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Donnerstag, 06.09.2012

Nokias letzte Hoffnung

Eingekesselt von Android-Smartphones und Apples iPhone versucht Nokia mit neuen Windows-Handys den Ausbruch. Das Unterfangen muss gelingen, sonst sieht es düster aus für den einstigen Weltmarktführer.

Von Daniel Schnettler

New York. Nein, ein Steve Jobs ist Stephen Elop wahrlich nicht. Als der Nokia-Chef am Mittwoch in New York die Bühne betritt, um sein neues Handy-Flaggschiff Lumia 920 und das kleinere Lumia 820 vorzustellen, brandet nur verhaltener Applaus bei den anwesenden Journalisten aus aller Welt auf. Es will einfach keine rechte Stimmung aufkommen, auch wenn sich Elop sichtlich müht, locker zu erscheinen: in weißem Hemd ohne Krawatte, dunklem Sacko und Jeans.

„Wir sind der Überzeugung, dass wir den Leuten eine Alternative bieten können“, sagt Elop und beschwört geradezu: „Nokia hebt sich ab.“ Der Konzern setzt anders als die breite Masse der Konkurrenten massiv auf das kommende Handy-Betriebssystem Windows Phone 8. Die Finnen sind mit dem Entwickler Microsoft eine enge Partnerschaft eingegangen, während der Großteil der Branche auf Googles Android-System wettet - und damit bislang recht gut fährt. Vor allem Samsung, die neue Nummer eins beim Smartphone-Absatz.

Tiefe Krise

Nokia dagegen steckt in einer tiefen Krise: Die Marktführerschaft ist verloren, hohe Verluste laufen auf, Erfolgsmodelle fehlten bisher. „Wir machen Fortschritte“, versichert Elop und sagt den Lieblingssatz eines jeden Managers, der in der Klemme steckt: „Wir haben eine klare Strategie.“ Nur scheint ihm das die Börse jedenfalls nicht abzunehmen: Kaum sind die ersten Details des Lumia 920 bekannt, rauscht der Aktienkurs fast 8 Prozent in den Keller.

Was für ein Unterschied zu Steve Jobs, dem vor einem Jahr verstorbenen Apple-Chef. Seine Produktvorstellungen enthielten oft eine kleine Sensation: iPod, iPhone, iPad. In Rollkragenpulli und Bluejeans zeigte er dem begeisterten Auditorium die neuesten Gimmicks seiner Geräte. Elop verlässt nach neun Minuten erst einmal die Bühne und überlässt das Feld einer Mitarbeiterin. Sie stellt das vielleicht wichtigste Handy in Nokias Geschichte vor.

Das Gerät in ihrer Hand ist gelb, hat nach Nokias Bekunden die weltbeste Kamera, ein superstabiles Gehäuse, ein tolles Display, eine kabellose Ladeeinrichtung und einzigartige Kartendienste. Die Zuschauer bleiben beunruhigend sprachlos, wissen nicht ganz, was sie mit dem nach Eigenwerbung „innovativsten Smartphone der Welt“ anfangen sollen. Die Aktie fällt weiter auf minus 13 Prozent.

Die Präsentation ist von Pannen begleitet: Bei der Videopräsentation des Lumia 920 bricht der Ton ab, die Bildschirm-Inhalte des Vorzeigehandys lassen sich erst nach dem Eingreifen der Techniker auf die Leinwand projezieren und das Gerät verweigert zunächst die Verbindung zur mitgebrachten Musikanlage.

Fast verzweifelte Botschaft

Dabei geht es für Nokia um alles oder nichts. „Switch to Lumia“ lautet die fast schon verzweifelt anmutende Botschaft der Finnen. „Wechsle zu Lumia“. Denn Altkunden gibt es kaum: Wer heute ein Smartphone besitzt, nutzt ein iPhone, ein Android-Gerät oder vielleicht noch ein Blackberry. Der Marktanteil von Nokias erster Lumia-Baureihe, vorgestellt vor einem Jahr in London und mit Windows Phone 7 ausgestattet, ist vergleichsweise gering.

Im zweiten Quartal kamen alle bisherigen Windows-Phones zusammen auf einen Marktanteil von gerade mal 2,7 Prozent. Das kommende Betriebssystem Windows Phone 8 soll die Wende bringen. Das Lumia 920 ist eines der ersten Smartphones, das die Technik nutzt. Microsoft-Chef Steve Ballmer lässt es sich nicht nehmen, persönlich zu erscheinen: „Das ist ein sehr wichtiger Meilenstein“, sagt er. Es zeige sich hierin die „unglaubliche Kraft der Partnerschaft“.

Der Erfolgsdruck auf Nokia ist gewaltig: Im vergangenen Jahr lief ein Verlust von 1,2 Milliarden Euro auf, im ersten Halbjahr 2012 waren es schon 2,3 Milliarden Euro. Sollten die neuen Modelle den Abwärtstrend nicht aufhalten können, wird es für Nokia-Chef Elop eng. Er hat alles auf die Windows-Karte gesetzt. Die Kunden werden am Ende entscheiden, ob es die richtige Karte war. (dpa)