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Montag, 12.02.2018

Niesky will „Land unter“ verhindern

Die Stadt liegt tief. Und die Wassergräben haben fast kein Gefälle. Für den Regenabfluss müssen daher besondere Maßnahmen her.

Von Frank-Uwe Michel

Der Seegraben in der Nähe des Nieskyer Ortsteils See ist eines der Sorgenkinder in der Gewässerpflege der Stadt – auch von Enrico Bachmann (im Foto), der in der Stadtverwaltung dafür verantwortlich ist. Wird der Seegraben nicht regelmäßig von Krautwuchs befreit und ausgebaggert, fließt das Wasser nicht ab und überschwemmt die Felder.
Der Seegraben in der Nähe des Nieskyer Ortsteils See ist eines der Sorgenkinder in der Gewässerpflege der Stadt – auch von Enrico Bachmann (im Foto), der in der Stadtverwaltung dafür verantwortlich ist. Wird der Seegraben nicht regelmäßig von Krautwuchs befreit und ausgebaggert, fließt das Wasser nicht ab und überschwemmt die Felder.

© André Schulze

Niesky. An den meisten Tagen im Jahr leben die Nieskyer ganz entspannt in ihrer Stadt. Doch nach der Schneeschmelze – sollte die weiße Pracht tatsächlich noch kommen – und den immer öfter herab prasselnden Starkregenfällen sieht die Sache schon anders aus. Dann könnte es ganz schnell „Land unter“ heißen. Denn Niesky liegt tief, fast wie in einem Tal. Die vielen Gräben sind zwar für den Abfluss zuständig, können in Härtefällen aber längst nicht so viel Wasser transportieren, wie es eigentlich notwendig wäre. „Aufgeben ist natürlich keine Option für uns. Wir als Stadt sind zuständig dafür, dass es nicht zu Überschwemmungen kommt“, sagt Enrico Bachmann. Deshalb setzt der Sachgebietsleiter Tiefbau in der Stadtverwaltung auf Gewässerpflege, die seiner Meinung nach in der öffentlichen Wahrnehmung, aber auch in der tatsächlichen Arbeit, viel zu kurz kommt. „Dabei wird in unserer Stadt schon eine Menge geleistet. Wir müssen es tun, weil wir sonst keine Chance haben im Kampf gegen manch sicherlich noch zu erwartende Sturzflut.“ In der Regel gibt Niesky im Jahr zwischen 4 000 und 5 000 Euro aus, um mit den so genannten Gewässern zweiter Ordnung klar zu kommen.

57 Kilometer beträgt die von der Stadt zu betreuende Gewässerlänge. Dazu zählen alle bekannten Gräben wie kleiner und großer Gaertiggraben, Molkereigraben, Gerbergraben und Jordangraben. Aber auch die Bächlein in den Ortsteilen gehören dazu. Der Seegraben in See zum Beispiel oder das Stannewischer Grabensystem. In Kosel ist es der Schachthausgraben, in Neukosel der Kapplergraben. „Das alles sind Hauptachsen, die unsere Siedlungsbereiche entwässern. Jede Flächenversiegelung trägt zum erhöhten Wasseraufkommen bei. Deshalb ist es nicht leicht, mit den anfallenden Mengen zurechtzukommen“, erklärt Bachmann die Schwierigkeiten. Und erinnert an einen Fall, der besonders teuer und zäh zu bewältigen war: „2016 war nach einem Starkregen der Gaertiggraben verstopft, der normalerweise das Wasser aus dem Bereich Zentrum/Landratsamt ableitet. Wir mussten ihn ausbaggern. Bei der Beprobung stellte sich die Kontaminierung mit von den Straßen eingeflossenen Schadstoffen heraus. Für die Entsorgung von etwa 450 Tonnen Schlamm hatten wir 25 000 Euro zu bezahlen.“ Um den Wasserablauf in den Gräben frei zu halten, sind die Mitarbeiter des städtischen Bauhofes vor allem im Januar und Februar gefragt. Denn nur in dieser Zeit ist es wegen Naturschutzauflagen erlaubt, die Grabensolen zu reinigen und abgestorbenes Holz oder anderes Treibgut herauszuholen. Wegen der momentan aufgeweichten Flächen ist dies mit schweren Maschinen allerdings schwierig. Die Grasmahd ist dann auch während des Jahres möglich. Vor allem im August und September werden die Grabenböschungen abgeschnitten. „Tun wir das nicht, steht das Wasser wegen des geringen Gefälles irgendwann. Und es fängt an, unangenehm zu stinken“, erklärt der Fachmann aus der Stadtverwaltung. Für die dringend notwendige Gewässerunterhaltung würde er sich größere Kapazitäten wünschen. Dabei gehe es ihm nicht vordergründig ums Geld, „Hier ist vor allem Manpower gefragt, damit wir in den Zeiten, wo wir etwas machen können, möglichst viel schaffen.“

Um langfristig Verbesserungen zu erreichen und auch die Zuständigkeiten abzuklären, wird in der Stadtverwaltung derzeit das Gewässerkataster überarbeitet. „Dabei gehen wir Graben für Graben durch, um herauszufinden, ob die Stadt oder der Grundstückseigentümer selbst zuständig ist für die Gewässerpflege.“ In zwei bis drei Jahren will man mit den Untersuchungen fertig sein. Dann sollen sie als Grundlage für langfristige Pläne in der Gewässerunterhaltung und -entwicklung dienen. Denn gerade die Weiterentwicklung der Gräben tut dringend not. Für besonders wichtig hält Bachmann den Molkereigraben als Hauptableitung für das städtische Regenwasser und den Seegraben als Regulator im ländlichen Bereich bei See. „Wir müssen die Durchflusskapazität erhöhen, was mitunter auch gefördert wird.“ Eine Möglichkeit sei, die Gewässer mit Pappeln und Weiden zu beschatten, um das Wachstum von störendem Gras und Wasserpflanzen zu minimieren. Andererseits könne man die Gräben aber auch breiter machen, Raum schaffen und Begradigungen aufheben. „Fest steht: Wir müssen dafür sorgen, dass das Wasser nicht zum Stehen kommt, sondern allein abläuft.“