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Sonntag, 18.10.2015

Pegida von A bis Z

Für alle, die nicht mehr durchblicken: die wichtigsten Begriffe zum Thema, einmal ganz objektiv erklärt.

Wenn Wirmer wüsste ...
Wenn Wirmer wüsste ...

© REUTERS

Abendland. Es war ein altes CDU-Plakat von 1946, das die Pegida-Gründer auf die Idee brachte, sich „Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ zu nennen. „Rettet die abendländische Kultur“, heißt es auf dem Plakat. Damals ging es allerdings überhaupt nicht gegen den Islam, sondern gegen ein Land, das die Pegida-Anhänger heute glühend verehren: Russland.

Burka. Neuerdings sieht man auch in der Dresdner Fußgängerzone öfter mal vollverschleierte Frauen. Pegida-Anhänger fürchten „westdeutsche Verhältnisse“ in Sachsen – oder gar, dass die Burka Pflicht wird. Muslimische Theologen halten jedoch BurkaTrägerinnen, die sächseln, für Frevel.

Christstollen. Zu einem Symbol für den drohenden Untergang des Abendlandes machte Pegida-Führer Lutz Bachmann den Dresdner Christstollen. Es sei „nur eine Frage der Zeit“, bis dieser umbenannt werde, aus Rücksicht auf muslimische Minderheiten. Bachmann, der es sonst nicht so mit der Kirche hat, erklärte: „Ich fühle mich in der Ausübung meiner Religion behindert.“ Ausübung der Religion? Dann müsste wohl auch die Bibel geändert werden: „Jesus nahm den Stollen, brach ihn, reichte ihn seinen Jüngern und sprach: Nehmet und naschet alle davon …“

DDfE. Nachdem sich das Orga-Team von Pegida Anfang 2015 gespalten hatte, gründete sich ein neuer Verein namens „Direkte Demokratie für Europa“. Das Kürzel DDfE hat sich aber nicht durchgesetzt, und jeder interpretiert etwas anderes hinein. Zum Beispiel „Dunkel-Deutschland für Energiesparlampen“ oder auch „Dresden frisst Eierschecke“. Noch zu haben wäre übrigens das Kürzel DWMJWNSD: „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“

Erika. Gerüchte, für die es keine Beweise gibt, sind eine der wichtigsten Informationsquellen von Pegida. Der Einwand, für jede Behauptung brauche man einen Beleg, ist aus ihrer Sicht ein billiger Trick der Lügenpresse. Deshalb wird Angela Merkel auf PegidaDemos auch völlig unverhohlen als Stasi-Spitzel „IM Erika“ verhöhnt. Bewiesen ist allerdings, dass Merkel selbst ausspioniert wurde. Die Berichte über sie verfasste ein gewisser – kein Witz – „IM Bachmann“.

Facebook. Laut seiner Grundsätze will Facebook zu „mehr Verständnis und engeren Verbindungen unter den Menschen beitragen“. Nach einem Jahr Pegida mit Zigtausenden Kommentaren voller Hass bleibt jedoch nur ein Fazit: Gefällt mir nicht.

GEZ. Viel wichtiger als Islamisierung, Flüchtlinge und Asylpolitik scheint den Rettern des Abendlandes ein ganz anderes Thema zu sein: die Abschaffung des Rundfunkbeitrags und der Gebühreneinzugszentrale (GEZ). Dies ist jedenfalls die Forderung des ersten Volksantrags, zu dem Pegida aufruft. Ziel sei ein „steuerfinanzierter, neutral über das Weltgeschehen unterrichtender Sächsischer Staatssender“. Was Pegida mit „neutraler“ Berichterstattung meint, kann man auf ihrer Facebook-Seite sehen.

Heimat. Während die einen ihre Heimat verlassen und vor Krieg und Armut fliehen, machen sich die anderen Sorgen um ihre Heimat. Vor allem in Sachsen, denn hier blieb man bislang weitgehend verschont von Globalisierung, fremden Kulturen und ähnlichem Übel. Die wichtigste Forderung ist deshalb, dass Flüchtlinge so schnell wie möglich Sächsisch lernen.

Islamisierung. Alwahdat waleadalat walhurriat lil watan al’almania. daeuna naseaa jamieaan al’akhawi mae alqalb walyda.

Journaille. Synonym für Lügenpresse, abgeleitet von dem französischen Wort kanaille für „fieser Kerl“ oder „Schurke“, dieses stammt ab vom lateinischen Begriff caniculus für „Hund“. Wuff, wuff!

Kaltland. Vor allem im sozialen Netzwerk Twitter wird die Begriffsschöpfung „Kaltland“ als Stichwort benutzt, um auf das angeblich von Hass und Kälte erfüllte Deutschland hinzuweisen. Zum Glück ist die Mehrheit der Deutschen bislang aber ganz cool.

Lügenpresse. Pegida ist eine völlig friedliebende, menschenfreundliche sowie durch und durch demokratische Bewegung harmloser Bürger, die weder rechts noch ausländerfeindlich ist. Steht hier in dieser Zeitung – stimmt also?

Mischpoke. Das Wort stammt zwar aus dem Jiddischen, also der jüdisch-christlichen Abendlandkultur. Dennoch waren die meisten Pegida-Anhänger erbost, als sie der Grünen-Chef Cem Özdemir in einer Talkshow als „komische Mischpoke“ bezeichnete. Bei Pegida gilt es grundsätzlich als unanständig, Andersdenkende mit Schimpfwörtern zu belegen. Das gilt auch für dreckige Scheiß-Kanaken wie Özdemir. Pack

Nazi-Keule. Wer Pegida-Teilnehmern Fremdenfeindlichkeit, Ausländerhass oder rechtsextremes Gedankengut vorwirft, muss sich seinerseits oft den Vorwurf anhören, die „Nazi-Keule“ zu schwingen. Für beide Seiten wird die Nazi-Keule so zum Totschlagsargument. Für die einen sind alle Pegida-Anhänger Nazis. Für die anderen sind alle Pegida-Kritiker Volksverräter.

Orga-Team. Der innere Führungszirkel um Lutz Bachmann nennt sich seit der Gründung von Pegida „Orga-Team“. Das sind zwar gleich zwei ausländische Begriffe auf einmal, aber die rein deutsche Bezeichnung „Durchführungsstab“ klingt auch ziemlich uncool.

Pack. Zwei Nächte in Folge hatten gewalttätige, ausländerfeindliche Randalierer in Heidenau sich Straßenschlachten mit der Polizei geliefert. Sie warfen Flaschen, Böller und Steine, mehrere Beamte wurden verletzt. Vizekanzler Sigmar Gabriel sagte später bei einem Besuch am Ort des Geschehens: „Bei uns zu Hause nennt man solche Leute Pack.“ Erstaunlicherweise fühlten sich von dieser Aussage auch viele Pegida-Anhänger angesprochen. Jedenfalls kursiert dort seitdem auch der Spruch: „Wir sind das Pack!“

Querulant. Nur wenige haben den Mut, sich vehement gegen den Mainstream und die Mehrheit zu stellen. Da Pegida aber den Volkswillen, also die eindeutige Mehrheit repräsentiert, gibt es in dieser Bewegung so gut wie keine Querulanten.

Ruptly. Wer keine Lust oder Zeit hatte, zu den montäglichen Pegida-Demonstrationen in Dresden zu gehen, konnte eine Zeit lang regelmäßig Live-Übertragungen im Internet verfolgen. Die Video-Agentur Ruptly filmte jede Rede. Ruptly ist eine Tochter von Russia Today, einem Auslandssender, der vom russischen Staat finanziert wird – und deshalb unter Pegida-Anhängern als besonders unabhängig und objektiv gilt. GEZ, Journaille, Lügenpresse

Säxit. „Dann geht doch!“ So lautete eine Schlagzeile auf der Titelseite der Hamburger Wochenzeitung Die Zeit. In dem Artikel – halb polemisch, halb ernst gemeint – ging es um den in Sachsen besonders stark ausgeprägten Ausländerhass. „Wird es nicht Zeit für einen Säxit – den Austritt der Sachsen aus der Bundesrepublik?“, fragte der Autor, angelehnt an das Wortspiel Grexit für den drohenden Exit Griechenlands aus der EU. Zugleich denken immer mehr Sachsen darüber nach, ihre Heimat zu verlassen. Das nennt man dann Säxil.

Teilnehmerzahl. Von Anfang an umstritten war die Zahl der Teilnehmer bei den Pegida-Demos in Dresden. Sie schwanken, je nach Quelle, zwischen 50 und 5 000 000 000 000 000 000. Unstrittig ist, dass es ziemlich viele sind. Verschiedene Zählmethoden halfen aber auch nicht weiter: Luftbildaufnahmen mit Flächenschätzung, Video-Analyse, Münz-Einwurf. Bislang unerprobt blieb die Idee, die Menge der Teilnehmer per Abzählreim zu ermitteln: „Eins, zwei, Papagei/ Drei, vier, Offizier/ Fünf sechs, alte Hex’/ Sieben, acht, Kaffee gemacht/ Neun, zehn, weiter geh’n …“

Ungarn. Neben Russland-Fahnen und der Wirmer-Flagge wehen neuerdings auf Pegida-Demos öfter auch die ungarischen Nationalfarben. Der ungarische Regierungschef Viktor Orban ist der Held der Flüchtlingsgegner, seit er die Grenzen mit Zäunen und Stacheldraht abgeriegelt hat. Zwar poltert auch der US-amerikanische Präsidentschaftsbewerber Donald Trump gegen die deutsche Willkommenskultur. Aber deswegen die US-Flagge bei Pegida schwenken? Ungern.

Volksverräter. Pegida-Anhänger sind grundsätzlich für Meinungsfreiheit und machen von diesem Grundrecht auch gerne Gebrauch. Jedoch mit einer klitzekleinen Einschränkung: Jeder, der nicht ihrer Meinung ist, gilt als „Volksverräter“. Touristen, die zufällig an einer Pegida-Demo vorbeikommen und den sächsischen Ausruf „Volksverräter“ hören, fragen oftmals, was das denn sein solle: „Volksfahrräder“?

Wirmer-Flagge. Schwarz-gelbes Kreuz auf rotem Hintergrund: Was wie eine deutsche Version der norwegischen Flagge aussieht, wurde bald zu einem Lieblingssymbol von Pegida-Anhängern. Der Erfinder dieser Flagge war Josef Wirmer, ein Widerstandskämpfer, der zu den Unterstützern des Attentats auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 zählte. Deswegen wurde er von den Nazis zum Tode verurteilt, und zwar als Volksverräter.

Xenophobie. Fremdwort für Fremdenfeindlichkeit. Nach einer Umfrage der TU-Dresden im Frühjahr 2015 wurden bei Pegida-Demos 50 Prozent „xenophobe Patrioten“ ausgemacht sowie 17 Prozent „rechtsradikale Xenophobe“. Der Rest hatte nichts gegen Ausländer, aber …

Yellow Umbrella. Die Dresdner Band schrieb den Protestsong „No Pegida“. Wird in Sachsen aber oft missverstanden als „Nu, Pegida!“

Zeichen. Seit es Pegida gibt, vergeht kaum ein Tag, an dem nicht irgendjemand irgendwo ein „Zeichen setzt“ gegen Fremdenhass etc. Wie genau dieses Zeichen aussieht, weiß niemand. Fremdenhasser juckt das wenig, denn mit Zeichensetzung haben sie es eh nicht so.

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