Dienstag, 04.12.2012
Pflegefall und Kinoheld
Die „37 Grad“-Reportage erzählt die Alltagsgeschichte hinter dem Kinohit „Ziemlich beste Freunde“. Sie begleitet den gelähmten Philippe Pozzo di Borgo.
Der eine Held von „Ziemlich beste Freunde“ – Philippe Pozzo di Borgo. Eine Reportage zeigt ihn nun im Alltag, hier mit seiner Ehefrau Khadija am Strand von Essaouira in Marokko. Foto: ZDF
Er habe zwei Leben geführt, sagt Philippe Pozzo di Borgo heute. Und er sei glücklich angesichts der Erfahrung, die er in beiden Leben gemacht habe. „Ich war einmal sehr egoistisch, wie unsere Gesellschaft so ist“, erinnert sich der 61-Jährige in einem Interview mit dem Portal „Zeit online“. „Ich war an Geld interessiert, ich war ehrgeizig und gierig. Ich habe inzwischen meine verlorene Unschuld zurückbekommen und mich in der Stille und im Schmerz wiedergefunden.“
Philippe Pozzo di Borgo wurde berühmt durch die Filmfigur, die ihn verkörpert. Neun Millionen Deutsche sahen mittlerweile die französische Tragikomödie „Ziemlich beste Freunde“, in der ein reicher Aristokrat und Geschäftsmann, wegen eines Unfalls zum Pflegefall geworden, von seinem Pfleger aus dem tiefen Tal der Depressionen herausgeholt wird.
Di Borgo ist es tatsächlich so ergangen. Die ZDF-Reportage „Beste Freunde“ von Danuta Harrich-Zandberg erzählt die wahre Geschichte. Die Reportage läuft in der Doku-Sendereihe „37 Grad“.
Am 27. Juni 1993 stürzt di Borgo, Direktor des Champagner-Unternehmens Pommery, mit einem Gleitschirm ab und bricht sich einen Halswirbel. Er bleibt vom Kopf abwärts gelähmt. Ein Joystick an der Wange ist seine einzige Chance zur Mobilität. „Leiden begreife ich als eine Form des Widerstandes, was mich stark an meinen Großvater erinnert, der in der Résistance war und ein Konzentrationslager überlebte“, erzählt di Borgo. Sein Absturz bleibt nicht der einzige Schicksalsschlag. Drei Jahre später erliegt seine Frau einem schweren Krebsleiden.
Sein zweites Leben beginnt mit einem Mann, auf den der in Paris allein in seiner Villa im Palais Hôtel de Longueuil lebende di Borgo zunächst keinen Pfifferling setzt: Es ist der junge Algerier Abdul Sellou. Eigentlich bewirbt sich Abdel als Pfleger nur bei di Borgo, um eine Bewerbung nachweisen zu können und sein Arbeitslosengeld zu kassieren – wie im Film. Doch plötzlich ist der junge Mann drin im Job, der auch sein Leben verändert. Zehn Jahre lang werden sich die ungleichen Sellou und di Borgo nicht aus den Augen verlieren.
Für die ZDF-Dokumentation der 58-jährigen Filmemacherin Harrich-Zandberg habe di Borgo im deutschsprachigen Raum „exklusiv“ zur Verfügung gestanden. Di Borgos Ziel sei es, damit „den Menschen die Scheu vor schmerzhaften Auseinandersetzungen und unliebsamen Wahrheiten zu nehmen“, sagt Harrich-Zandberg. Der Film begleitet den Geschäftsmann durch seinen Alltag, „zu Plätzen und Orten, die ihn geprägt haben, und er begegnet Menschen, die ihm viel bedeuten“. (dpa)
„37 Grad: Beste Freunde“, 22.15 Uhr, ZDF