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Samstag, 26.11.2016

Polen will Tausende Lehrer auf die Straße setzen

Mit ihrer radikalen Schulreform stößt die nationalkonservative PiS-Regierung auf Widerstand.

Von Paul Flückiger, SZ-Korrespondent in Warschau

© Symbolfoto: dpa

Der Verkehr in der Warschauer Innenstadt steht still. „Gegen das Chaos in der Schule!“ und „Hände weg von den Gymnasien!“, steht auf den Transparenten. Tausende Lehrer ziehen im Herbstregen durch die Straßen Warschaus. Die Szenen aus der vergangenen Woche könnten sich in Polen wiederholen.

Denn die rechtsnationale Regierung hat sich an ein weiteres Wahlversprechen erinnert und eine große Bildungsreform angekündigt. Innerhalb von nur zehn Monaten sollen alle 7 000 Gymnasien in Polen abgeschafft und die Kinder zurück in die Grundschulen befördert werden. Tausende Lehrer verlieren ihre Arbeit – wie viele genau, weiß noch niemand.

Jaroslaw Kaczynskis Regierungspartei „Recht und Gerechtigkeit“ (PiS) geht es nicht nur um finanzielle Einsparungen. Nebenbei sollen die Lehrpläne geändert werden, Fächer wie Geschichte, Polnisch und Religion einen größeren Stellenwert erhalten. Allerdings würde die Zahl der Lehrer auch ohne Reform wegen der sich verringernden Kinderzahl sinken. Polen hat eine der geringsten Geburtenraten der EU.

Ins Fadenkreuz der PiS sind die sogenannten Gymnasien geraten, die Oberstufe für Kinder zwischen zwölf und 15 Jahren. Im Wahlkampf hatte die PiS die Abschaffung der Gymnasien als Allheilmittel für alle Bildungsprobleme versprochen. Dabei geht die Einführung dieser mittleren Oberstufe ausgerechnet auf jene Rechtsregierung der „Wahlaktion Solidarnosc“ Ende der 90er-Jahre zurück.

Fortschritte im Pisa-Test

Die Gymnasien wurden 1999 eingeführt, um den Bildungsabstand der polnischen Kinder zur EU zu verkleinern und die Chancen zwischen Stadtkindern und Landkindern anzugleichen. Ergebnisse der Pisa-Studien der letzten Jahre schienen den Reformansatz im Nachhinein zu bestätigen. „Polen hat in den letzten zehn Jahren einen enormen Fortschritt gemacht“, sagt Andreas Schleicher, der Leiter der Pisa-Untersuchungen. Vor allem bei den 15-Jährigen konnten die begabten Kinder zusätzlich gefordert werden. Die Zahl der Schwächsten in Disziplinen wie Mathematik oder beim Lesen ging innerhalb von vier Jahren um die Hälfte zurück. Heute befindet sich Polen in den Pisa-Studien regelmäßig unter den ersten zehn Ländern.

Den Gymnasien wird seit ihrer Einführung 1999 immer wieder vorgeworfen, sie seien nur geschaffen worden, um die Kinder in den problematischen Teenager-Jahren zu isolieren. Eine Integration mit jüngeren Kindern in einer Grundschule sei besser, argumentiert die PiS. Sie geht damit zurück zum Modell der Volksrepublik Polen. Dieses kannte nur Grundschule (Jahrgang eins bis acht) und das sogenannte Lyzeum, die höhere Oberstufe. Über das richtige Modell wird in Polen seit Jahren gestritten und dies nicht strikt entlang der politischen Lager. Auch Eltern und Lehrer sind sich uneinig.

Was die Lehrer nun auf die Straße treibt, ist die Angst um den Job. Dieser mag noch so schlecht bezahlt sein – ein Gymnasiallehrer bekommt in Polen selten mehr als umgerechnet 700 Euro auf die Hand – aber immerhin ist es ein gesichertes Einkommen mit staatlichen Sozialleistungen.

„Die Abschaffung der Gymnasien ist auch ökologisch sinnvoll“, sagt Agata Stach, Mutter eines 13-jährigen Gymnasiasten. Wenn es nur noch eine Oberstufe gäbe, würden weniger Eltern ihre Schützlinge durch die ganze Stadt ins Gymnasium fahren, argumentiert sie. In der Tat werden allein in Warschau Zehntausende Kinder von ihren Eltern täglich in teils weit entfernte Gymnasien gebracht.

Dagegen richtet sich die geplante Schulreform allerdings nur zum Teil. Sie sei völlig undurchdacht, heißt es in Lehrerkreisen. Deshalb stellt sich Polen auf weitere Lehrerdemonstrationen und auch Schulstreiks ein. Die liberale Opposition und das Komitee zur Verteidigung der Demokratie (KOD) solidarisieren sich mit den Lehrern. Nach der versuchten Verschärfung des Abtreibungsrechts könnte damit die vom Parlament bereits beschlossene Schulreform die PiS in die Enge treiben.