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Freitag, 17.04.2015

Oma Marie kämpft für schwule Enkel

Weil ein Pfarrer aus der Nachbargemeinde im Fernsehen auf Homosexuelle schimpft, tritt eine zornige Großmutter nach 84 Jahren aus der Kirche aus. Mit einem offenen Brief.

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Faksimile des beherzten Schreibens von Oma Marie.
Faksimile des beherzten Schreibens von Oma Marie.

© Screenshot: SZ

Das war’ s dann. Die Wut auf die Worte des Pastors sei so groß gewesen, dass Oma Marie die ganze Nacht nicht schlafen konnte, schildert Enkel Kim Röhrbein auf „Spiegel Online“ die seelische Verfassung seiner Großmutter. Die hatte am Abend im NDR einen Fernsehbeitrag geschaut zum Thema Kirche und Homosexualität. In der Reportage kam auch der Pastor ihrer Nachbargemeinde zu Wort, und was Gero Cochlovius in die laufende Kamera sagte, versetzte ihr einen Schock.

Praktizierte, ausgelebte Homosexualität entspreche nicht dem Willen Gottes, so der Kleriker, und von daher sei es richtig, hier von Sünde zu sprechen. So zitiert der NDR den Kirchenmann auch auf seiner Homepage zu dem Beitrag. Als nächster Schritt folgt in dieser homophoben Logik das Erkennen eines bedauerlichen Krankheitszustandes, verbunden mit der „Hilfe zur Heilung“.

Würde sie den Worten des Sprechers Glauben schenken, was Gläubige ja gemeinhin mit den Aussagen ihrer Gemeindevorsteher machen, dann wären demnach zwei ihrer Enkel schwerkrank und müssten allein um ihres Seelenheils Willen dringend kuriert werden. Dass Pastor Cochlovius eine sehr konservative Sicht auf diverse Dinge besitzt und dies auch gerne von der Kanzel seiner Kirche in Hohnhorst bei Hannover predigt, das wissen die Gottesdienstgänger genauso wie die Menschen in den Gemeinden drumherum.

Doch das Wiederholen seiner Ansichten im Fernsehen, das sei Oma Marie dann zu viel gewesen, erzählt Enkel Kim auf „Spiegel Online“. Und niemand in der Fasmilie habe geahnt, welch weitreichende Entscheidung diese Worte bei der alten Dame provozieren würden. In solchen Momenten heißt der obligatorische Rat, eine Nacht darüber zu schlafen. Doch weil Oma Marie partout nicht schlafen konnte, griff sie zum Stift und brachte ihre Empörung zu Papier: Sie kündigte ihrer evangelisch-lutherischen Kirche die Freundschaft samt Mitgliedschaft, weil diese den Pastor im Namen des Herren so gewähren ließ.

Warum sie einen so drastischen Weg gewählt habe und im Alter von 84 Jahren der Gemeinde den Rücken kehren würde? So lautet ihre Antwort in dem Abschiedsbrief: „Homosexuelle als Sünder zu bezeichnen und „Heilung“ anzubieten ist unverantwortlich. Gerade junge, unsichere Menschen, die keinen grenzenlosen Rückhalt in ihrer Familie geniessen, werden durch Aussagen, wie die, des Herrn Cochlovius, auf einen brandgefährlichen Weg gebracht. Verunsicherung? Umerziehung? Destabilisierung? Sind das christliche Werte? ... Ich vermisse den „Aufschrei“ meiner Kirchengemeinde oder der EKD, die die Aussagen von Herrn Cochlovius entschieden zurückgewiesen haben.“ Darum trete sie nach 84 Jahren aus der Kirche aus und bete zukünftig zu Hause – basta.

Am nächsten Morgen sei Oma Marie dann im Auto zum Rathaus gefahren, weil sie immer Auto fahre, und habe das Schreiben dort abgegeben, erzählt ihr Enkel. Doch damit nicht genug, ihr privater Entschluss sollte unbedingt publik werden, um auf dem Wege eine lange überfällige Diskussion zu pushen: Den Umgang mit erzkonservativem Sektierertum in der evangelischen Kirche.

Darum habe sie ihren Enkel gebeten, den Brief abzutippen und dann auf Facebook zu posten. Die Reaktionen kamen prompt, die „Gefällt mir“-Daumen gingen hoch, der Brief erhielt viele Kommentare, die der Seniorin für ihren Mut und die konsequente Tat dankten. Nach einer Woche meldet sich auch ihre Gemeinde: In einer Resolution verurteilten sie die homophoben Aussagen des Pastors von nebenan und entschuldigten sich bei allen Menschen, denen dadurch Unrecht widerfuhr. Von den Worten allein zeigte sich Oma Marie bisher wenig beeindruckt. (stb)

Leser-Kommentare

Insgesamt 4 Kommentare

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  1. Peter

    Wenn dei Frau das mit 84 schafft, spricht nichts dagegen, dass ich mit 36 austrete - solche dummen Menschen sollte man nicht mit seinen Steuergeldern beim Verbreiten von Unsinn unterstützen.

  2. Ute

    Die Gründe, der Kirche den Rücken zu drehen, sind so vielfältig wie das Leben selbst.

  3. Anja Osiander

    Eine gepfefferte Geschichte - leider arg verkürzt. Bitte gründlicher recherchieren! Wenige Klicks führen zu einer Stellungnahme des Vorstands der betroffenen Kirchgemeinde, die deutlich macht: Oma Marie hätte besser bei Pfarrer Cochlovius angerufen und ihn zur Rede gestellt, statt aufs Wort zu glauben, was das Fernsehen an Redeausschnitten zeigt! Mich macht traurig, daß unsere Meinungsbildung von solchen Journalisten abhängt.

  4. Ruben

    Bin ich der einzige, der sich frägt, ob hier auch eine Inzestkomponente mitpielt? „sie leben in einer glücklichen, seit Jahren bestehenden Beziehung, in der sie füreinander da sind“ Wenn beide ihre Enkel sind, dann sind sie Cousins. Und führen ne sexuelle Beziehung? Ist das nicht Inzest? Gibt es überhaupt Inzest unter Homosexuellen? Immerhin stellen hier keine genetisch bedingten, ethischen Fragen, und offenbar gibt es in dieser Welt auch kaum noch irgendwelche Grenzen. Man braucht bzgl. der Position des Kirchenvertreters nicht so schockiert tun. Die Bibel spricht sich unmißverständlich gegen homosexuellen Geschlechtsverkehr aus. Im alten SOWIE im neuen Testament. Ein allmächtiger Gott ohne Anfang oder Ende wird sich kaum verbiegen, weil der moderne Mensch meint, daß er das gefälligst zu tun hat. Also entweder man akzeptiert den Standard, der seit Tausenden Jahren unverändert geblieben ist, oder man hört auf, so zu tun als ob man „christlich“ oder „gläubig“ ist und wird Atheist.

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