen, ist nicht bekannt. Polizist Thomas Geiger vom Stuttgarter Ermittlungsdienst Prostitution schätzt, dass es 70 bis 80 Prozent sein könnten. „Die Straftatbestände Zuhälterei und Menschenhandel stehen und fallen mit der Aussage einer Prostituierten.“ Wenn diese keine Angaben mache oder wie in vielen Fällen aus Osteuropa komme und sich nicht als Geschädigte sehe, komme von ihnen gar nichts. (dpa)