erweiterte Suche
Dienstag, 19.08.2014

Neue Zahlenspiele zum Mindestlohn

Kellner, Friseure, Bäcker: Eine Studie sagt, dass Zehntausende in Sachsen ihre Jobs verlieren könnten.

Bild 1 von 2

© Zeichnung: Harm Bengen

Dresden. Professor Ronnie Schöb ist ein Gegner des Mindestlohns – seit Jahren veröffentlicht er Zahlen über drohende Arbeitsplatzverluste. Nun hat er seine Berechnungen auf sächsische Landkreise angewandt, im Auftrag von Wirtschaftsminister Sven Morlok (FDP). Gemeinsam stellten beide gestern vor der Presse die Studie vor, der zufolge in Sachsen in den nächsten fünf Jahren Zehntausende Stellen wegen des Mindestlohns wegfallen könnten.

Schöb nannte die neue Lohnuntergrenze von 8,50 Euro ein „Experiment mit höchst ungewissem Ausgang“. Nach seiner Rechnung könnten allein in der Stadt Dresden bis zu 8.700 Menschen die Arbeit verlieren, weil ihre Chefs sich den neuen vorgeschriebenen Lohn nicht leisten können. Für den Kreis Bautzen errechnete Schöb bis zu 5.900 gefährdete Stellen.

Rechnung per Erfahrungswert: Lohnerhöhung gefährdet Stellen

Die Rechnung des Berliner Professors beruht auf einer Formel: Bei jeweils zehn Prozent Lohnerhöhung sinkt die Beschäftigung um je 7,5 Prozent. Das sei ein Erfahrungswert für den Niedriglohnsektor. Schöb hat also keine speziellen Berechnungen für Bäcker oder Friseure angestellt oder erwogen, in welcher Branche Preis-Erhöhungen möglich sind. Vielmehr trug Schöb gemeinsam mit Dresdner Forschern des Ifo-Instituts Zahlen zum bisherigen Stundenlohn zusammen. Das Ergebnis: Jeder vierte beschäftigte Sachse bekommt weniger als 8,50 Euro – müsste also eine Erhöhung erhalten oder die Kündigung.

Unterschiede: Weniger Niedriglöhne in Leipzig als an der Landesgrenze

Die Studie für Minister Morlok zeigt, dass Niedriglöhne vor allem im Grenzgebiet zu Polen und Tschechien verbreitet sind – und vor allem bei Dienstleistern. Die meisten Kellner bekommen weniger als 8,50 Euro: In Sachsens Gastgewerbe liegen 64 Prozent der Beschäftigten unter diesem Wert. Weit verbreitet sind solche Löhne auch bei Verkäufern, Friseuren, in Bäckereien und Fleischereien. Auch in den alten Ländern gibt es Löhne unter 8,50 Euro – allerdings dort nur für etwa jeden achten Beschäftigten. In Sachsen steht Leipzig laut Schöb am besten da: Dort gebe es zum Beispiel große Hotels, die besser zahlten als Landgasthöfe.

Getrennte Vorhersagen: Forscher nennt lieber zwei Zahlen

Schöb nennt für jeden Landkreis zwei Zahlen, wenn er nach den möglichen Jobverlusten gefragt wird – und auch für Sachsen insgesamt. Bis zu 60.000 Stellen gehen verloren, falls die Arbeitgeber gar nicht mehr bezahlen können als jetzt. Bis zu 30.000 Stellen sind es, falls die Firmen Lohn-Erhöhungen bis zu etwa 20 Prozent verkraften können. Wer derzeit mehr als sieben Euro verdient, muss sich laut Schöb weniger Sorgen um seinen Job machen als Beschäftigte mit geringerem Einkommen. Frauen bekommen häufiger als Männer Niedriglohn, die befohlene Erhöhung gefährde daher mehr Frauen-Arbeitsplätze. Schöbs Rechnung berücksichtigt nicht, dass einige Branchen den Mindestlohn noch nicht 2015 zahlen müssen, etwa Friseure und Landwirte wegen neuer Tarifverträge.

Vorbeugung: Minister beauftragt den nächsten Gutachter

Wirtschaftsminister Morlok sagte zu den vorhergesagten Entlassungen, er werde „nicht tatenlos zusehen“. Allerdings müsse die Entwicklung zunächst von einem neuen externen Gutachter sowie einer Expertengruppe im Ministerium beobachtet werden. Falls die Arbeitslosigkeit steige, werde es Fördergeld für Weiterbildung und Mittelstand geben. Firmen müssten keine Subventionen zurückzahlen, wenn sie wegen des Mindestlohns nicht so viele Arbeitsplätze bieten wie versprochen. Laut Morlok werden sächsische Kommunen vom Mindestlohn profitieren: Sie müssen weniger Wohngeld bezahlen, wenn das Einkommen der Niedriglöhner steigt. Das eingesparte Geld sollten sie zur Senkung der Gewerbesteuer nutzen, riet Morlok.

www.szlink.de/ifostudie

Leser-Kommentare

Seite 1 von 3

Insgesamt 11 Kommentare

Alle Kommentare anzeigen

  1. entejens

    einen laut artikel ausgewiesenen gegner des mindestlohns mit einem solchen gutachten zu beauftragen, sagt einiges über den minister. und die im artikel genannten schwächen reichen für mich, daß man darauf keine politischen entscheidungen aufbauen kann - aber "Sachsen ist nicht Berlin" ...

  2. E.H.

    Es reicht! Haben die Redeakteure der SZ nicht mal mehr einen winzigen Rest Ehre im Leib, daß auf solche maximal perfide Art Propaganda für Unternehmer und Reiche betrieben werden muß?

  3. Frank H.

    Wirtschaftsminister Morlok möchte ja gar nicht mehr gewählt werden. Hat er ja auch nicht verdient. Aber was soll der arme Mensch dann machen. Er kann ja nichts. Und in der Politik ist er überflüssig.

  4. WU

    E. H. ?? Erich, bist Du es??

  5. C.G.

    Es ist langsam zum k....! Da werden ganze Armeen hochdotierter "Wissenschaftler" monatelang damit beschäftigt, sich Gegenargumente für eine menschenwürdige Bezahlung aus dem Hirn (?) zu quetschen. Wird bei deren Verträgen vielleicht auch um die Bezahlung gefeilscht wie auf dem Basar von Jerusalem? Oder werden diese, (meistens Herren), großzügig entlohnt (man kann auch BElohnt dazu sagen), da sie ja der Staatserhaltung und dem Lobbyismus dienen? MENSCHENWÜRDIG! Jeder, der einem anderen seine Arbeitskraft verkauft, hat ein Recht auf eine angemessene Bezahlung, von der er und seine Familie leben (und nicht nur existieren) kann. Wenn ein Unternehmen nicht in der Lage ist, seine Produkte konkurrenzfähig zu arbeitnehmergerechten Bedingungen am Markt zu etablieren, ist am Unternehmen etwas faul. Schließlich sollte es nicht nur um die Steigerung und Vermehrung des Profits einzelner Gruppe gehen, (Unternehmer, Eigner, Aktionäre usw.), sondern um die Existenz der gesamten Gesellschaft. Zurzeit komme ich mir durch die unsägliche Diskussion vor, wie in den finstersten Kapitalismus zurück versetzt - Ausbeutung der Beschäftigten, wo und wie immer es geht. Ich möchte noch hinzufügen, dass ich kein Marxist bin, sondern nur meinen gesunden Menschenverstand benutze.

Alle Kommentare anzeigen

Seite 1 von 3

Kommentare können nur in der Zeit von 8:00 bis 22:00 Uhr abgegeben werden.