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Freitag, 05.02.2016

Papst und Patriarch auf Kuba

Wenn Papst Johannes Paul II. das erlebt hätte! Er wollte immer nach Moskau. Nun trifft sein Nachfolger Franziskus den russischen Patriarchen Kirill - ausgerechnet auf der Kommunisteninsel Kuba.

Von Von Carola Frentzen und Friedemann Kohler

Papst Franziskus und Patriarch Kirill treffen sich auf neutralem kommunistischem Boden.
Papst Franziskus und Patriarch Kirill treffen sich auf neutralem kommunistischem Boden.

© dpa

Vatikanstadt/Moskau Zwei Kirchenführer schlagen eine Brücke über den Abgrund von fast 1000 Jahren Spaltung. Papst Franziskus, Oberhaupt von einer Milliarde Katholiken, und der Moskauer Patriarch Kirill treffen sich am 12. Februar in Kuba. Im Jahr 1054 trennten sich Westkirche und Ostkirche.

In den vergangenen Jahrzehnten trafen Franziskus und seine Vorgänger zwar andere Patriarchen, doch nie den aus Russland, das Oberhaupt der größten orthodoxen Kirche mit etwa 150 Millionen Gläubigen. 20 Jahre lang sei das Treffen vorbereitet worden, sagte Kirills Stellvertreter, Metropolit Ilarion, in Moskau.

Die Ortswahl passt. Franziskus und die katholische Kirche haben zur Öffnung Kubas, zu dessen Friedensschluss mit den USA beigetragen. Zugleich ist die Karibikinsel immer noch sozialistisch regiert, seit Jahrzehnten ein enger Partner Moskaus.

Der Vatikan-Experte Austen Ivereigh bezeichnete die Ankündigung im Kurznachrichtendienst Twitter als „bahnbrechend“, da Kirills Kirche nicht nur die „anti-westlichste, sondern auch die argwöhnischste“ aller orthodoxen Kirchen sei. Die Zeitung „La Repubblica“ schrieb begeistert: „Eine weitere Mauer fällt.“

Politisch kommt das Treffen zu einer unbequemen Zeit: Russland steht wegen der Ukraine und der Haltung im Syrien-Konflikt in der Kritik. Aber es ist nicht das erste Mal, dass sich Franziskus ungewöhnliche Ziele steckt und unerwartete Wege geht. Er versucht die erstarrten Haltungen im Vatikan zu lockern und überall da Annäherung zu üben, wo es ihm in seiner Position möglich ist.

Auf Moskauer Seite hat vielleicht gerade die schwierige Lage Kirill zu einem Entgegenkommen bewegt. Die russische Führung um Präsident Wladimir Putin betrachtet die Kirche als Teil des Machtapparats. Nun soll der Patriarch neue Verbindungen knüpfen. Dazu passt auch, dass die mehr als ein Dutzend orthodoxen Kirchen erstmals seit 1200 Jahren in diesem Sommer wieder ein Konzil abhalten wollen - auf der griechischen Insel Kreta.

Wichtigstes Thema des nun anberaumten Treffens in Havanna werde die Verfolgung von Christen sein - vor allem im Nahen Osten, sagte Ilarion. Beide Kirchenführer sind besorgt, dass in Syrien und im Irak die alten christlichen Gemeinden untergehen. Im wachsenden islamischen Fundamentalismus sind die Christen in Ägypten gefährdet, in Nigeria und anderen Staaten Afrikas.

Die Gemeinschaft der christlichen Kirchen, die Ökumene, ist für Franziskus ein zentrales Anliegen. „Wir sind eins, im Geiste und auch im Blut“, lautet das Credo des Argentiniers. Erst kürzlich kündigte er an, Ende Oktober in Schweden an Feiern zum 500. Jahrestag der Reformation teilzunehmen. Er werde zusammen mit dem Präsidenten des Lutherischen Weltbundes, Bischof Munib Younan, eine ökumenische Veranstaltung leiten.

Wenig später wurde klar, dass auch mit Moskau etwas in Bewegung gekommen war: Kardinal Kurt Koch, der Präsident des päpstlichen Einheitsrates für die Ökumene, sagte in einem Interview: „Jetzt steht die Ampel nicht mehr auf Rot, sie steht auf Gelb.“ Nun ist die Ampel also grün. Gerüchte gab es schon länger, als klar wurde, dass sich Franziskus und Kirill beide gleichzeitig in Zentralamerika aufhalten würden - der Pontifex in Mexiko, der Patriarch in Kuba.

Der polnische Papst Johannes Paul II. hatte bis zu seinem Tod 2005 gehofft, Russland zu besuchen oder den Patriarchen anderswo zu treffen. Die russischen Orthodoxen nahmen ihm seinen Einsatz für die griechisch-katholische Kirche in der Ukraine übel.

Die sogenannten Unierten singen ihre Liturgie orthodox, erkennen aber - im Unterschied zu den Russisch-Orthodoxen - den Papst als Oberhaupt an. Der Besuch von Johannes Paul II. in Lwiw (Lemberg) in der Westukraine 2001 schloss die Wiedergeburt dieser Kirche ab, die zu sowjetischen Zeiten nur im Untergrund existieren konnte. Auch die Errichtung von vier katholischen Diözesen in Russland 2002 wurde als Affront gewertet.

Unter Benedikt XVI. näherten sich der Vatikan und Moskau wieder an. Dass ein Treffen nun möglich wurde, sei ein Durchbruch, auf den Rom lange gewartet habe, lobte Radio Vatikan. Der Konflikt um die Unierte Kirche habe sich noch nicht erledigt, dämpfte aber Metropolit Ilarion die Erwartungen. Und von einem Besuch des Papstes in Moskau könne noch keine Rede sein. (dpa)