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Freitag, 10.02.2012

Polen erkundet Lagerstätten für CO2

Das Land setzt trotz Protests auf die unterirdische Lagerung von Kohlendioxid. So soll Strom aus Kohle sauberer werden. Auch in Turow bei Zittau prüft man die neue Technik.

Von Irmela Hennig, Turow

Kohlestrom – mit uns nicht mehr“, riefen Mitglieder der Umweltschutzorganisation Greenpeace am Mittwoch lautstark vorm Brandenburgischen Landtag. Sie demonstrierten gegen weitere Braunkohletagebaue und Kraftwerke. Auch in Polen gibt es Widerstand gegen Energie aus Kohle. Doch anders als in Deutschland nimmt die Politik das im Nachbarland gelassen hin. Für das Land steht ein Ausstieg aus Kohleförderung und -verstromung nicht zur Debatte. Das machten alle Politiker gestern deutlich, als sie im Kraftwerk Turow bei Zittau den 50. Kraftwerksgeburtstag feierten. Das Land gewinnt mehr als 80 Prozent seiner Elektroenergie aus Stein- und Braunkohle. Auch wenn in den nächsten Jahren wohl mehrere Atomkraftwerke vor allem in Nordpolen entstehen könnten, wird sich daran nicht viel ändern.

Doch der Politik und dem größten polnischen Kraftwerksbetreiber Polska Grupa Energetyczna (PGE), zu dem Turow gehört, sitzt die Europäische Union mit ihren Klimaschutzzielen im Nacken. Darum setzt das Land auf die Abscheidung und unterirdische Speicherung von Kohlendioxid, kurz CCS, um dem möglichen Klimaschädling beizukommen. Während der Energiekonzern Vattenfall Europe seine Pläne zum Bau einer Demonstrationsanlage in Jänschwalde bei Cottbus auf Eis gelegt hat, weil der gesetzliche Rahmen für die unterirdische Lagerung fehlt, erkundet Polen Speicherplätze. Im PGE-Kraftwerk Be³chatów in der Woiwodschaft £ódŸ soll bis 2015 eine Demonstrationsanlage entstehen, bei der abgetrennt wird. Rund 624 Millionen Euro wird das Projekt kosten. Die Europäische Union steuert Mittel bei. Für einen Großteil der Investition werden aber noch Geldgeber gesucht. Allein, so signalisierte das Unternehmen, werde man das nicht stemmen. Vattenfall hat gestern angekündigt, enger mit den Polen an diesem Projekt zusammenzuarbeiten.

In Turow hat man das CCS-Verfahren schon konkret in die Pläne fürs Alltagsgeschäft einbezogen. Bis 2017 soll dort ein neuer Kraftwerksblock entstehen mit 460 Megawatt installierter, also abrufbarer, Leistung. Der soll mehrere alte Blöcke ersetzen. Kraftwerksdirektor Roman Walkowiak hat für den neuen Block die Variante CCS durchrechnen lassen. Machbar wäre die Aus- oder Nachrüstung. Auch den Platz dafür haben Turows Kraftwerker.

Kraftwerk findet Speicherplatz

In einer Studie hat der Konzern außerdem Lagerstätten für die unterirdische Speicherung von Kohlendioxid erkundet. Drei mögliche liegen nun fest. Eine, Kowalowo, liegt in Niederschlesien, etwa 130 Kilometer östlich von Weißwasser. Eine weitere befindet sich in der Woiwodschaft Großpolen, die dritte in Radnica im Lebuser Land, nordöstlich von Guben. Für Kowalowo hat PGE auch den Transport durchgespielt. Rund 208 Kilometer Rohrleitung könnten das flüssige Gas zum Lager transportieren. Dort würde es mit Pumpen unter die Erde befördert. „Und dann müssen wir beobachten, was passiert“, sagt PGE-Vorsitzender Pawe³ Skowroñski. Und spricht von einer Überwachung bis 2072 und länger. Zuvor müssten die Speicherorte weiter untersucht werden; ein Ausbau wäre ab 2019 denkbar. Während diese Standorte unproblematisch untersucht werden konnten, haben die Kraftwerker aus Be³chatów, die die Demonstrationsanlage planen, mehr Gegenwind von CCS-Gegnern. Geologen, die Speicherplätze untersuchen wollten, wurden von Umweltschützern buchstäblich verjagt.

Auch gegen andere Pläne des Unternehmens, das mit rund 46.000 Mitarbeitern über fünf Millionen Haushalte und Unternehmen in Polen mit Strom versorgt, gibt es Widerstand. Der Konzern will Kohle in der Region Gubin und bei Legnica (Liegnitz) abbauen. Zumindest in Legnica wären Umsiedlungen nötig. Das Vorkommen könnte die Zukunft des Turower Kraftwerkes absichern. Protest gibt es auch gegen ein geplantes Kraftwerk in Gubin mit drei 900-Megawatt-Blöcken. Weniger Widerstand wird erwartet, wenn Turow anstrebt, Wärmeenergie auch in die Oberlausitz und nach Böhmen zu exportieren.