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Freitag, 18.03.2016

Prager Schildertrick

Diebe stehlen die Autokennzeichen deutscher Touristen – und geben sie gegen Lösegeld zurück. Die Polizei ist machtlos.

Von Hans-Jörg Schmidt, SZ-Korrespondent in Prag

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Besonders auf deutsche Autokennzeichen haben es tschechische Gangster mit ihrer neuen Masche abgesehen.
Besonders auf deutsche Autokennzeichen haben es tschechische Gangster mit ihrer neuen Masche abgesehen.

© dpa

Volker S. aus Dresden traute seinen Augen nicht. Drei Stunden hatte er für einen Stadtbummel durch Prag sein Auto auf einem kostenpflichtigen Parkplatz abgestellt. Als er zurückkam, sah er schon von Weitem, dass jemand das hintere Nummernschild abmontiert hatte. Ein Gang um das Auto herum offenbarte ihm, dass auch das Kennzeichen vorn fehlte. Dafür klemmte hinter einem der Frontscheibenwischer ein zusammengefalteter Zettel mit einer tschechischen Telefonnummer.

„Als ich die Nummer gewählt hatte, erklärte mir am anderen Ende der Leitung jemand auf Englisch mit starkem Akzent, dass er jetzt im Besitz meiner Kfz-Kennzeichen sei. Ich könnte die beiden Nummernschilder selbstverständlich wieder haben, müsste dafür aber 500 Euro oder 14 000 Kronen bezahlen“, erinnert sich Volker S.

Der Dresdner wurde damit Opfer einer neuen Masche von Gangstern, die auf leichte Weise an das Geld westlicher Touristen zu kommen versuchen. Da Volker S. nicht zahlen wollte, suchte er das nächste Polizeirevier auf und gab den Vorfall zu Protokoll. Dort war er nicht der erste Geschädigte. Die ersten Fälle wurden schon vor ein paar Wochen bekannt. Als sie überhandnahmen, zog die Prager Kriminalpolizei die Sache an sich. Mittlerweile ermitteln die Beamten in etwa 30 Fällen am Tag.

Die geklauten Nummernschilder werden von den Gangstern nicht einfach nur aufbewahrt, bis der entnervte Besitzer sie wieder ausgelöst hat. Ermittlungen haben ergeben, dass die ausländischen Kennzeichen gern auch zwischenzeitlich an einheimische Autos montiert werden. Mit denen fahren die Gangster dann zu Tankstellen, tanken voll und verschwinden, ohne bezahlt zu haben. Bis zu acht solcher Fälle am Tag registriert die Polizei. Dass die bestohlenen Touristen somit auch noch in den Verdacht geraten, Tankdiebstahl begangen zu haben, versteht sich und macht ihre Lage unter Umständen noch weit prekärer.

Wie hoch die Zahl der Geschädigten ist, die lieber zahlen, um ihre Nummernschilder zurückzubekommen, vermag niemand zu sagen. „Bei uns melden sich in der Regel nur die geschädigten Ausländer, die nicht bereit sind, ihre Kennzeichen zurückzukaufen“, sagt der Sprecher der Prager Polizei, Tomas Hulan, der Zeitung Mlada fronta dnes. Wenn die Bestohlenen am Telefon den Diebstahl als bei der Polizei gemeldet erklären, schalten die Gangster auf stur – sie geben die Kennzeichen nicht zurück.

Die Polizei kann den Bestohlenen, die zu ihr kommen, auch nicht wirklich helfen. Die Gangster machen sich bei ihrer Masche nämlich zunutze, dass man auf tschechischen Straßen und Autobahnen sofort von der Polizei angehalten wird, wenn das Fahrzeug ohne Kennzeichen unterwegs ist. Das ist streng untersagt und kostet bis zu umgerechnet 370 Euro Strafe. Ein Ersatznummernschild kann man sich aber in Tschechien bisher – anders als etwa in Deutschland oder Österreich – nicht besorgen. Dazu müsste das Auto offiziell abgemeldet sein und in Tschechien neu angemeldet werden.

Abmelden kann ein Deutscher sein Auto aber de facto nur in Deutschland. Also dort, wo er mit dem Auto ohne Kennzeichen aus Prag gar nicht mehr so ohne Weiteres hinkommt. Aber selbst wenn die Rückfahrt über die Grenze gelingen würde – auch auf deutschem Gebiet ist das Fahren ohne Kennzeichen verboten und wird bestraft.

Volker S. blieb in seiner misslichen Lage nur, dem Rat der tschechischen Polizei zu folgen und einen Abschleppdienst zu ordern, der ihm das Auto nach Dresden brachte. Die Kosten dafür übernahm glücklicherweise sein Automobilklub. Ansonsten wäre er besser weggekommen, wenn er die Gangster bezahlt und seine Kennzeichen auf diese Art ausgelöst hätte.

Auch kostenpflichtige Parkplätze auf Prager Straßen und selbst mit Kameras überwachte Tiefgaragen sind nach den Informationen der Polizei vor den Dieben der Kfz-Kennzeichen nicht sicher. Für den Diebstahl brauchen die nur wenige Augenblicke.

Bei Prag-Reise aufs Auto verzichten

Doch was tun? Derzeit kann man nur empfehlen, Prag vorläufig nicht mit dem Auto zu besuchen. Jedenfalls so lange nicht, bis die Polizei die Gangster ausfindig gemacht hat. Hilfreich wäre es, wenn diejenigen, die ihre Nummernschilder „zurückgekauft“ haben, den Fall dennoch schnellstmöglich der tschechischen Polizei melden würden. Die wäre für Angaben zum Ort der Kennzeichen-Rückgabe oder der Kontakt-Telefonnummern dankbar, wenngleich sie davon ausgeht, dass die Gangster klug genug sind, Telefonnummern und Orte ständig zu wechseln.

Zyniker würden sagen, dass man als Tourist mit einem Auto in Prag sowieso nichts anfangen könne. Die Stadt verfüge über einen perfekt organisierten öffentlichen Personennahverkehr, die Straßen seien ständig verstopft, Parkplätze rar und teuer und obendrein könne man wegen des Null-Promille-Gesetzes als Autofahrer nicht mal ein Glas des berühmten tschechischen Biers trinken. Frei nach dem Motto, wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen.

Leser-Kommentare

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Insgesamt 28 Kommentare

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  1. Lionel Hutz

    Vielleicht wäre es eine Lösung, die Kennzeichen für die Zeit des Stadtbummels selbst abzumontieren und mitzunehmen oder sichtbar hinter die Scheiben zu legen, die Täter scheinen ja nicht einzubrechen.

  2. Thomas

    Ja. @1 das klingt wie ein guter Versuch. Wenn man beklaut wurde, könnte man sich ja auch aus Papier ein Kennzeichen basteln, das fällt weniger auf als gar keins.

  3. Michael H.

    @1: gute Idee, muß man sich merken, denn es wird nicht lang dauern, bis die Tätergruppen auch hier aktiv werden. Warum gibts statt der Blechschilder nicht Folien?

  4. E-Haller

    Ich versteh es noch nicht so ganz: Strafe bis zu(!!!) 370 Euro, die Gangster wollen 500. Wieso "wäre er besser weggekommen", die Schilder auszulösen?

  5. Klaus

    Der letzte Absatz ist überflüssig. Werden Opfer anderer Straftaten auch derartig von SZ-Korrespondenten verhöhnt?

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