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Donnerstag, 11.01.2018

Party-Gag Marke „Migrantenschreck“

Ein Arzt aus Wehrsdorf bestellt bei einem rechtsextremen Onlinehandel zwei verbotene Waffen. Aus seiner Sicht nur ein Missverständnis.

Von Sebastian Kositz

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Der Arzt aus Wehrsdorf hielt die Aufregung für übertrieben. Das Herumballern mit den kleinen Gummikugeln habe nur der Unterhaltung bei der Geburtstagsfeier gedient. Fotos: LN/Toni Lehder
Der Arzt aus Wehrsdorf hielt die Aufregung für übertrieben. Das Herumballern mit den kleinen Gummikugeln habe nur der Unterhaltung bei der Geburtstagsfeier gedient. Fotos: LN/Toni Lehder

© LausitzNews

  • Der Arzt aus Wehrsdorf hielt die Aufregung für übertrieben. Das Herumballern mit den kleinen Gummikugeln habe nur der Unterhaltung bei der Geburtstagsfeier gedient. Fotos: LN/Toni Lehder
    Der Arzt aus Wehrsdorf hielt die Aufregung für übertrieben. Das Herumballern mit den kleinen Gummikugeln habe nur der Unterhaltung bei der Geburtstagsfeier gedient. Fotos: LN/Toni Lehder
  • •Solche Gummikugeln verschießt der „Migrantenschreck“.
    •Solche Gummikugeln verschießt der „Migrantenschreck“.

Bautzen. Die ganze Aufregung kann er nicht verstehen. Der 66-Jährige aus Wehrsdorf gibt sich selbstbewusst, winkt lachend ab. Schließlich, so sagt er, sei doch alles nur ein Spaß gewesen. Zwei Revolver hatte der Mediziner bei dem jedoch weniger lustig klingenden Internetportal „Migrantenschreck“ bestellt. Waffen, die als „Meinungsverstärker“ angeboten wurden, um seinem „Ärger Luft“ zu machen. Ärger bekam der Wehrsdorfer dann tatsächlich. Monate nach der Bestellung stand die Polizei vor seiner Tür, am Mittwoch fand er sich auf der Anklagebank im Amtsgericht Bautzen wider – wegen des Verstoßes gegen das Waffengesetz.

Monatelang waren über den dubiosen Internetshop mit der Bezeichnung Migrantenschreck in Deutschland verbotene Waffen verkauft worden. Dahinter steckte der offenkundig rechtsextreme Händler Mario Rönsch, der den Verkauf mit reger Hetze gegen Flüchtlinge und der Angst vor Ausländern befeuerte. Mehr als 300 Menschen aus ganz Deutschland hatten dort bestellt. Waffen verschiedener Ausführungen, mit denen 18 Millimeter große Gummikugeln verschossen werden können.

Auch der 66-jährige Wehrsdorfer fand sich auf der Kundenliste von Migrantenschreck, die Ermittlern in die Hände gefallen war, nachdem sie Anfang 2017 das Portal dichtgemacht hatten. Gegen Ausländer, das beteuert der Arzt aus Wehrsdorf, habe er allerdings gar nichts. Im Gegenteil. Er habe schließlich selbst Ende der 1980er Jahre als Entwicklungshelfer in einem Krankenhaus in Managua gearbeitet. Die Waffen habe er lediglich bestellt, um auf einer Geburtstagsfeier in seinem Garten für kurzweilige Unterhaltung zu sorgen. „Ich bin fest davon ausgegangen, dass es reines Spielzeug ist“, erklärt der Mediziner.

Der Geburtstag – es war der 65. Ehrentag des Arztes. „Ich hatte zuvor im Internet ein Video gesehen“, gibt der Wehrsdorfer zu Protokoll. Die Revolver zum Verschießen von Gummigeschossen – das sei doch durchaus etwas, um während der Feier die „Mannschaft bespaßen zu können“, dachte sich der Internist, der seit Jahren Mitglied in zwei Schützenvereinen ist und auch einen Waffenschein vorweisen kann. Über verschiedene Links im Internet sei er dann auf einer Seite gelandet, wo sich die Ballermänner mit den Gummikugeln bestellen ließen. Wie die Seite hieß, auf der er letztlich bestellt hatte, weiß der 66-Jährige nicht mehr: „Irgendwas in Österreich.“

Tatsächlich hatte das Online-Geschäft Migrantenschreck im Impressum eine Adresse in Wien angegeben. Nach Medienberichten hatte der Betreiber Mario Rönsch die Waffen zuvor in Ungarn, wo sie ab umgerechnet 130 Euro frei erhältlich sind, gekauft und anschließend übers Internet für deutlich mehr Geld weiterverkauft. Mitte Juli 2016 klickte dann auch der Arzt aus dem Bautzener Oberland auf den Bestellknopf, orderte für knapp 1 170 Euro zwei Komplettpakete des Modells mit dem Namen „Antifaschreck“. Nachdem es mit der Lieferung zunächst nach Worten des Angeklagten gehakt und der 66-Jährige an die Wiener Adresse geschrieben hatte, trudelte die Lieferung schließlich kurz vor seiner Geburtstagsfeier doch noch ein.

Und das vermeintliche Schießspielzeug kam offenbar gut an. In seinem Garten hatte das Geburtstagskind nach eigenen Worten einen Teewagen aufgestellt, darauf einen alten Tiegel, auf den die Gäste aus vier bis fünf Meter schießen konnten. „Die Kugeln sind abgeprallt und im Gras liegengeblieben“, beschreibt der Wehrsdorfer, der als Arzt und versierter Schütze die Revolver für „vergleichsweise ungefährlich“ hält.

An Spiel und Spaß hatte der Verkäufer jedoch wohl kaum gedacht. Ganz offen hatte er mit den Ängsten der Kunden gespielt – und sogar eine Waffe mit Bezug zu Bautzen angeboten. Eines der Modelle im Shop wurde als „Migrantenschreck DP 120 Professional Bautzen Edition“ verkauft. Angepriesen für alle, die es „sich nicht gefallen lassen wollen, dass ihre Stadt zum Tummelplatz von Asylforderern wird.“

Von den hetzerischen Werbetexten will der 66-Jährige bei der Bestellung allerdings nichts mitbekommen haben. „Das stand dort so nicht oder ich habe es nicht mitbekommen“, erklärte er nach der Verhandlung auf Nachfrage der Journalisten, nachdem er mit den Inhalten von der Seite noch einmal konfrontiert worden war.

Der Bautzener Amtsrichter Ralf Nimphius hielt die Erklärungen des Wehrsdorfers mit den Revolvern als Spielzeug für die Geburtstagsfeier durchaus für plausibel. Auf seine Anregung hin wurde das Verfahren gegen Auflage eingestellt. Der Mediziner muss nun 5 000 Euro an die kriminalpräventive Gesellschaft Bürger und Polizei in Bautzen zahlen. Die Ballerei mit den Gummigeschossen – für den Arzt in jedem Fall ein sehr teurer Spaß.