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Montag, 07.03.2016

Pechsteins großer Auftritt beim BGH

Der Gerichts-Marathon von Claudia Pechstein erreicht die siebte Instanz. Der Bundesgerichtshof verhandelt am Dienstag darüber, ob er ihre Schadenersatzklage gegen den Eislauf-Weltverband zulässt. Das Urteil könnte riesige Dimensionen für Sportgerichte erreichen.

Eisschnellläuferin Claudia Pechstein
Eisschnellläuferin Claudia Pechstein

© dpa

Karlsruhe. Claudia Pechstein gibt nicht auf. Weder auf dem Eis noch vor den gerichtlichen Instanzen. Wegen einer aus ihrer Sicht ungerechtfertigten Zwei-Jahres-Sperre 2009 führt die fünfmalige Eisschnelllauf-Olympiasiegerin zwei Tage nach dem frühzeitigen Ausscheiden bei der Allround-WM in Berlin den siebten Prozess gegen den Eislauf-Weltverband ISU zur Wiederherstellung ihres Rufes und um fünf Millionen Euro Schadenersatz.

Das Urteil wird erst in einigen Wochen erwartet. Doch sind sich Experten sicher, dass schon der Verhandlungsverlauf Rückschlüsse zulässt, in welche Richtung die Richter tendieren könnten. Wichtige Fragen vor dem möglicherweise historischen Termin am Dienstag:

Warum unterzieht sich Pechstein so einem Prozess-Marathon?

Sie betont immer wieder, dass es ihr um Gerechtigkeit ginge. 2009 war Pechstein ohne positiven Befund durch den Welteislauf-Verband ISU zu einer Doping-Sperre von zwei Jahren verurteilt worden. Einziges Indiz waren Pechsteins schwankende Retikulozytenwerte. Die Athletin bestreitet jegliches Doping. Inzwischen ermittelten Hämatologen aus mehreren Ländern eine vom Vater geerbte Blutanomalie als Grund ihrer Werte. Pechstein verklagt die ISU wegen erlittenen Unrechts und erhielt im Januar 2015 Rückenwind durch das Urteil des Oberlandesgerichts München.

Warum beschäftigt sich jetzt das höchste deutsche Zivilgericht mit dem Fall?

Die ISU war nach dem Münchner Urteil in Revision gegangen. Sie vertritt nach wie vor die Auffassung, dass Sportler mit ihrer Unterschrift unter die sogenannte Schiedsklausel akzeptieren, dass sie sich ausschließlich der Sportschiedsgerichtsbarkeit unterwerfen und somit von einem Gang vor ein Zivilgericht ausgeschlossen sind. Dem Bundesgerichtshof obliegt es nun, die vom OLG angenommene Klage Pechsteins zu bestätigen oder abzuweisen.

Chronologie zum Fall Claudia Pechstein

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3. Juli 2009: Die ISU sperrt Pechstein anhand von Indizien und ohne Dopingnachweis „wegen Blutdopings“ rückwirkend vom 9. Februar 2009 für zwei Jahre. Die ISU hatte bei der Eisschnellläuferin „abnormal überhöhte“ Retikulozytenwerte festgestellt.

21. Oktober: Pechstein erklärt, dass Mediziner bei ihr „deutliche Hinweise“ auf eine Blutanomalie gefunden hätten.

25. November: Der CAS bestätigt in Lausanne das Urteil der ISU. Damit bleibt Claudia Pechstein für zwei Jahre bis zum 9. Februar gesperrt.

15. März 2010: Führende deutsche Hämatologen bescheinigen Pechstein eine genetisch bedingte Blutanomalie. Die hohen Retikulozyten-Werte bei Pechstein seinen auf eine erblich bedingte Störung (Sphärozytose) und nicht auf Doping zurückzuführen.

1. Oktober: Das Schweizer Bundesgericht in Lausanne weist Pechsteins Revisionsantrag gegen das CAS-Urteil ab. Die Sperre der Berlinerin läuft weiter bis zum 9. Februar 2011.

17. Februar 2011: Claudia Pechstein qualifiziert sich zehn Tage nach Ablauf ihrer Sperre beim Weltcup in Salt Lake City für die WM in Inzell und kehrt dort mit Bronze über 3000 m in die Weltspitze zurück.

15. November 2012: Pechstein feiert mit ihrem Erfolg über 3000 m im russischen Kolomna ihren ersten Weltcup-Erfolg seit 2008.

30. Dezember 2012: Claudia Pechstein reicht beim Landgericht München ihre Schadensersatzklage ein. Gegner Pechsteins sind der Eislauf-Weltverband ISU und die Deutsche Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG).

März 2013: Pechstein glänzt beim Test auf der Olympiabahn von Sotschi/Russland und gewinnt bei der Einzelstrecken-WM Bronze über 3000 und 5000 m.

Februar 2014: Bei ihren sechsten Olympischen Spielen in Sotschi wird Pechstein Vierte über 3000 und Fünfte über 5000 m. Am 26. Februar erklärt das Landgericht München die Athletenvereinbarung in ihrem Fall für unwirksam, gibt ihr aber im Hauptverfahren kein Recht.

November 2014: Das OLG in München deutet an, dass es Pechsteins Klage annehmen wird, da die Athletenvereinbarung ungültig sei und der CAS große strukturelle Defizite aufweise.

15. Januar 2015: Das OLG erkennt die Schadenersatzklage Pechsteins über 4,4 Millionen Euro gegen die ISU an. Die ISU ihrerseits erlärt, vor den Bundesgerichtshof (BGH) in Revision gehen zu wollen.

Geht es Pechstein „nur“ um fünf Millionen Euro Schadenersatz?

Nach eigener Aussage hat Pechstein 750 000 Euro in die Prozesse investiert, alle Rücklagen sind aufgebraucht. Allein 170 000 Euro zahlte Pechstein für Sportgerichts-Verfahren gegen die ISU vor dem CAS sowie dem Schweizer Bundesgericht. Da sie nicht erfolgreich war, musste sie auch alle Kosten der Gegenseite tragen. Durch die Sperre hatte sie nicht nur an Image, sondern auch viele Geldgeber verloren. Insofern ist das Geld nicht unwichtig. Doch ihr geht es um mehr: Sie fordert eine Reformierung der Schiedsgerichtsbarkeit.

Was heißt Reformierung der Sportschiedsgerichte?

Pechstein und ihr Team wollen erreichen, dass Schiedsgerichte die gleiche rechtsstaatliche Basis bieten wie Zivilgerichte. Dabei steht vor allem die Unabhängigkeit der Richter im Vordergrund. Derzeit werden die Richter, die beim CAS urteilen, mehrheitlich von den Verbänden bestimmt. So lange nicht gewährleistet sei, dass der CAS beklagten Sportlern ein faires Verfahren einräume, in dem zum Beispiel bei neuen Beweisen auch die Wiederaufnahme des Verfahren möglich wird, verlangt Pechstein für sich und andere Sportler das Recht, ein Zivilgericht anrufen zu dürfen.

Welche Wirkung kann das Urteil haben?

Sollte der BGH Pechstein folgen, würde das Urteil eine Revolution für die Sportschiedsgerichtsbarkeit auslösen. Der US-Amerikaner Mike Morgan, Mitbegründer von Morgan Sports Law, spricht in der „New York Times“ von „Schockwellen“, die ein solches Urteil aussenden würde. Das Prinzip allein zuständiger Sportschiedsgerichte wäre erschüttert. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hatte schon 2014 Reform-Vorschläge an den CAS gesandt.

Wie geht es weiter, sollte der BGH die Revision der ISU zurückweisen?

Dann würde am Oberlandesgericht München weiter verhandelt. Dort würde der Fall Pechstein erneut aufgerollt, die ISU müsste ihr einen Dopingverstoß nachweisen. Zuvor hatte ISU-Gutachter Giuseppe d’Onofrio eine Blutanomalie als Ursache für Pechsteins Werte als unwahrscheinlich dargestellt. Längst liegt aber eine klare Diagnose für diese Anomalie vor. DOSB-Präsident Alfons Hörmann hat Pechstein deshalb rehabilitiert und sie als Opfer bezeichnet. Die ISU wäre in der Hinterhand, weil es weltweit keinen anderen Mediziner als d’Onofrio gibt, der die These vom Blutdoping Pechsteins stützt. Selbst d’Onofrio hat aber eingeräumt, dass seine hämatologischen Kollegen mit ihrer Anomalie-Diagnose recht haben könnten. Die ISU müsste bei einer Niederlage alle Kosten im BGH-Prozess zahlen.

Was passiert, wenn der BGH die Revision der ISU zulässt?

Das wäre ein Rückschlag für Pechstein, ihre Schadensersatzklage wäre vorerst hinfällig. Die ISU würde ihre Auffassung bestätigt sehen und viel Geld sparen. Allerdings hat Pechstein bereits angekündigt, im Fall einer Niederlage vor das Bundesverfassungsgericht ziehen zu wollen. Sie sähe dann ihr Grundrecht verletzt, wie jeder andere Bundesbürger ein Zivilgericht anrufen zu dürfen. (dpa)

›› Pechsteins Blutwerte
›› Anti-Doping-Programm der ISU

Leser-Kommentare

Insgesamt 2 Kommentare

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  1. th.schmidt

    Ganz viel Erfolg wünsche ich. Verbände setzen die Richter ein und natürlich auch die Gutachter. Rechtsstaatlich sieht anders aus. TTIP lässt grüßen, in der Wirtschaft wird das dann Normalität was heute schon im Sport existiert.

  2. Ralf Schneider

    Sportler haben ihre eigenen Interessen. Eine Ausschaltung der Sportgerichtsbarkeit wäre die Kehrseite des TTIP -Irrsinns, denn dort werden sehr hohe Allgemeininteressen hinter verschlossenen Türen verhandelt und zum Privathobby der Firmen herabgestuft, während das hochspezielle Doping-Thema zum Main Topic hochgestuft würde. Verkehrte Welt im Quadrat. Rolf Schneider

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