Montag, 24.12.2012

Plötzlich dreht sich die Welt

Felix Roßberg hat es als Breakdancer ins Dresdner Staatsschauspiel geschafft – eine kleine Revolution in der Theaterwelt.

Von Sandro Rahrisch

Tanz auf der Hand: Felix Roßberg bringt den Breakdance ins Dresdner Schauspielhaus. Im Probenraum trainiert der 24-Jährige gerade für das Jugendstück „Reckless II“. Foto: Katja Frohberg
Tanz auf der Hand: Felix Roßberg bringt den Breakdance ins Dresdner Schauspielhaus. Im Probenraum trainiert der 24-Jährige gerade für das Jugendstück „Reckless II“. Foto: Katja Frohberg

Sein Frühstück hat Felix Roßberg an diesem Morgen durch einen Energy-Drink ersetzt. Er will keinen Ballast mit auf die Bühne des Dresdner Staatsschauspiels nehmen. Nichts, was ihn während des Saltos träge machen würde. Der 24-Jährige wird gleich Theatergeschichte schreiben, denn Breakdancer gehören nicht gerade zum Standard-Ensemble auf deutschen Bühnen.

Der Fahrstuhl hält unterm Dach: Roßberg und Breakdancer Alexander Miller sind im Probenraum angekommen. „So früh am Morgen ist es eine große Überwindung, richtig loszulegen“, sagt Roßberg. Mit Spagaten, Liegestützen und Handständen erwärmen sich die beiden Tänzer. Dann zeigen sie, wie flexibel ihre Bänder wirklich sind: Im Handstand laufen sie die gelbe Linie entlang, nehmen eine Hand weg und drehen mühelos ihren ganzen Körper.

„Als Physiotherapeut muss ich zugeben, dass nicht alle Bewegungen gut für die Gelenke sind“, sagt Roßberg. „Aber für die Karriere macht man es“, ergänzt der muskulöse Nossener nüchtern und setzt zum Salto an. Kraft und Koordination seien besonders wichtig. Und natürlich Taktgefühl, wobei jede mit Beats unterlegte Musik für Breakdance geeignet sei. „Wir haben selbst zu Mozart schon Choreografien einstudiert.“

In einer halben Stunde hebt sich der Vorhang – Roßberg und Miller schlüpfen jetzt in ihre Kostüme, die den Männern aber kaum schmeicheln dürften: Ihre Hinterteile wachsen in der ausstaffierten Hose auf das Fünffache an. Und die zotteligen Perücken lassen vom Gesicht keinen Zentimeter frei. Während einer Aufführung wurde sie Roßberg zum Verhängnis: „Plötzlich habe ich nichts mehr gesehen, bin ins Leere gesprungen und auf Handgelenke und Genick gefallen.“

Die Tänzer steigen in den Fahrstuhl, die Zeit ist ran. Auf der Garderobenstange im Backstage-Bereich hängen schon die Kostüme, die Roßberg und sein Tanzpartner in dem zweieinhalb-stündigen Fantasiedrama „Reckless II“ gleich tragen werden. Vier Minuten bleiben ihnen, um sich nach der ersten Szene vom Diener zum Matrosen zu verwandeln.

Die Besucherränge sind mittlerweile gefüllt – Schüler, wohin man blickt. Sie warten auf den jungen Jacob Reckless, der in einer Spiegelwelt dem Tod entgegensieht. Die Gestaltwandlerin Fuchs begleitet ihn auf einer Schatzsuche, um sein Leben doch noch zu retten. Grundlage für die Inszenierung ist der gleichnamige Roman der weltbekannten Jugendbuchautorin Cornelia Funke.

Roßberg trägt inzwischen das Wolfskostüm und bedroht den gefesselten Jacob mit spektakulären Sprüngen und Drehungen. Auch mit dem kleinwüchsigen Valiant tanzt er wild. Und als betrunkener Matrose klammert er sich an einem Eichenfass fest. Zum Schluss tritt er mit einem Salto von der Bühne ab – die Schüler staunen und jubeln.

Roßberg kämpfte bei den Breakdance-Meisterschaften in Hannover, als er hörte, dass das Staatsschauspiel Hochakrobaten suche. Er ging zum Vortanzen und wurde genommen. Wie anstrengend die Statistenrolle sei, habe er damals nicht geahnt. „Wenn ich bei Meisterschaften antrete, tanze ich zehn Minuten. Auf der Bühne muss ich zwei Stunden durchziehen.“ Letzte Woche standen täglich eine bis zwei Shows auf dem Programm.

Am Theater zu spielen, ist für Roßberg eine Premiere. „Aber auch für das Staatsschauspiel dürfte es neu sein, Breakdancer auf der Bühne zu haben“, sagt er. In Frankreich sei das üblich, deutsche Theater seien dagegen konservativer. Breakdancern hänge noch immer das Image „cooler Gangster“ an, obwohl die Tanzform vor 40 Jahren in New York gerade als Alternative zur Gewalt der Straßengangs entstand. Er selbst kam vor acht Jahren zufällig zum Breakdance. „Angefangen hat alles aus Spaß auf einer Geburtstagsfeier“, sagt Roßberg. Inzwischen tritt er mit der Chemnitzer Gruppe „Söhne des Kreises“ bei internationalen Wettkämpfen an, feierte in Frankreich und Großbritannien Erfolge. Als Diener, Wolf und Matrose steht er noch bis Ende Februar auf der Dresdner Bühne.