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Mittwoch, 16.01.2013

Philharmonie muss im Kino proben

Die Dresdner Philharmoniker müssen derzeit die hohe Kunst der Improvisation pflegen. Da ihr Stammhaus wegen Umbaus geschlossen ist, spielen sie im Museum, Theater oder Kirchen. Geprobt wird im Kino.

Von Jörg Schurig

Improvisation ist derzeit bei der Dresdner Philharmonie angesagt. Sie ziehen von einer Spielstätte zur anderen.
Improvisation ist derzeit bei der Dresdner Philharmonie angesagt. Sie ziehen von einer Spielstätte zur anderen.

© PR

Dresden. Es ist fast so, als würde sich Bayern München für den nächsten Auftritt in der Champions League nur mit Tischfußball vorbereiten. Wenn die Dresdner Philharmoniker ihren Probesaal im leerstehenden Kino Metropolis verlassen und zum Konzert fahren, betreten sie jedes Mal wieder Neuland. Fest steht nur eines: Im Kino Nr. 7 klingt es staubtrocken wie in einer windstillen Savanne - ganz anders als beim Konzert vor Publikum. «Was bei den Proben fixiert wird, hat in den anderen Spielstätten keinen Bestand», schildert Chefdirigent Michael Sanderling das Problem.

Der 45 Jahre alte Musiker ist so etwas der Akustikvorhersager. Sanderling hat schon ernsthaft überlegt, ein Handbuch für Kollegen aufzulegen, die in den kommenden Jahren als Gastdirigenten bei der Philharmonie auftreten - damit sie sich auf das akustische Roulette einstellen können. Grund ist der auf knapp 83 Millionen Euro veranschlagte Umbau des Kulturpalastes, der seit 1969 das Domizil der Philharmonie war. Seit gut vier Monaten ist das Orchester deshalb auf Tour in der eigenen Stadt, spielt mal da, mal dort. Das soll noch bis Herbst 2015 dauern - für die Musiker eine absolute Schmerzgrenze.

Sanderling versucht den Zeiten des Improvisierens auch etwas Gutes abzugewinnen. «Die Flexibilität, die uns abverlangt wird, kann sich auch unter normalen Bedingungen positiv widerspiegeln.» Das Orchester sei so in der Lage, schnell auf veränderte Verhältnisse zu reagieren. Der Dirigent sieht außerdem die Chance, auf neuen Bühnen neues Publikum anzulocken. Der befürchtete Publikumsschwund blieb bisher jedenfalls aus. Das hängt auch mit einem kleineren Platzangebot zusammen. Im Kulturpalast konnten pro Konzertprogramm 4800 Plätze verkauft werden, jetzt nur noch 60 Prozent davon.

Musikfans folgen zu allen Spielstätten

«Wir sind ausverkauft», freut sich Intendant Anselm Rose. Trotz faktischer Halbierung der Platzanzahl habe man nicht davon ausgehen können, dass die Musikfans der Philharmonie zu allen Spielstätten folgen. Doch das Publikum - der Große Unbekannte - spielte mit. Das gilt vor allem für das Albertinum, wo das Orchester im Innenhof zwischen der Galerie Neue Meister und der Skulpturensammlung spielt. «Ich finde die Atmosphäre im Albertinum gut, die Leute bleiben zur Pause im Saal, holen sich ein Glas Wein und nehmen das sogar mit an ihren Platz. Das hat eine gewisse Lockerheit, sagt Rose.

Rose und Sanderling gehen davon aus, dass erst die kommende Saison zum Gradmesser wird. Für die laufende Spielzeit hätten viele Gäste quasi «blind» gekauft, ohne die konkreten Verhältnisse zu kennen. Wer danach bei der Stange bleibt, dürfte die musikalische Diaspora der Philharmoniker bis zum Ende durchstehen. Sanderling: «Klar ist: Es sind und bleiben Interimslösungen. Wenn da andere Töne zu hören sind, schlägt die Stimmung um - bei Musikern und Publikum.» Misstöne hatte es zuletzt immer mal wieder gegeben, weil die Stadt ihren eigenen Beschluss zum Umbau hinterfragte. Seit 10. Januar gibt es Gewissheit.

«Man darf nie vergessen, dass Akustik kein Luxus ist», hält Rose all jenen vor, die das Geld lieber für andere Dinge ausgeben würden. Ein guter Raum sei so wichtig wie die Herz-Lungen-Maschine bei einer OP. Auch an die «philharmonische Seele» der Musiker haben die Chefs zu denken. Bratscher Heiko Mürbe räumt ein, dass der Auszug aus dem Kulturpalast unter den Kollegen auch Ängste auslöste - dass man das Publikum auf der Reise verlieren könnte: «Bleibt zu hoffen, dass der Umbau das erfüllt, was er als Projekt verspricht - mit einer guten Perspektive lässt sich auch mal eine Durststrecke überwinden.» (dpa)

www.dresdnerphilharmonie.de