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Montag, 16.03.2015

Pegida treibt Schweißperlen auf Dresdner Denkerstirnen

Im Umgang mit dem Verein sieht Werner Patzelt einen Verrat am Pluralismus. Professoren-Kollege Donsbach warnt aber vor dem Allheilmittel Volksentscheid.

Von Tobias Hoeflich

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Fremdenfeindlicher als der Rest der Republik seien die Dresdner nicht, sagte Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Donsbach (r.) in der gestrigen Diskussionsrunde der Philosophischen Fakultät.
Fremdenfeindlicher als der Rest der Republik seien die Dresdner nicht, sagte Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Donsbach (r.) in der gestrigen Diskussionsrunde der Philosophischen Fakultät.

© Sven Ellger

Als Moderatorin Dagmar Ellerbrock von der TU Dresden die Veranstaltung für beendet erklärt, verabschiedet sich die Professorin der Philosophischen Fakultät mit einem Wunsch: dass die rund 400 Gäste im Kleinen Haus auf dem Nachhauseweg das Gespräch kritisch und respektvoll weiterführen. Die hitzige, doch sachliche Diskussion zuvor zeigt: Ein Nachhauseweg allein wird nicht reichen.

Zu groß scheint der Dialogbedarf zu sein, zu unterschiedlich sind die Sichtweisen rund um Pegida. Das verdeutlichen Sonntagmittag allein die Wortmeldungen der Gäste bei der Diskussionsrunde der Philosophischen Fakultät. Während ein Kommentator in den Pegida-Spaziergängern nur passive Mitläufer sieht, die sich nicht engagieren und nur bedienen lassen wollen, melden sich auch Teilnehmer der Demos zu Wort. Wie das Seniorenehepaar, das am Rande der Stadt wohnt und bald 70 Asylbewerber als Nachbarn hat – ohne genügend informiert worden zu sein. „Das brachte bei uns das Fass zum Überlaufen.“ Ein Fass, das zuvor durch gigantische Eurorettungsschirme stark angeschwollen war.

Bei den Ursachen für die Pegida-Bewegung sind sich die drei Podiumsteilnehmer, allesamt TU-Professoren, weitestgehend einig. „Das Politikangebot entspricht nicht dem, was die Leute beschäftigt“, sagt Politikwissenschaftler Werner Patzelt. Probleme in der Asyl- oder Integrationspolitik anzusprechen sei gerade in Dresden schwierig, wo es wegen der Neonazi-Aufmärsche rund um den 13. Februar 1945 ein „sehr sensibles Antirechtsspektrum“ gebe. Die vorschnelle Verteufelung der Pegida-Demonstranten habe dann zu einer trotzigen Solidarität geführt und dem Verein Zulauf verschafft. „In der Debatte hat die pluralistische Gesellschaft ihre eigenen Prinzipien ein Stück weit verraten.“

Nicht fremdenfeindlicher als der Rest der Republik

Kommunikationswissenschaftler Wolfgang Donsbach hat mit Blick auf die „Lügenpresse“-Rufe bei den Demo-Teilnehmern eine verzerrte Wahrnehmung der Berichterstattung ausgemacht, die ihre eigene Meinung als zu wenig beachtet sehen. Dennoch sei die Kritik nicht völlig unbegründet: „Der größte Teil des Dresdner Image-Schadens ist nicht durch die Pegida-Demonstrationen entstanden, sondern durch die Art der Berichterstattung“, so Donsbach. Fremdenfeindlicher als der Rest der Republik seien die Dresdner nicht.

Uneins sind die Forscher, welche Lehren aus Pegida zu ziehen sind. Soziologe Karl-Siegbert Rehberg spricht sich etwa für mehr Teilhabe in der Politik aus. Die Demos und Gegendemos derzeit seien im Grunde eine „bequeme Opposition“ für die Regierenden: „Die wirklichen Probleme kommen dadurch nicht zur Sprache.“ Donsbach warnt dagegen davor, in Volksabstimmungen nur einen Segen zu sehen: Viele richtungsweisende Entscheidungen der letzten Jahrzehnte hätte es damit nicht gegeben. So kann nach zwei Stunden Debatte Werner Patzelts Prognose auch als Fazit gezogen werden: „Pegida wird uns weiterhin die Schweißperlen auf die Denkerstirnen treiben.“

Leser-Kommentare

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Insgesamt 41 Kommentare

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  1. Silke

    „Der größte Teil des Dresdner Image-Schadens ist nicht durch die Pegida-Demonstrationen entstanden, sondern durch die Art der Berichterstattung.“ -- Treffender kann man es nicht formulieren. Seit Monaten wird auf diesen Umstand hingewiesen. Aber in den Redaktionsstuben, auch dieser Zeitung, kommt das nicht an. Man sollte sich mal einen Artikel in der Neuen Züricher Zeitung als Gegenstück anschauen: "Ärger mit der «Lügenpresse»" (17.2.15). Das ist ordentlicher Journalismus, kritisch und so objektiv wie möglich. Information statt Propaganda.

  2. Max

    PEGIDA ist mehr als nur ein kurzzeitiges Aufbegehren derjenigen, die sich von der Politik nicht mehr vertreten füllen. Es zeigt, mit welchen Mitteln die herrschenden Eliten solchen „Überraschungen“ begegnet: Die geballte Macht der Meinungsmacher (Medien) vereint sich mit dem linken Protestpotenzial (Antifa usw.) und religiösen Institution (u.a. Islamisches Zentrum Dresden), um schon existierende Demos mindestens zu behindern und (im Westen) neue „PEGIDAS“ gar nicht erst entstehen zu lassen. Bestürzend ist für mich dabei, dass man dazu bereit war, selbst Gewalt (Bahnzerstörungen, illegale Blockaden usw.) in Kauf zu nehmen, denn diese Gesetzesbrüche wurden entweder verniedlicht („friedliche Blockade“) oder gar der PEGIDA in die Schuhe geschoben („Am Rande einer PEGIDA-Demonstration kam es …“). Im Ergebnis haben wir nun eine weiter abnehmende Wahlbeteiligung und eine zunehmende Polarisierung in der Bevölkerung. Traurig.

  3. Jens K.

    Das Phänomen „PEGIDA“ hat offensichtlich ganz schön aufgeschreckt. Gut so, die Herren Politiker hatten sich daran gewöhnt, dass 50 Prozent der Bevölkerung gar nicht mehr an der Demokratie beteiligt sind. Hier eröffnet sich eine Fundgrube für Politikwissenschafter und Soziologen. Hoffen wir nur, dass diese das objektiv als Chance für eine besser funktionierende Demokratie sehen und nicht der Verballablehnung des vorherrschenden Mainstreams folgen. Die Veranstaltung gestern war ein erster Schritt in die richtige Richtung. Es wäre nun zur wünschen, dass auch die Medien (SZ) endlich mit dieser Verteuflung aufhören und anfangen, das Hauptproblem sachlich zu diskutieren: Die selbstverordnete Ohnmächtigkeit der Entscheidungsträger gegenüber aktuellen Problemen, ihre Unfähigkeit, manchmal auch harte Entscheidungen im Interesse des eigenen Landes zu treffen.

  4. gh

    Viel Wahres im Artikel. Den Politikern möchte ich aber noch sagen, ehe sie wieder denken mit mehr 'Information' ist es dann getan.... Nein Asylmißbrauch unterbinden und Ursachen die zur Flucht führen bekämpfen. Den Kommentaren 1bis 3 ist nichts hinzu zu fügen, genau so ist es.

  5. Dresdner

    Schon die Waldschlößchenbrücke hat Zwietracht, Argwohn und jede Menge Streit in Dresden gesät und den Populisten einfaches Futter für das Volk gegeben. Meinungen wurden durchgepeitscht, Starrsinn siegt. Und Herr Patzelt und Herr Dornsbach die Wahrheit will dauernd ans Licht. Wichtig bei der Manipulationsarbeit ist das jede Lüge untermauert wird mit Umfragen und gekauften wissenschaftlichen Gutachten, da haben gut bezahlte Auftragslügner keine Skrubel das die Wahrheit unter die Räder kommt. Wichtig ist dabei das das der Bürger nicht merkt.

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