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Donnerstag, 26.06.2008

Randale überschatten das Fußball-Fest

Nach dem Herzschlag-Halbfinalsieg der deutschen Fußball-Elf gegen die Türkei (3:2) sind Jubelfeiern in mehreren sächsischen Städten in Gewalt umgeschlagen.

Von Sebastian Döring

Dresden/Leipzig - Im Dresdner Szeneviertel Neustadt griff eine Gruppe von 50 bis 100 Krawallmachern drei Dönerläden an. Zwei türkische Gäste eines Geschäfts wurden verletzt, eine türkische Flagge angezündet. In Chemnitz griffen Fußballfans Polizisten an. Sechs Beamte wurden verletzt, drei Polizeiautos und zwei Busse beschädigt. In Leipzig gab es mehrere Schlägereien. In Bautzen attackierten etwa 80 Menschen aus einer Gruppe von 200 Randalierern Polizisten und warfen Bierflaschen auf Polizeiautos. 13 Krawallmacher wurden vorläufig festgenommen. In Eilenburg wurden 40 Platzverweise erteilt.

Am Morgen war die Polizei um Schadensbegrenzung bemüht und korrigierte Angaben aus der Nacht nach unten. „Für die Größenordnung war es doch relativ ruhig“, sagte ein Polizeisprecher in Leipzig. Hier sei die Anzahl der Schlägereien „im unteren einstelligen Bereich“ geblieben. Der Behörde seien „nicht mehr als eine Hand voll“ Körperverletzungen bekannt. Zuvor hatte ein Kollege nach Abpfiff des Spiels die Lage dramatischer beurteilt und von Schlägereien „über die ganze Stadt verteilt“ gesprochen: „Fans ohne Ende, Verkehr ohne Ende und Hände in fremden Gesichtern ohne Ende.“ In Dresden wurde die Gruppe Krawallmacher am Morgen auf 20 bis 30 Teilnehmer nach unten gerechnet.

Nach Polizeiangaben waren die Dresdner Krawalle im Stadtteil Neustadt von mehreren Schaulustigen und Mitläufern verfolgt worden. Große Schaufensterscheiben gingen zu Bruch. Zwei Geschäfte wurden mit Flaschen und Böllern beworfen. Rettungsärzte hatten insgesamt 20 Menschen wegen Schnittverletzungen zu behandeln. Die Betroffenen waren betrunken oder in eine Schlägerei verwickelt.

Leipziger Polizei löst Handgemenge auf

In Leipzig wurde die Gottschedstraße zum Schauplatz der Gewalt. Dort hatten zuvor rund 2000 Fans das Spiel verfolgt. Zu ersten Schlägereien kam es gleich nach dem Abpfiff. Bei Eintreffen der Polizei lösten sich Handgemenge aber auf. „Es gab hier und da mal eine Rangelei, aber sobald wir präsent waren, war es vorbei“, hieß es Morgen. Eine Feuerwerksrakete sei in ein Dach eingeschlagen.

Die meisten Fußballfans feierten den Einzug der deutschen Elf ins EM-Finale allerdings friedlich. Immer wieder stimmten sie die Jubelhymne „Finale, oho! Finale, ohohoho!“ an. Mancherorts bildeten sich Autokorso und Hupkonzerte. Dabei wurden auch Straßen blockiert. Fußballmuffel beschwerten sich über Ruhestörung. Auf dem Chemnitzer Marktplatz feierten mehr als 4000 Zuschauer. Am Dresdner Elfufer waren es 10.000 Zuschauer, in der Zwickauer Freilichtbühne 4500.

In Leipzig, wo es keine zentrale Großbildleinwand gibt, verfolgten die Fans das dramatische Spiel in Biergärten, Eiscafés oder Bars. Ein türkischer Dönerladen hatte „Döner für alle“ versprochen, sollte der Türkei der Einzug ins Finale gelingen. Nach Berichten von Augenzeugen war die Stimmung in manchen Kneipen aber auch aufgeheizt: Zuschauer beschwerten sich über die Leistung der Mannschaft, Entscheidungen des Schiedsrichters und Bildausfälle in der zweiten Halbzeit.

Der Kapitän der Nationalmannschaft, Michael Ballack, war in seiner früheren Heimatstadt Chemnitz Anlass für besonders lauten Jubel. „Wir haben ihn vor dem Spiel gefeiert, nach dem Spiel gefeiert. Er gehört einfach zu Chemnitz dazu“, sagte Fanfest-Chef Jürgen Rotter. Zum Finale am Sonntag gegen Russland oder Spanien soll die Fanmeile erweitert werden. „Wir sind bereit für 8000 Leute“, sagte Rotter. (dpa)