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Dienstag, 10.11.2015

Putzen statt Kicken

Eine Dynamo-Faninitiative engagiert sich gegen Rassismus. Am Montag gedachten die Mitglieder den verfolgten Dresdner Juden.

Von Annechristin Bonß

Putzen für die Erinnerung: An vielen Orten haben gestern Menschen die Stolpersteine gereinigt. Die erinnern an vertriebene und ermordete Juden. An derKönigsbrücker Straße 37 haben Dynamo-Fans geputzt.
Putzen für die Erinnerung: An vielen Orten haben gestern Menschen die Stolpersteine gereinigt. Die erinnern an vertriebene und ermordete Juden. An der
Königsbrücker Straße 37 haben Dynamo-Fans geputzt.

© Christian Juppe

Stillstehen, Ruhe, Andacht. Keine Freudensprünge, Fangesänge, Fußballfest. Normalerweise treffen sich die Mitglieder der Faninitiative „1953 International“ im Stadion und jubeln ihren Dynamo-Lieblingen zu. Am Montag haben sie ihr Treffen in die Neustadt verlegt, vor das Haus an der Königsbrücker Straße 37. Dort sind im Boden fünf der sogenannten Stolpersteine eingelassen.

Die kleinen Gedenktafeln aus Messing erinnern an vertriebene und ermordete Juden, und zwar an dem Platz, an dem sie ihren letzten freiwillig gewählten Wohnort hatten. Für 120 Euro übernehmen Menschen die Patenschaft für einen solchen Stein. Die Initiative „1953 International“ hat vor zwei Jahren fünf dieser Steine finanziert. Dafür haben die Mitglieder signierte Trikots der Dynamospieler versteigert. Auf den Tafeln stehen die Namen von Jacob Urbach, seiner Frau Martha, Sohn Siegfried sowie den beiden Töchtern Edith und Fanny. Der Vater floh 1936. Sein Schicksal ist unbekannt. Mutter und Sohn wurden 1938 deportiert und in Polen ermordet. Den beiden Töchtern gelang die Flucht nach Palästina. Sie überlebten.

Die Dynamo-Fans kümmern sich jedes Jahr um die Steine. Am Montag trafen sie sich schon zum zweiten Mal vor Ort. Dort putzten sie die Steine, stellten Kerzen auf und legten weiße Rosen nieder. Passanten hasten vorbei, einige bleiben stehen, lange spenden die Kerzen ein warmes Licht. „Die Steine sind eine schöne Erinnerungskultur“, sagt Dynamo-Fan Hans-Uwe.

Seinen vollen Namen will der 39-Jährige nicht nennen, genau wie die anderen Mitglieder der Initiative, die es seit 2006 gibt. Die Fans engagieren sich seitdem gegen Rassismus, organisieren Stadionbesuche für Flüchtlinge und verteilen bedruckte T-Shirts mit Sprüchen gegen Rassismus. Ein Foto von sich in der Zeitung scheuen sie alle. Die Bedenken sind groß, dass andere Fans das Engagement gegen Rassismus und für die Erinnerung an die Dresdner Juden missbilligen. „Es ist generell schwer, sich in Sachsen gegen Rassismus zu engagieren“, sagt Hans-Uwe.

Von der Königsbrücker Straße 37 ziehen sie weiter vor die Apotheke an der Schauburg. Dort erinnert ein Stolperstein an Nathan Arthur Levi. Weil sich sonst niemand um die kleine Platte kümmert, putzen die Dynamofans auch hier, zünden eine Kerze an. Kurz bleiben sie stehen, gedenken. Dann gehen sie auseinander. Das nächste Mal treffen sie sich wieder im Stadion – zum Fußballfest.