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Kommentar

Niemand ist hier schuld

26.09.2017
Von Marcus Thielking

st hier schuld
Marcus Thielking, SZ-Feuilleton-Chef

© Robert Michael

Sobald irgendwas Schlimmes passiert, dauert es höchstens ein, zwei Tage, bis die Frage nach den Schuldigen laut wird. Selbst bei Naturkatastrophen ist das so. Irgendjemand muss schuld sein, wir können es sonst nicht ertragen. So ist es auch nach der Bundestagswahl. Für die einen sind, wie so oft, die Medien schuld, die zu viel über die AfD berichtet hätten. Für die anderen ist es Angela Merkel, denn sie habe sich dem Wahlkampf verweigert. Oder war es die SPD, die das Thema Gerechtigkeit verspielt hat? Vielleicht aber auch die CSU, die versucht hat, rechts zu überholen?

Was bei all diesen Diskussionen übersehen wird: Die Frage nach dem „Schuldigen“ ist völlig widersinnig. Wir reden hier nicht über einen schweren Verkehrsunfall, sondern über das Ergebnis einer demokratischen Wahl. „Schuld“ sind, wenn überhaupt, die Wählerinnen und Wähler. Ein besseres Wort wäre: Sie sind verantwortlich. Sie haben als freie, mündige Bürger eine Entscheidung getroffen und ihr Kreuz gemacht. Natürlich muss man über die Ursachen von politischem Stimmungswandel reden. Aber oft wird dabei der Eindruck erweckt, Millionen von Wählern seien überhaupt nicht zurechnungsfähig. Jeder Einzelne ist selbst verantwortlich für das, was er wählt. Das muss man respektieren. Es bedeutet jedoch auch: Selbstverständlich darf man kritisieren, wenn Wähler in Kauf nehmen, dass Rassisten ins Parlament einziehen. Wer mündig ist und zurechnungsfähig, muss sich auch Kritik anhören.

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