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Putins Rockern bläst eisiger Wind entgegen

Eine „Siegesfahrt“ soll es werden. Russische Rocker wollen damit den Sieg der Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg feiern. Die Bundesregierung ist alles andere als begeistert davon. Denn der Motorradclub steht dem Kreml nahe.

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© dpa

Von Christian Thiele

Berlin. Selten war eine Bikertour so politisch aufgeladen. Wenn der russische Rockerclub „Nachtwölfe“ tatsächlich an diesem Samstag zu seiner Fahrt von Moskau nach Berlin aufbrechen sollte, dürfte den Rockern ein eisiger Wind ins Gesicht blasen. Polen und Tschechien sprachen bereits von einer Provokation. Auch die Bundesregierung kritisierte die als „Siegesfahrt“ geplante Tour der Kreml-nahen Motorradfahrer. Ob sie von den deutschen Behörden genehmigt wird, bleibt abzuwarten.

Viel liegt der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung nicht vor, was sie als für den Verkehr zuständige Behörde genehmigen oder ablehnen könnte. Eine E-Mail von einem Anmelder aus Rheinland-Pfalz sei eingegangen, berichtete Sprecher Martin Pallgen. Darin kündigt der Mann eine Kolonnenfahrt mit 60 Fahrzeugen für den 9. Mai an. Genau an diesem Tag soll die 6 000 Kilometer lange Fahrt der russischen Rocker in Berlin enden. In der Mail sei weder die Rede von Motorrädern noch von einem Rockerclub. „Wir haben um eine konkrete Darstellung des Vorhabens gebeten“, erklärte der Sprecher weiter. Eine Antwort ist noch nicht im Postfach der Behörde eingetroffen.

„Siegesfahrt“ führt durch halb Europa

Nach Auffassung der Berliner Verwaltung muss eine solche politische Tour angemeldet werden. Die Rocker kündigten an, dass sie durch die Hauptstadt in einer Kolonne fahren und mit Fahnen an den Sieg über Nazi-Deutschland erinnern wollen. Im Treptower Park sollen Blumen am Sowjetischen Ehrenmal niedergelegt werden. Die „Siegesfahrt“ soll auch durch Weißrussland, Polen, Tschechien, die Slowakei und Österreich führen.

Am 8. Mai 1945 trat die bereits in Reims erklärte bedingungslose Kapitulation der Wehrmacht in Kraft. Der Kapitulationsakt musste auf Drängen Stalins in der Nacht zum 9. Mai in Berlin-Karlshorst vor den Sowjets wiederholt werden.

Der Bundesregierung kommt die Tour ungelegen. Diese nach Kenntnis der Regierung private Initiative leiste keinen Beitrag zur Stärkung der deutsch-russischen Beziehungen, hieß es aus dem Auswärtigen Amt. Das Verhältnis zwischen beiden Ländern ist seit der Krise im Osten der Ukraine angespannt.

Deutschland wolle den 70. Jahrestag des Kriegsendes in Würde begehen, hieß es. Daher werde „mit Nachdruck jegliche Instrumentalisierung des unermesslichen Leids der Opfer und des Widerstands gegen die Nazi-Herrschaft“ verurteilt. Die Aussöhnung der ehemaligen Kriegsgegner müsse auch in Zukunft im Mittelpunkt stehen.

„Nachtwölfe“-Chef lebte lange in Berlin

Die Ausfahrt der „Nachtwölfe“ wäre auch deshalb politisch brisant, weil einer der Anführer, Alexander Saldostanow alias „Chirurg“, als Kumpel des russischen Präsidenten Wladimir Putin gilt. Er war lange in Berlin zu Hause. Viele Jahre arbeitete Saldostanow in Berliner Clubs. Einer seiner Freunde ist Sascha Disselkamp, der die Berliner Clubcommission mitgegründet hat - ein Interessenverband von Bars und Clubs in der Hauptstadt. Er habe von dem Vorhaben des russischen Motorradclubs nur aus der Presse erfahren, beteuert Disselkamp. Ob sein Bekannter nach Berlin kommt, wisse er nicht.

„Ich bin sicherlich ein sehr unbequemer Freund, wenn es um homophobe Tendenzen unter den ’Nachtwölfen‘ geht“, ließ Disselkamp über die Clubcommission mitteilen und spielte damit auf die Hetze der Rocker gegen Schwule an. Der Club fühle sich eng mit der russisch-orthodoxen Kirche und ihren traditionellen Werten verbunden. Saldostanow selbst kann die Aufregung um die Tour nicht verstehen. In einem Interview sagte er jüngst, die Hysterie zeige, „dass wir wieder als Feinde wahrgenommen werden“. 20 bis 30 Rocker wollten nach Berlin reisen.

Jörg Morré, Direktor des Deutsch-Russischen Museums am einstigen Schauplatz der Kapitulation in Karlshorst - gibt zu bedenken, dass Sternfahrten in Russland durchaus üblich seien, um an historische Ereignisse zu erinnern. In den vergangenen Jahren habe es bereits mehrerer solcher Fahrten von Russen zu dem Museum in Berlin gegeben. Morrés Haus will mit einem Museumsfest an das Kriegsende erinnern - genau dann, wenn sich die Rocker in Berlin aufhalten wollen. „Alle Russen haben das Recht des Erinnerns“, betonte Morré. Eine politische Kundgebung werde er allerdings nicht dulden. (dpa)