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Dienstag, 20.04.2010

Rassismus auf vier Pfoten?

Ein tschechischer Roma-Aktivist will beim legendären Kinderkater Mikesch üble Hetze erkannt haben – das Land staunt und amüsiert sich.

Von Hans-Jörg Schmidt, SZ-Korrespondent in Prag

Katzen haben sieben Leben, sagt man. Kater Mikes ist schon sehr viel älter. Sein Schöpfer, der Schwejk-Zeichner Josef Lada, erdachte die Märchenfigur in den 1930er-Jahren. Damals erschienen die Geschichten über einen gestiefelten Kater, dem von einem Schusterjungen das Sprechen beigebracht wird und der in der Welt sein Glück sucht, in Fortsetzungen. Die Leser, nicht nur die jungen, waren begeistert. Natürlich in erster Linie wegen der vielen Abenteuer, die der kleine Bartputzer bestehen musste. Die Geschichten vermittelten aber auch ein typisch böhmisches Heimatgefühl, einen dörflichen Charme, ein Wunschbild, dem man gern nachhing.

Katerfreunde auf Facebook

Doch wenn es nach einem tschechischen Roma-Aktivisten geht, dann soll es jetzt vorbei sein mit dem vorwitzigen Kätzchen, das auch viele deutsche Kinder aus der Augsburger Puppenkiste kennen. In der Übersetzung von Otfried Preußler, die jedoch sehr vom Original abweicht, heißt da der Kater Mikesch.

Dieser Kater nun, so lautet der Vorwurf, äußere sich „rassistisch“ über die Roma, nenne sie frech „Zigeuner“. Das gehe so nicht. Schon gar nicht gehe es, dass Mikes bis heute in den tschechischen Schulen im Muttersprache-Unterricht als Lehrmittel benutzt werde. Den tschechischen Kindern werde damit „Rassismus eingepflanzt“.

Das ist harter Tobak, und die Tschechen waren platt angesichts der Forderung. Kein zweites Ereignis beschäftigt das Land derzeit so sehr wie das Schicksal von Mikes. Auf der Online-Plattform Facebook organisierten Fans einen Protest gegen den Verbotsantrag. Innerhalb nur eines Tages äußerten sich mehr als zehntausend Menschen zugunsten des Katers, sie wollen sich den bärtigen Fratz nicht so einfach nehmen lassen.

Mikes schaffte es sogar in die Kommentarspalten seriöser Tageszeitungen. Dort amüsierte man sich vordergründig über den Verbotsantrag und glossierte den Vorgang. Die auflagenstärkste Zeitung „Mlada fronta dnes“ etwa zeigte gekünstelt Verständnis für den Roma-Aktivisten, der die Ehre seiner Minderheit bedroht sieht. Das Buch gehöre zweifellos verboten, schrieb der Kommentator. Und nicht nur dieses. Eigentlich gehöre jedes Buch verboten, auch die besten. Finde man doch in jedem einen Grund, es auf den Index zu setzen.

„Absolut unentschuldbar“

Als Beispiel zog der Kommentator ein Buch von Honore de Balzac heran, in dem dieser den Satz geschrieben habe: „Man zeige den Polen den Abgrund und stürze sie sogleich hinein.“ Das, so der Kommentator, „ist im Lichte der jüngsten Ereignisse verurteilenswert. Nun könnte zwar jemand einwenden, dass Balzac die jetzigen Ereignisse nicht voraussehen konnte. Dennoch ist derlei absolut unentschuldbar“.

Aber so sei das halt. „Die Tschechen fühlen sich auch bis ins Mark getroffen, wenn sie in deutschen oder österreichischen Läden die warnende Aufschrift sehen: ‚Tschechen, klaut nicht!‘ Obwohl sie wissen, dass manche Tschechen wirklich so diebisch sind wie Elstern.“

Wie der Streit um Mikes ausgeht, ist offen. Vielleicht hilft dem Kater ja am Ende, dass einer der Verantwortlichen für den Unterrichtsstoff an tschechischen Schulen selbst Mikes heißt. Aber das muss noch nichts besagen. Der Kläger aus der Roma-Minderheit heißt nämlich Mika. Das bedeutet auch nicht so sehr viel anderes als „Kater“.