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Samstag, 24.01.2015

Ohren auf!

Augen auf, Herzen auf, Türen auf – das reicht nicht. Wir müssen endlich auf die Fragen hören, mit denen uns das Phänomen Pegida konfrontiert.

Von Christian Thielemann

Chefdirigent Christian Thielemann auf dem Theaterplatz vor der Semperoper, wo am Sonntag Pegida demonstriert.
Chefdirigent Christian Thielemann auf dem Theaterplatz vor der Semperoper, wo am Sonntag Pegida demonstriert.

© Robert Michael

Die Mitarbeiter der Semperoper verspüren seit Wochen ein Unbehagen, montags zur Arbeit zu gehen. Sorge, dass womöglich Steine oder Flaschen fliegen könnten, dass die Situation auf dem Theaterplatz eskaliert. Sich den Weg durch eine aufgebrachte Menge bahnen zu müssen, durch Lärm und Gebrüll, um wenig später in der „Fledermaus“ oder in Debussys „Pelléas et Mélisande“ auf der Bühne zu stehen, das macht aus dem Theater einen Elfenbeinturm, der es nicht ist und nicht sein darf – nicht einmal in einer Stadt wie Dresden, der gerne Kulinarik nachgesagt wird. Wir hier drinnen, ihr da draußen: So funktioniert Kunst nicht, so funktioniert Öffentlichkeit nicht. Insofern müsste ich es eigentlich begrüßen, dass die Pegida-Demonstration am vergangenen Montag verboten wurde. Schade, dass wir an diesem Tag keine Vorstellung hatten.

Unsere Versammlungs- und Meinungsfreiheit aber ist ein hohes Gut. Ein Gut, das wir uns durch keinen Terror der Welt nehmen lassen dürfen. Insofern war ich gegen das besagte Verbot und kann nur hoffen, dass Sicherheitsbehörden und Politik stichhaltige Gründe dafür hatten. Wenn ich allerdings sehe, mit welchen Reflexen „die Medien“ auf die Pegida-Vertreterin Kathrin Oertel reagieren, die sich Sonntagabend in die ARD wagte, dann frage ich mich, wie wir selber mit unseren Gütern und Werten umgehen: Eine schwarz gekleidete, blonde Frau, die sich bei Günther Jauch nicht provozieren lässt, gilt als „eiskalt“ und „emotionslos“. Weil sie sich zur Sprecherin der Unzufriedenen in diesem Land macht und Meinungen vertritt, die offenbar niemand hören will. Weil sie nicht mitspielt und sich jeder Skandalisierung entzieht. In den Genuss unserer Meinungsfreiheit kommt sie auf diese Weise nicht.

Frau Oertel hätte klarer sagen können und müssen, wogegen Pegida sich richtet. Dass sie es nicht konkret oder konkret genug getan hat, begreift ein Theatermensch wie ich sofort als Inszenierung, als Strategie. Und vielleicht ist es nicht einmal die dümmste. Die Zehntausende, die Pegida Woche für Woche folgen, sind mit vielem unzufrieden, das scheint von der GEZ-Gebühr bis zur Asylantenquote zu reichen. Dies einzeln aufzulisten führt momentan zu nichts. Vielmehr geht es darum, der Unzufriedenheit als solcher Ausdruck zu verleihen, jenem Gefühl der Ohnmacht, das so viele bedrückt und mit dem, wenn es weiter um sich greift, kein Staat mehr zu machen sein wird. Und kein Volk und keine Kunst.

„Augen auf“, „Herzen auf“, „Türen auf“ hat die Semperoper auf Fahnen, die auf dem Theaterplatz wehen, geschrieben. Ich würde dem gerne ein „Ohren auf“ hinzufügen. Die Menschen trauen sich nicht, zu sagen, was sie denken, weil sie nirgends auf offene Ohren stoßen und weil das, was sie denken, so weit weg ist vom Konsens, dass die diplomatischen Gepflogenheiten unserer Verständigung dafür nicht ausreichen. Es wird viel geredet in Deutschland, aber es wird nicht offen geredet, so dass wir für bestimmte Dinge nur die Wahl zwischen Parolen und politischer Korrektheit haben und keine differenzierte Sprache mehr. Sprechendürfen und Zuhörenkönnen aber gehören zusammen. Es wird nicht mehr zugehört. Das besorgt mich. Pegida sei nicht die Krankheit, sondern das Symptom, hat die Schriftstellerin Monika Maron gesagt. Unsere Politiker doktern nahezu ausschließlich an den Symptomen herum. Als würden sie den Werten, auf denen unsere Gemeinschaft ruht, insgeheim nicht mehr trauen.

Die schrecklichen Ereignisse von Paris schreien nach einer offensiven Definition dieser Werte, ich nenne sie einmal: bürgerliche Werte. Wir haben etwas zu verteidigen, und vielleicht wird uns das durch solche Katastrophen wieder bewusst. Neben der Pressefreiheit wäre Bildung für mich ein erster bürgerlicher Wert, der Umgang mit Kunst und Kultur, der uns lehrt, die Meinung des anderen zu respektieren und Konflikte friedlich auszutragen. Die Familie, das Geborgensein in Liebe und Vertrauen, ganz gleich, in welcher Personen- oder Geschlechterkonstellation sich Familie zuträgt. Stichworte wie Verlässlichkeit, Anstand, Ehrlichkeit, Rücksicht, Respekt kommen mir in den Sinn, kurz: alles, was zu einer menschlichen Erziehung gehört.

Ich würde mir wünschen, dass am Berliner Humboldt-Forum oder an der Dresdner Frauenkirche 99 Thesen zu unseren bürgerlichen Werten prangen. Für alle zugänglich, jederzeit nachzulesen. Der Bundespräsident könnte sich hier profilieren, aber es würde mich auch interessieren, was Angela Merkel dazu beizutragen hätte. Der Islam gehört zu Deutschland? Warum nicht. Vielleicht gehört das Christentum ja irgendwann zur Türkei und das Judentum zur arabischen Welt.

Solange dies nicht der Fall ist, müssten wir allerdings sagen dürfen, dass es nicht der Fall ist, ohne als faschistoid, rechtspopulistisch oder intolerant zu gelten. Die 68er haben von ihrer Vätergeneration Bekenntnisse verlangt, Offenbarungen, Schuldeingeständnisse. Es ist an der Zeit, von ihnen das Nämliche zu fordern. Die Fragen, mit denen das Phänomen Pegida uns konfrontiert – insofern könnte darin bei allem Bauchgrimmen und mit einiger Abstraktion auch eine Chance liegen –, wären: Was bedeutet Freiheit in einer offenen, aufgeklärten Gesellschaft, was Toleranz? Wie weit können wir die Grenzen stecken, wie eng sollten wir sie stecken? Müssen wir uns von gewissen Freizügigkeiten vielleicht verabschieden, weil wir ihrer nicht mehr Herr werden?

Ich finde es nicht hinnehmbar, dass ein arabischstämmiger Jugendlicher seiner Lehrerin ins Gesicht schreit, von Frauen lasse er sich nichts sagen. Ebenso wenig hinnehmbar ist, dass Menschen wegen ihres nicht deutschen Namens, ihrer Hautfarbe oder ihrer Religion keine Wohnung finden. Beide Fälle zeigen, in welchem Zustand der Verunsicherung und Verrohung sich unsere Gesellschaft befindet.

Die Politik hat sich nicht genug bemüht, die Einwanderer zu integrieren. Wir haben nicht verstanden, wie wichtig es für sie ist, die Sprache unseres Landes zu beherrschen. Wir haben nicht sehen wollen, dass Kultur und Religion in der Fremde immer an Bedeutung gewinnen, nie an Bedeutung verlieren – und was das für den Integrationsprozess und sein Konfliktpotenzial heißt. Wir haben den Dialog nicht geführt, der zu führen gewesen wäre, von Anfang an nicht.

Wir haben in den Siebziger- und Achtzigerjahren nicht für eine Durchmischung der Gesellschaft gesorgt – und plötzlich gab es Ballungen in den Städten, Brennpunkte, die für keine Seite gut waren. Wer auf der Kultur beharrte, die er von zu Hause und in seinem Herzen mitgebracht hatte, weil er mit der anderen, neuen gar nicht in Berührung kam oder kommen konnte, galt als integrationsunwillig. Und wer als Deutscher von Bedrohung sprach, war Ausländerfeind.

Den Unzufriedenen zuzuhören scheint das Gebot der Stunde zu sein Die globalen Probleme drohen uns über den Kopf zu wachsen: der Ukrainekonflikt, der Nahe Osten, die radikalen Islamisten von Syrien bis Paris – das mag in der Summe diffus sein und diffuse Ängste schüren, aber vielleicht hat es trotzdem seine Berechtigung. Gerade wenn es sich an den Zuständen vor der eigenen Haustür festmachen lässt. Einer, der das lange vor Pegida gesehen hat, ist Heinz Buschkowsky, der Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln. Er trifft in seinen Formulierungen genau die Balance zwischen Wohlwollen und Kritik (im Gegensatz zu Thilo Sarrazin), an der wir uns viel früher ein Beispiel hätten nehmen müssen. Buschkowsky ist dafür heftig gescholten worden. Auch das hat den Menschen nicht gerade Mut gemacht.

Ich habe sehr nette Briefe bekommen, in denen ich gebeten wurde, nach einer von mir dirigierten Vorstellung auf den Balkon der Semperoper zu treten und montags „zum Volk“ auf dem Theaterplatz zu sprechen. Ich bezweifle jedoch, dass das meine Aufgabe wäre. Wir Künstler sollten uns mehr einmischen in die Debatten, aber wir können die Politik nicht ersetzen. Wir können uns nur auf unsere Weise Gehör verschaffen. Die Musik bietet da das perfekte gesellschaftliche Gleichnis. Denn nicht der Dirigent zeigt den Musikern, wo es langgeht, sondern Bach, Beethoven und Wagner zeigen es uns. Darauf hat sich das Orchester nun einmal geeinigt. Das heißt, jeder Einzelne muss sein Handwerk, sein Instrument, seine Stimme so beherrschen, dass er oder sie der jeweiligen Partitur gerecht wird. Akzentfrei, in der richtigen Sprache, mit Sensibilität und wachen, offenen Ohren. Nur so funktioniert das Zusammenspiel.

Pegida hat sich für ihre Aktivitäten Dresden ausgesucht, die Stadt, die am 13. Februar 2015 des 70. Jahrestages ihrer Zerstörung durch alliierte Bomber gedenkt. Die Stadt, die zu spüren bekommen hat, dass Unrecht niemals mit Unrecht zu vergelten sein darf. Dieses Trauma und diese Erkenntnis haben sich tief in die Seele der Stadt und ihrer Menschen eingegraben. In der Semperoper werden wir an diesem Tag Rossinis „Stabat mater“ spielen, und wenn Dreiviertelzehn die Glocken läuten, mag jeder an vieles denken, nicht nur an das brennende Dresden: an Auschwitz oder an Hiroshima, an den 11. September und an „Charlie Hebdo“.

Den Mutlosen auf diese Weise wieder Mut machen und den Unzufriedenen zuhören, das scheint mir das Gebot der Stunde zu sein. Und ihnen jene Toleranz entgegenbringen, derer wir uns rühmen.

Der Autor: Christian Thielemann, ist seit 2012 Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden. Der 55-Jährige hatte jüngst im Interview mit der Sächsischen Zeitung beklagt, dass keine Partei mehr für patriotische und wertkonservative Ziele eintritt. „Die bürgerliche Mitte, die offen und tolerant ist, vehement für ihre Werte eintritt, ohne andere auszugrenzen, fehlt.“

Der Beitrag ist in der Wochenzeitung „Die Zeit“ erschienen.