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Donnerstag, 28.11.2013

Postkantine in der Königsbrücker Straße muss schließen

Nach 15 Jahren macht Erhard Kleint sein Bistro dicht. Der neue Besitzer will bedeutend mehr Miete als bisher.

Von Ulrike Kirsten

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Der Leerstand wird ab Mitte Dezember zum Dauerzustand. Unternehmer Erhard Kleint gibt die Kantine im Postamt auf, weil er sich die geforderte Miete des neuen Eigentümers nicht mehr leisten kann. Foto: Sven Ellger
Der Leerstand wird ab Mitte Dezember zum Dauerzustand. Unternehmer Erhard Kleint gibt die Kantine im Postamt auf, weil er sich die geforderte Miete des neuen Eigentümers nicht mehr leisten kann. Foto: Sven Ellger
  • Der Leerstand wird ab Mitte Dezember zum Dauerzustand. Unternehmer Erhard Kleint gibt die Kantine im Postamt auf, weil er sich die geforderte Miete des neuen Eigentümers nicht mehr leisten kann. Foto: Sven Ellger
    Der Leerstand wird ab Mitte Dezember zum Dauerzustand. Unternehmer Erhard Kleint gibt die Kantine im Postamt auf, weil er sich die geforderte Miete des neuen Eigentümers nicht mehr leisten kann. Foto: Sven Ellger
  • Die Glasfront ist das Markenzeichen der Kantine. Das Ensemble mit der ehemaligen Schalterhalle gehört zu einem der jüngsten Bauten der Dresdner Nachkriegsmoderne.
    Die Glasfront ist das Markenzeichen der Kantine. Das Ensemble mit der ehemaligen Schalterhalle gehört zu einem der jüngsten Bauten der Dresdner Nachkriegsmoderne.
  • Bei der Gestaltung legten die Architekten viel Wert auf Details. Der Eingang der Schalterhalle wurde mit Meißner Porzellankacheln gefliest. Fotos: Deutsche Architektur
    Bei der Gestaltung legten die Architekten viel Wert auf Details. Der Eingang der Schalterhalle wurde mit Meißner Porzellankacheln gefliest. Fotos: Deutsche Architektur

Demnächst bleibt die Großküche an der Königsbrücker Straße 21 kalt. Dann ist Schluss für den Radebeuler Erhard Kleint, der seit 1998 die Kantine im Postamt betreibt. „Der neue Besitzer will mindestens das Doppelte an Miete. Das ist einfach zu viel. Unter diesen Bedingungen kann ich meine Gastronomie nicht weiterbetreiben“, sagt der 62-Jährige.

Die Entscheidung, das Bistro zu schließen, ist ihm nicht leicht gefallen. „Ich habe sechs Mitarbeiter, die fast alle mit mir hier angefangen haben“, sagt der gelernte Koch, der in der Kantine selbst regelmäßig am Herd gestanden hat. Dort wird bis heute alles selbst zubereitet. „Klassische Hausmannskost gab es bei uns“, sagt Kleint, der noch eine weitere Kantine in Ottendorf-Okrilla betreibt.

Es ginge ihm trotzdem schlecht, nicht nur, weil alle seine Mitarbeiter sich nun neue Stellen auf einem schwierigen Markt suchen müssen. „Wir waren hier immer wie eine Familie. Auch mit den Kunden haben wir ein enges Verhältnis gepflegt.“ Viele Stammgäste sind seit der Eröffnung vor 15 Jahren fast täglich zum Mittagessen gekommen. „Unseren Kreis an Tischgästen haben wir uns selbst aufgebaut, nachdem das Briefverteilerzentrum von hier nach Ottendorf-Okrilla umgezogen war und die Postangestellten nicht mehr zum Essen kamen“, erinnert sich Erhard Kleint.

In den folgenden Jahren kamen immer mehr Gäste, ob aus Kleinbetrieben oder Büros, die in der Neustadt ansässig sind. „Es sprach sich einfach schnell rum, dass man hier kostengünstig essen konnte“, sagt Kleint. 300 bis 400 Portionen sind seitdem täglich in der Kantine über die Theke gegangen, auch Frühstück hat Erhard Kleint seinen Kunden angeboten. „Es lief eigentlich gut, bis der Besitzer Ende Februar gewechselt hat.“ Erst im April erfuhr Kleint, dass die Kantine nun der Berliner Königsreal Investment GmbH gehört. Diese will die Miete für das Lokal im ehemaligen Postgebäude ab 2014 verdoppeln. Das Gebäude sei ein Filetstück, das man nicht weiter so wenig Miete nehmen könne, wurde Kleint als Grund genannt.

Im Sommer musste der Gastronom einen weiteren Rückschlag verkraften. „Im Juni brachen die Umsätze drastisch ein, und wir haben nur noch 180 Portionen täglich verkauft.“ Weshalb, kann Kleint sich nicht erklären. Zudem habe ihm der neue Vermieter verboten, den Speisesaal für andere Veranstaltungen zu nutzen. Mit diesen Zusatzeinnahmen wäre es ihm vielleicht möglich gewesen, die Geschäfte mit einer erhöhten Miete weiterzuführen. Auch weil sich das Mittagsgeschäft inzwischen erholt hat. Doch es habe kein Entgegenkommen vom neuen Eigentümer gegeben. Gegenüber der Sächsischen Zeitung wollte dieser sich nicht äußern – weder zu Kleints Kündigung noch zur künftigen Nutzung des denkmalgeschützten Gebäudes.

Seit 2006 steht das Ensemble aus Schalterhalle und Kantine auf der Denkmalliste. Das Werk der Architekten Wolfram Starke und Kurt Nowotny entstand von 1962 bis 1964. Keine Spur von Materialmangel und Plattenbaunormen: Naturstein und Glas wurden aufwendig verarbeitet, die Stahlskelettbauweise fantasievoll genutzt. Der ehemalige Eingangsbereich wurde mit blau-weißen Meißner Porzellankacheln gefliest. Futuristisch erscheint die Kantine, deren Fensterfront sich über de Sandsteinsockel der seit Jahren geschlossenen Schalterhalle im Erdgeschoss schiebt. Der Abschied von dem markanten Gebäude, das zusehends verfällt, fällt Kleint dennoch schwer. „Mir bleibt nichts anderes übrig.“

Wegen seines Auszuges löst Erhard Kleint seine Ausstattung auf. Er gibt Mobiliar, bis auf Küchengeräte, kostengünstig ab. Bei Interesse 8044774 oder 0172 5305057

Leser-Kommentare

Insgesamt 5 Kommentare

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  1. PS

    "Das Gebäude sei ein Filetstück, für das man nicht weiter so wenig Miete nehmen könne". Doch wie soll denn eine höhere Miete erwirtschaftet werden - teures Mittagessen können hier nur wenige bezahlen, und die gehen woanders hin. Und eine andere Nutzung, die mehr einbringt, ist doch REAL kaum denkbar. Wahrscheinlich wird das dazu führen, dass diese Königs-Realen dann für den Speisesaal gar keine Miete mehr nehmen können und sich an ihrem Filetstück verschlucken, weil sie den Hals nicht voll bekommen konnten ... Die sind dann vielleicht wieder weg, und der Bau wird leerstehen - wie so viele. Wieder mal erfolgreiches Kaputtmachen. Außer dem Verlust von Arbeitsplätzen und günstigem Mittagessen werden auch noch irgendwessen "Real-Estate"-Aktien etwas an Wert verlieren, anonym, ohne erkennbaren Zusammenhang dank vielfacher Verpackung und Streung der Risiken ... Und die Verursacher sind "Leistungsträger" und fahren A8 oder Phaeton ... Weiter so!

  2. Torsten

    Wer verkauft eigentlich immer so, für die Stadt markante und wichtige, Gebäude an solch windige Heuschrecken? Unverantwortlich, zumal das Gebäude unter Denkmalschutz steht! Müsste da nicht die Stadt mitentscheiden? Es wird so kommen, wie im ersten Kommentar beschrieben. Schade.

  3. Buchhalter

    Ich kann beiden Kommentaren nicht zustimmen: Keine Verantwortung der Stadtverwaltung Dresden für ihre Gebäude und gleich gar nicht für ihre Bürger. Schade für Herrn Kleint und seine netten Mitarbeiterinnen, schade für die zahlreichen Mittagsstammgäste. Wieder ein Stück Neustadt weg incl. eines Ortes mit preiswertem Alltagsmittagstisch. Möge das Filetstück viele kleine Gräten für den neuen Besitzer parat haben!

  4. Beuteachse

    Das, was man mit dem Kantinenbetreiber und damt mittelbar mit seiner Kundschaft macht, ist genauso zu unverständlich, wie die Entscheidung, diesen Schandfleckvon Bau unter Denkmalshutz zu stellen.

  5. Stefan

    Ich kenne wesentlich mehr Gebäude, die im letzten Jahrzehnt enstanden sind und in Sachen Gefälligkeit weit darunter liegen. Wie dem auch sei, ein solches Verhalten hat meistens einen Grund. Die Miete zu erhöhen ist das beste Mittel, einen Mieter zum Auszug zu bewegen. Hier geht es doch primär um die Lage, eine anstehende Sanierung und darauf folgend: neue Traummieten. Kennt man ja, gerade in der Neustadt. Ist freilich schade um die Kantine, aber eben auch nix, was mich in Sachen "Stadtentwicklung" vom Hocker zu reißen vermag.

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