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Donnerstag, 06.07.2017

Plan B für die östlichste Stadt

Görlitz bietet mehr als eine sagenhafte Altstadt. Wer sich zwischen Kultur und Natur nicht entscheiden kann, nimmt beides – am besten per Rad.

Von Frank Seibel

Mobilmachung am Berzdorfer See: Juliane Wedlich und Danilo Kuscher vom Kühlhaus-Verein haben den „Plan B“ entwickelt und verleihen alte DDR-Räder. Daniel Reichstein (rechts) ist Geschäftsführer von Little John Bikes in Görlitz.
Mobilmachung am Berzdorfer See: Juliane Wedlich und Danilo Kuscher vom Kühlhaus-Verein haben den „Plan B“ entwickelt und verleihen alte DDR-Räder. Daniel Reichstein (rechts) ist Geschäftsführer von Little John Bikes in Görlitz.

© pawel sosnowski/80studio.net

Görlitz. Eine Stadt anschauen. Mit mittelgroßen Kindern. Im Sommer. Super Idee! Museen, alte Steine, sengende Hitze – was kann es Großartigeres geben?

Natürlich glauben die Görlitzer, dass es immer eine super Idee ist, ihre vom Krieg verschonte „schönste Stadt Deutschlands“ zu besuchen. Immerhin lebten hier vor gut 500 Jahren die reichsten Bürger Deutschlands, erfanden das moderne Treppenhaus, regierten ihre Stadt selbst, während Kaiser und König aus der Ferne zusahen; immerhin ist es heute eine Stadt in zwei Ländern, hat ein Theater, das als „kleine Semperoper“ gerühmt wird, eine Straßenbahn durch die längste Einkaufsstraße Ostsachsens – außer der „Prager“ in Dresden, natürlich. Und das größte Filmstudio Deutschlands, ach, vermutlich außerhalb von Hollywood, ist diese wundersame schöne Stadt sowieso.

Tolle Idee also? Tolle Idee! Sogar im Sommer, sogar mit Kindern und „Pubertieren“ – wenn man einen Plan B hat. Der ist orange, grün, gelb und pink, und zusammengefaltet passt er hinten in die Hosentasche einer Jeans. „Plan B“ ist ein „Alternativer Stadtplan von Görlitzern für Dich“; so heißt er im Untertitel. Die Designerin Juliane Wedlich hat ihn für den Kühlhaus-Verein entworfen und ihn mit einem „Fahrrad-Netzwerk“ verknüpft, das seit einem Jahr erstaunlich gut funktioniert. Insgesamt zwei Dutzend alter Fahrräder – „Diamant“ aus der DDR und „Zenit“ aus der „Volksrepublik Polen“ – stehen an fünf Orten in der Stadt zum Ausleihen bereit, dreimal direkt im historischen Zentrum. „Wir haben die Görlitzer nach ihren Lieblingsorten gefragt und daraus diesen Stadtplan gemacht“, sagt Juliane Wedlich. Konzipiert ist „Plan B“ zwar vor allem für Jugendliche und junge Erwachsene. Aber auch für ganz normale Ausflügler ist er ein inspirierender Begleiter. Denn das klassische Touri-Programm beschränkt sich oft auf die schöne Altstadt. Um die soll man keineswegs einen Bogen machen, zumal hier viele Cafés und Restaurants mit einem mittlerweile sehr vielfältigen Angebot locken. Aber es gibt eben mehr als Renaissance-Portale, Hallenhäuser und gotische Kirchen. Die ausgedehnten Gründerzeit- und Jugendstilquartiere haben nach wie vor eine fast großstädtische Anmutung, obwohl die Synagoge und das Kaufhaus aus den 1910er Jahren derzeit nur von außen zu bestaunen sind. Der Nikolaifriedhof am nördlichen Rand der Altstadt ist als Bergfriedhof mit Grufthäusern aus der Barockzeit eine Rarität. So wächst das Interesse, die zweitgrößte Stadt in Ostsachsen mit dem Fahrrad zu erkunden. Der Charme dabei: Man zahlt nur zehn Euro Pfand, keine Leihgebühr. Das Manko: Es sind wirklich alte Fahrräder, die in der Regel nur einmal im Jahr komplett gewartet werden. Und: Es gibt sie fast nur in den Größen 26 und 28 Zoll. Für Kinder ist in der Flotte des Fahrradnetzwerkes noch nichts dabei. Es ist halt ein sympathisches Alternativ-Angebot. Wer es ganz bequem will, vielleicht noch mit Kinder-Anhänger oder auch mit Elektro-Schub, findet mit „Little John Bikes“ den weit und breit größten Fahrradverleih. 220 Tourenräder in allen Größen lagern hier, dazu 25 E-Bikes. Wer einen Tag zuvor anruft, bekommt auch in der Hochsaison problemlos einen ganzen Familiensatz, sagt Geschäftsführer Daniel Reichstein.

Dass die Nachfrage nach Tagestouren steigt, liegt vor allem an der jüngsten Attraktion der Stadt: fast zehn Quadratkilometer Wasser. Fünf Kilometer lang ist der Berzdorfer See, der wenige Jahre nach Abschluss der Flutung an vielen Stellen so aussieht, als gäbe es ihn schon immer. Dabei wurde an dieser Stelle bis 1997 Braunkohle abgebaut. Zwei offizielle Sandstrände, eine Badestelle mit Liegewiese und viele kleine Nischen zum Sonnen und Baden machen den Berzi zu einer echten Verlockung. Von der Altstadt dauert es mit dem Rad eine halbe Stunde bis dorthin.

Und schon der Weg ist ein Erlebnis. Die acht Kilometer teilen sich Fahrradtouristen und Ausflügler auf dem Neiße-Radweg. Vor der Altstadtbrücke, einer modernen Fußgängerbrücke hinüber zur polnischen Zwillingsstadt Zgorzelec, geht’s rechts rum in Richtung Süden, immer am Fluss entlang. Schon nach wenigen Minuten hat man die Stadt aus dem Blick verloren und gleitet ins schattige Neißetal, das von einem mächtigen Eisenbahnviadukt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts überspannt wird. Kurz davor lockt bereits der erste romantische Halt. Die Obermühle beherbergt eine kleine Hausbrauerei und ein rustikal-modernes Restaurant. Radler können auch vor dem Restaurant, direkt am Radweg, an einigen Tischen Rast machen und das sprudelnde Neißewehr beobachten. Und wer kurz umsteigen möchte: An der Obermühle kann man stundenweise Ruderboote ausleihen.

Weiter geht’s entlang den weiten Neißewiesen, auf denen Pferde grasen, durch den dörflichen Stadtteil Weinhübel, der seinen Abschluss in der schönen barocken Auferstehungskirche findet. Von hier sind es nur wenige Hundert Meter zum Nordufer des „Berzi“, und zwei Kilometer nach Deutsch Ossig – dem morbide romantischen Rest des alten Dorfes, das noch 1988 zur Hälfte von den Kohlebaggern verschluckt wurde. Wer den See entgegen dem Uhrzeigersinn umrundet (gut 20 Kilometer), kann sich Deutsch Ossig für den Abschluss aufheben. Hier gibt’s Bratwurst, Bier, Kaffee und Eis mit Blick aufs Wasser. Wer etwas gediegener pausieren möchte, findet am Süd-Ufer das „Gut am See“, das einst zum zauberhaften, aber noch unsanierten Wasserschloss Tauchritz gehörte. Am Ende eines Radlertages in und um Görlitz hat dann jeder gewiss ein paar eigene Tipps für die nächste Auflage des „Plan B“.

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